Öcher Mäddche wird Rektorin in Botswana

Von: Holger Richter
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Claudia Brendebach verwirklicht ihren Traum und baut in Botswana eine Vorschule. Auf ihrer abenteuerlichen Reise durch die afrikanische Bürokratie hat sie aber auch viele Menschen getroffen, die ihr helfen. Zu ihrer „rechten Hand“ und ersten Ansprechpartnerin vor Ort hat sich Mariam Matshara (kleines Bild) entwickelt. Claudia Brendebach, ein echtes Öcher Mäddche, gehört inzwischen zu ihrer Familie. Fotos (2): Andreas Herrmann Foto: Andreas Herrmann
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Mit 2000 dieser Faltblätter wirbt Claudia Brendebach in Aachen und Umgebung für ihr Schulprojekt in Botswana. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Claudia Brendebach ist Apotheken-Assistentin. Und eigentlich schon in Rente. Doch von Ruhestand kann bei dem 68-jährigen Öcher Mäddche keine Rede sein. Im Gegenteil: „Ich fange mit 68 Jahren noch mal neu an.“

Und damit meint sie keinesfalls ein neues Hobby, einen Tanzkurs, Segelferien oder den Beitritt zu einer Laientheatergruppe. Nein, Claudia Brendebach wird Schuldirektorin. Einer Schule, die sie selbst aus dem Boden stampft. Und zwar in Botswana.

Von dem Binnenstaat im Süden Afrikas ist die blonde Frau seit rund 15 Jahren begeistert. „Als ich das erste Mal dort aus dem Flugzeug stieg, habe ich sofort gespürt: Das ist mein Zuhause“, erinnert sie sich. Reiselustig sei sie immer schon gewesen. Sie hatte schon mehrmals Amerika und Asien besucht. Doch besonders angezogen hatte sie stets der afrikanische Kontinent. „Mein Vater ist 1979 während eines Urlaubs in Togo gestorben. Vielleicht fühle ich mich deswegen so zu Afrika hingezogen“, mutmaßt sie.

Also bereiste sie Südafrika, Namibia, Zimbabwe und den Senegal. „Doch nachdem ich einmal in Botswana war, bin ich nie mehr in ein anderes afrikanisches Land gereist.“ Und nun soll Botswana zu ihrem neuen Zuhause werden.

Viel Geld, Nerven und Mühe

Gereift ist ihr Entschluss vor gut eineinhalb Jahren. „Damals habe ich mich gefragt, was ich noch anfange mit meinem Leben.“ Die Antwort auf diese Frage suchte sie, na klar, in Botswana. Und damit begann für sie ein Abenteuer, das sie viel Geld, Nerven und noch mehr Mühe und Arbeit gekostet hat. Auf der anderen Seite hat sie dabei innerhalb weniger Monate so viele Dinge, Zufälle und Kuriositäten erlebt, die locker einen Fernsehfilm oder einen Roman füllen könnten. Doch etwas hat Claudia Brendebach noch mehr bewegt auf ihrem Weg von einer normalen Afrika-Touristin zur Schuldirektorin in spe: die Menschen, die sie dabei kennengelernt hat.

„Immer, wenn ich dachte, jetzt bin ich am Ende, jetzt geht es nicht mehr weiter“, und davon habe es durchaus mehrere Momente gegeben, „dann tauchten plötzlich Menschen auf, die mir weitergeholfen haben“.

So flog sie im März 2012 nach Botswana, um in den drei SOS-Kinderdörfern in dem riesigen Land, das mehr als eineinhalb mal so groß ist wie Deutschland, zu helfen. Nachdem sie alle drei Dörfer besucht hatte, kam es sogar zu einem Gespräch mit dem verantwortlichen SOS-Funktionär für ­Botswana. Doch der teilte Claudia Brendebach mit: „Wir brauchen sie hier nicht.“

Dann kam Alfred. Alfred ist Taxifahrer und hatte die blonde Deutsche schon zum Gespräch mit dem SOS-Menschen gefahren. Auf der Rückfahrt fiel ihm auf, wie deprimiert sie ist. Und nicht nur ihm. Auch die Direktorin ihres Hotels sprach sie an. „Ich wollte doch nur helfen“, fasste Claudia Brendebach zusammen. Also kümmerte sich die Hoteldirektorin nun um ihren Gast und vermittelte den Kontakt zu einem Geschäftsmann des Unicef-Hilfswerks. Der riet ihr, ein Büro in Botswana zu eröffnen, um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Zurück im Taxi – wieder bei Alfred – erzählte sie davon, woraufhin ein zweiter Fahrgast sagte: „Ich habe eine Freundin, die kann ihnen helfen.“

Und so lernte Claudia Brendebach Mariam Matshara kennen. „Eine wunderbare Frau. Sie arbeitet als Rechtsanwaltsgehilfin, ist mit einem Major der botswanischen Armee verheiratet und hat selbst zwei Kinder“, schwärmt die Aachenerin. Sie regelte nicht nur einen Tag vor Brendebachs Rückreise nach Deutschland die Büroeröffnung und erledigte den kompletten Papierkram. Sie ist auch zur ersten Ansprechpartnerin und Helferin vor Ort geworden. Und inzwischen auch zur Freundin.

