Nur ein ramponiertes Foto blieb der Familie als Erinnerung

Von: Georg Dünnwald und Peter Langohr
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Die Nachkommen der Anna Amberg fotografieren den Stolperstein für die 1942 deportierte Frau. Foto: Harald Krömer

Aachen. 14 weitere Pflastersteine aus Messing erinnern seit Montag als sogenannte Stolpersteine an 14 Aachener jüdischen Glaubens, die im deutschen Namen in Konzentrationslagern bestialisch ermordet wurden. Der Kölner Künstler Gunter Demnig will mit diesen Stolpersteinen, auf denen der Name, der Geburtsjahrgang, der Tag der Deportation, das Todesjahr und der Todesort eingraviert sind, die Namen der Ermordeten in Erinnerung halten: „Nur der, dessen Namen vergessen wird, ist tot.”

Der 15. Juni 1942 war ein schrecklicher Tag für die in Aachen lebenden Juden. Viele von ihnen wurden an diesem Tag vom Aachener Hauptbahnhof aus nach Sobibor und in andere Vernichtungslager deportiert.

In den Konzentrationslagern wurden sie von den Nazis ins Gas geschickt. Diana Mathes aus New York, eine Enkelin, der in Sobibor ermordeten Tina und Erich Mathes, erzählt: „Ein ramponiertes Foto ist alles, was von meinen Großeltern übriggeblieben ist.”

Das Foto trug ihr Vater, der rechtzeitig vor den Nazischergen fliehen konnte, stets bei sich. Nach einer neunjährigen Odyssee konnte er sich schließlich in Philadelphia (USA) niederlassen.

Nur wenig mehr ist den Kindern, Enkeln und Urenkeln von Anna Amberg geblieben. „Kurz vor ihrer Deportation nach Sobibor am 15. Juni sorgte sie dafür, dass eine in Maastricht lebende Bekannte einen Verlobungsring, ein silbernes Gewürzfass und ein Bild der Amsterdamer portugiesischen Synagoge verstecken konnte”, erklärt der Enkel von Anna Amberg, Francis Treuherz, der mit seinem 15-jährigen Sohn Eliezer nach Aachen gekommen ist.

Nach dem Krieg wurden die drei Erbstücke zurückgegeben. Noch heute sind sie im Familienbesitz, das silberne Gewürzfass wird immer an hohen jüdischen Feiertagen benutzt, Francis Treuherz selbst ist Mitglied der portugiesischen Synagoge in London. „So schließt sich der Kreis”, sagt er.

An Anna Charlotte Amber erinnert nun vor ihrem letzten Wohnsitz in der Salierallee 7 ebenso ein glänzender Messingstolperstein wie vor den Stammwohnsitzen der anderen 13 jüdischen Bürger. Beispielsweise an Hilde, Ingeborg und Simon Borkowski vor dem Haus Freunder Landstraße 60. Ingeborg war ein kleines Mädchen.

Erst sechseinhalb Jahre war sie alt, als die Nazis sie im Viehwaggon nach Sobibor brachten. Von ihr, von ihrer Mutter Hilde, geborene Heumann, Jahrgang 1908, und ihrem Vater Simon, der schon knapp 38-jährig ein Jahr vorher ins Ghetto Lodz deportiert wurde, fehlt jede Spur.

Am 8. Mai 1945 wurden die Borkowskis, so wie Oma Netta Heumann, für tot erklärt. Auch diese Familie trat am 15. Juni 1942 auf einem Nebengleis des Aachener Hauptbahnhofs den Weg in den Tod an. Schon vorher waren sie im Haarener Lager Hergelsmühle eingesperrt.

Der Brander Bürgerverein hat sich dafür stark gemacht, dass vor dem jetzigen Brander Kinderheim die Stolpersteine für die Familie Heumann/Borkowski und vor dem Haus Trierer Straße 723 fünf Stolpersteine für die Familien Mathes gesetzt wurden.

Josef Mathes war 60 Jahre alt, Tina Mathes sollte eine Woche nach ihrer Deportation 60 Jahre alt werden, Erich Mathes war gerade mal 16 Jahre alt. Und auch das junge Ehepaar Else Elkan, geborene Mathes (29 Jahre) und Ernst Elkan, 38, wurden in Vernichtungslager überführt. Sie starben vermutlich in Auschwitz. Das Kinderheim und die Gesamtschule Brand übernahmen die Patenschaften.

Das Einhard-Gymnasium hatte die Patenschaften für Frau Ambergs Stolperstein übernommen und für den der Lili Frankenstein. Von der ehemaligen Studienrätin Frankenstein kam keiner der Verwandten nach Aachen, 52-jährig wurde sie am 15. Juni 1942 nach Izbica deportiert, wo sie vermutlich auch ermordet wurde.

Schon neun Jahre vorher wurde sie aus dem Schuldienst entfernt, sie wurde Opfer des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums”. Vor dem Haus Triebelsstraße 2 mahnt jetzt der Stolperstein an die Greueltaten im Dritten Reich.

Drei weitere Stolpersteine schließlich wurden vor dem Haus Pastorplatz 1 eingelassen. Das Anne-Frank-Gymnasium übernahm die Patenschaft, denn in diesem Haus wohnten eine Zeit lang Edith Frank, geborene Holländer, und ihre beiden Töchter Margot und Anne.

Edith Frank starb am 6. Januar 1945 im Vernichtungslager Auschwitz fast 45-jährig an Hunger und Erschöpfung, ihre beiden Töchter litten Hungerqualen und Typhusschmerzen im KZ Bergen-Belsen und kamen dort im März 1945 zu Tode. Der Gedenktag selbst blieb ganz den Kindern und Jugendlichen der Marktschule, der Gesamtschule Brand und des evangelischen Kinderheims vorbehalten.

Der 15. Juni als Gedenktag an eine Zeit, die sich nie mehr wiederholen darf, und als Erinnerungsmarke für diejenigen, die wieder Hassgefühle und Ressentiments gegen Juden und Menschen anderer Rassen, Religionen und Hautfarben hegen, ging am Montag vielen unter die Haut.

In einer Feierstunde auf dem Brander Markt vor der Gedenkstelle für die jüdischen Opfer erinnerten die Brander Bürger mit Musik und literarischen und selbst verfassten Texten an die Ermordeten. Rabbiner Max Bohrer sprach ein kurzes Grußwort: „Es ist eine Ehre für die jüdische Gemeinde, wenn ihrer Toten durch die nichtjüdischen Mitbürger gedacht wird.”

Und im Weißen Saal des Rathauses erinnerte Bürgermeisterin Sabine Verheyen an das Leid und Elend der Verfolgten im Dritten Reich. Das dürfe sich nicht wiederholen. „Wehret den Anfängen”, forderte sie vor den Nachkommen der Ermordeten.
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