Aachen - Otto Trebels: Der Amtsrat geht, der Puppenspieler bleibt

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Otto Trebels: Der Amtsrat geht, der Puppenspieler bleibt

Von: Werner Czempas
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Die Technik des alten Filmprojektors kann Otto Trebels bis ins Detail erklären. Seine Zeit im Medienzentrum am Blücherplatz aber ist nach mehr als drei Jahrzehnten nun beendet.

Aachen. „So gehen die Jahre dahin“, sagt der Otto Trebels und lacht. Einen Augenblick guckt er, als könne er es selbst nicht glauben. Aber er hat dem Staat wirklich mehr als 50 Jahre in treuer Pflichterfüllung gedient.

Nun ist der Städtische Amtsrat in den Ruhestand getreten. So ganz aber tritt er immer noch nicht: Der Stadtpuppenbühne „Öcher Schängche“ bleibt der 68-Jährige als Spielleiter erhalten.

Das Medienzentrum am Blücherplatz war das Reich des Otto Trebels. Hier war er mehr als drei Jahrzehnte Chef. Chef, wie der Beamte formuliert, „einer Bildungseinrichtung der Stadt, jetzt der Städteregion, zur Versorgung von anderen Bildungseinrichtungen mit audiovisuellen Lehr- und Lernmitteln und dies begleitend mit einer medienpädagogischen Aus- und Fortbildung“.

Aus Schulen, Hochschulen, Kitas und Berufskollegs kommt die Kundschaft. Rund 13 000 Medien, Filme, Kassetten, DVD liegen parat. Im Kaiserreich, erzählt Trebels, war so eine Behörde das „Reichsinstitut für Wissenschaft und Bildung“.

Chef des Medienzentrums

Wenn Otto Trebels im Archiv die Technik eines ur-ollen Filmprojektors und eines Schulradios Typ anno dazumal erklärt und dabei dem journalistischen Besucher seinen minutiös aufgelisteten „Beruflichen Werdegang“ in die Hand drückt, wird beim Überfliegen der langen Latte schnell klar: Hier steht ein – das Wort klingt heute fremd – „preußischer“ Staatsdiener, der in allen Ämtern seinen Weg gegangen ist, hundert Prozent, diszipliniert, engagiert, kompetent, pflichtbewusst, zielbewusst.

Die Karriere beginnt 1961 als Kanzleilehrling beim Amtsgericht. Zehn Jahre später ist der Volksschüler Düppelstraße, der sich auf dem zweiten Bildungsweg hocharbeitet, Justizobersekretär. Beim spektakulären Contergan-Prozess ist er der Protokollführer. 1971 wechselt er zur Stadt, wenig später Beamter auf Lebenszeit, graduiert zum Diplom-Verwaltungswirt, Laufbahn in vielen Ämtern vom Stadtobersekretär über den Leiter der Verwaltungsstelle in der Öffentlichen Bibliothek bis 1983 zum Leiter der Stadtbildstelle, Städtischer Amtsrat 1989.

Seine berufliche Wertschätzung weit über Aachen hinaus zeigt sich als Mitarbeiter und Vorsitzender von Medien-Arbeitskreisen in Land und Bund. Als einziger Nicht-Bayer wird er „Mitglied der Arbeitsgruppe Online-Distributionssysteme für Unterrichtsmedien des Bayerischen Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung in München“. „Da habe ich die rheinische Note reingebracht“, lacht er wieder.

Die „rheinische Note“ des „preußischen“ Beamten: Eines Tages klopft es an der Bürotür des Otto Trebels, und hereinspaziert kommt Mattschö Stevens, Bühnenbildner am Stadttheater und legendärer Spielleiter des „Öcher Schängche“. Im Schul- und Kulturamt ist Trebels zuständig für die Finanzen der Puppenbühne. Stevens will kein Geld, er jammert: „Ich brauche einen Puppenspieler, wollen Sie nicht . . ?“ Trebels schnappt nach Luft. „Im Ernst?“ Dem Mattschö ist es ernst. Öcher Platt kann Otto Trebels: „Meine Eltern hatten ein Lebensmittelgeschäft, in der Stolberger Straße im Ostviertel, da musste ich wissen, was Eädäppel sind.“

Auch das Schängche gespielt

Otto Trebels besteht die Schängche-Probe. Kulturdezernent und Oberbürgermeister genehmigen die honorarlose Nebentätigkeit. Seit 1982 ist er dabei. „Ich habe alle Rollen gespielt, die die Puppenbühne hergibt, Männer, Frauen, Zwerge, Fiese, alles bis hin zum Schängche.“

Vom beliebten Mundart-Interpreten Hans Alt lernt er viel. Und als Mattschö Stevens stirbt, wird er als Nachfolger am 1. September 1989 zum Spielleiter der Stadtpuppenbühne ernannt.

Text für Tant Hazzor

Über die normale Pensionsgrenze von 65 Jahren hinaus durfte Otto Trebels drei Jahre länger „sein“ Medienzentrum dürfen. Beim Schängche will er dagegen so lange ausharren, „wie die Gesundheit es zulässt“. Endlich hofft er genug Zeit zu haben, um für die Puppenbühne andere Vorlagen, Stücke, Märchen umschreiben zu können, nicht nur im Urlaub.

In den Originalfassungen von „Arsen & Spitzenhäubchen“ oder im Mozart-Stück um den „Signore Salieri“ beispielsweise tauchen die Öcher Typen ja nicht auf, also schreiben Otto Trebels und Mitstreiter das Schängche, seine Braut Jretche, die Tant Hazzor, den Nieres oder den Poliss Noppenei da rein, auf Krippekratz, auf Teufel komm raus.

Noch immer freut sich Otto Trebels über die verdutzten Gesichter des Kabarettisten Wendelin Haverkamp und des Mundart-Interpreten Manfred Birmanns, als die beiden ihm ihre Idee des ersten deutschen Stockpuppen-Kabaretts „Pech & Schwefel“ unterbreiteten, behutsam, vorsichtig, weil sie glaubten, vom eher konservativ eingeschätzten Spielleiter ein erschrockenes Nein zu hören. Die beiden irrten. „Ich habe sofort das Potenzial gesehen und gesagt: Das machen wir!“, lacht Trebels noch heute. „Pech & Schwefel“ wurde ein Renner, die siebte Staffel läuft in diesem Jahr, mehr als 70 Vorstellungen seit 2008, immer ausverkauft.

Die große Schängche-Familie freut sich auf noch viele Jahre mit Spielleiter Otto Trebels. Die mehr als 50 Jahre Dienst für den Staat aber sind passé. Der Städtische Amtsrat a.D. korrigiert: „Es waren dreiundfünfzig-einhalb Jahre, davon dreiundvierzig-einhalb für die Stadt.“ Genau.

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