Als Claudia Brendebach im November 2012 nach Botswana zurückkehrte, „um das Büro mit Leben zu füllen“, durfte sie bei Mariam wohnen. Gemeinsam entwickelten sie die Idee, eine Vorschule zu gründen. „In dem Land gibt es viele verwahrloste Kinder, viele Aids-Waisen und Halbwaisen, die auf der Straße leben“, erzählt die 68-Jährige. In der Vorschule würden sie versorgt. Doch damit nicht genug: Die Schule, die in Kopong – rund 60 Kilometer von der Hauptstadt Gaborone entfernt – entsteht, soll auch integrativ wirken.

Denn neben den Straßenkindern, deren Schulgeld für Lehrer, Essen und Material durch Paten getragen werden soll, sollen auch Kinder aus der botswanischen Mittelschicht, deren Eltern das Schulgeld selbst bezahlen, dort unterrichtet werden. „So kann die Schule auch zum Verständnis der verschiedenen Schichten in Botswana beitragen“, hofft die künftige Schuldirektorin, „denn Kindern ist es egal, aus welcher Schicht ihr Spielkamerad kommt.“

Doch bis dahin war es im November des vergangenen Jahres noch ein weiter Weg. Denn um in Botswana Schuldirektorin werden zu können, muss man zumindest ein Schulgebäude nachweisen können. Doch das konnte Claudia Brendebach freilich nicht. Also kontaktierte Mariam Matshara eine Schuldirektorin im sieben Busstunden entfernten Francistown, die der Deutschen für 200 Euro im Monat 40 Prozent ihrer Schule abtrat. Bei ihrer Rückkehr nach Deutschland einen Monat später hinterließ sie einen großen Aktenstoß voll mit Papieren, Beglaubigungen und Übersetzungen bei der Einwanderungsbehörde, die nun über ihr Anliegen zu entscheiden hatte. „Zurück in Deutschland konnte ich nur noch warten.“

Und zahlen. Denn zur Genehmigung verlangte die Behörde einen Nachweis des Geldes, das sie zum Bau der Schule braucht. Also kratzte sie insgesamt 14 000 Euro zusammen und überwies die nach Botswana. „Vier Wochen später erhielt ich eine SMS: Wir haben es geschafft.“

Nun besitzt sie eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für fünf Jahre. „Ein Jahr ist jetzt fast rum.“ Ein Jahr, in dem sie hier in Deutschland Werbung für ihr Projekt macht. Sie hat 2000 Faltblätter bedrucken und eine Internetseite erstellen lassen. Sie hat einen Verein gegründet, ein Spendenkonto eröffnet und ist ihrer Familie und Arbeitskollegen gehörig auf die Nerven gegangen. „Die konnten mich schon nicht mehr leiden, weil ich immer mit dem Klingelbeutel kam“, erzählt sie. Aber letztlich halten alle zu ihr. „Meine 91-jährige Mutter sagt immer: ,Ich finde das super, Kind.‘“ Monatlich unterstützt sie ihre Tochter mit 50 Euro.

Insgesamt hat Claudia Brendebach rund 5500 Euro schon beisammen, gute 20.000 Euro braucht sie noch, um die Schule bauen und mit dem Unterricht beginnen zu können (siehe auch Infobox). Ungefähr 20.000 Euro hat sie bereits selbst investiert für Mieten, Genehmigungen, Reisen et cetera.

Im November fliegt Claudia Brendebach wieder nach Botswana. Dann für rund ein halbes Jahr, um gemeinsam mit Mariam Matshara ihr Schulprojekt voranzutreiben. Bei ihr darf sie auch wohnen, so lange zumindest, bis ihre eigene Bleibe dort fertig ist. Und die entsteht derzeit auf einem Grundstück der Matsharas. „Ich habe in Botswana auf jeden Fall Familienanschluss. Mariams Kinder sagen schon Oma zu mir“, erzählt sie.

Apropos Familie: Die eigenen Kinder wird die geschiedene Ehefrau wegen ihres Abenteuers in Afrika nicht seltener sehen als bislang. „Meine Kinder und die sieben Enkel leben in Ostdeutschland, die sehe ich dann, wenn ich nach Deutschland zurückkomme.“ Das hat sie nämlich jedes Jahr von Mai bis August vor, um den Förderverein ihrer Schule zu verwalten und Schulpaten zu werben. Dabei hilft ihr ihre Schwester Ingrid Lennartz in Rott, wo Claudia Brendebach dann auch wohnen wird. „Sie hilft mir jetzt schon sehr und baut mich immer wieder auf, wenn mir doch mal Zweifel kommen.“

Die werden freilich immer kleiner, je weiter die Schule in Kopong Gestalt annimmt. Denn eins steht für die 68-Jährige klipp und klar fest: „Ich möchte das bis zu meinem Lebensende machen.“ Und einen Traum hat Claudia Brendebach auch, den sie bis dahin träumen wird: „Ich glaube fest daran, dass irgendwann mal ein Kind aus meiner Schule herausgehen wird, das in Zukunft in Afrika etwas bewegen wird.“

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