Nur das billige Deo schmälert den Theatergenuss

Von: Heinrich Schauerte
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Aachen. In Thomas Bernhards „Macht der Gewohnheit” geht es um Menschen, die gefangen sind im Ritual. Seit 22 Jahren probt ein Zirkusdirektor mit einer Seiltänzerin, einem Jongleur, einem Dompteur und einem Clown das Forellenquintett.

Einen brauchbaren Ton haben sie bisher noch nicht hervorgebracht. Je nach Temperament kann man das für ziemlich doof oder für besonders heldenhaft halten.

Interpreten sehen darin ein Bild für den Künstler auf der Suche nach der perfekten Ausdrucksform oder ein Gleichnis für einen Menschen, der versucht, einen Traum Realität werden zu lassen. Vielleicht ist es auch nur die Macht der Gewohnheit. Wer will, kann in dem Stück allerhand Tiefsinn entdecken. Man kann die eher simplen Sätze, die mit häufigen Wiederholungen im Gestus des absurden Theaters vorgetragen werden, aber auch als Allerweltsweisheiten oder belangloses Geschwätz ansehen. Wir befragten Premierenbesucher der Kammerspiele nach ihren Eindrücken.

Die Lehrerin Heidrun Brüning (50) fand die Inszenierung insgesamt gut, vor allem fiel das tolle Bühnenbild auf, das aus einem originalgroßen Aseag-Bus und ein paar Campingmöbeln bestand. Im zweiten Drittel waren für ihren Geschmack ein paar Längen, insgesamt war ihr die zweistündige, ohne Pause durchgespielte Aufführung aber nicht zu lang.

Besonders gut gefiel ihr der Jongleur (Thomas Hamm), der seine schwierige Rolle ausdrucksstark spielte. Auch der Spaßmacher (Sebastian Stert) war gut und konnte sie richtig zum Lachen bringen. Trotz geringer Sprechanteile sei er durch seine Mimik immer sehr präsent gewesen. Überhaupt seien alle Rollen treffend besetzt worden. Auch gebe es in dem Stück überraschend viel Action und Bewegung. Was ihr nicht gefallen habe? Nach langem Zögern: höchstens die Gerüche, das billige Deo, das versprüht wurde und der Tabaksdunst des Direktors.

Für Hans Werths (57) aus Roetgen war das Stück großes Theater auf der kleinen Bühne der Kammer. Die Thematik mitten aus dem Leben, die Kostüme eine großartige Maskerade, die Bühne und das Geschehen ein Abbild der harten und oft schmutzigen Zirkus-Realität. Die Story sehr aktuell, ein Abbild des gegenwärtigen Stillstandes etwa in Kopenhagen.

Typisch auch einer der zentralen Sätze des Stückes: „Wir wollen das Leben nicht, aber es muss gelebt werden.” Und das bestehe nun mal oft genug darin, Fragen zu vernichten. Von den Schauspielern hat ihm am besten Andreas Herrmann als Zirkusdirektor gefallen, an der Inszenierung von Jenny Nörbeck lobt er den Seiltanz zwischen des Extremen der Tragik und der Komik. Der starke Applaus sei hoch angemessen gewesen.

Die Schülerin Gina Rauschtenberger, die sich ein wenig mit ihrer Mutter Tanja beraten hat, fühlt sich nach der Aufführung zufrieden und erheitert, aber auch perplex und aufgeregt. Die Bühne, speziell der Bus, seien sehr originell gewesen, das Szenario der 70er Jahre bestens rübergekommen. Gut auch die schräge Musik, die hier und da eingespielt wurde. Die Länge fand sie durchaus angemessen, den Applaus perfekt, das Beste am Stück war für sie der Höhepunkt, die finale Probe.

Lehrreich sei die Story gewesen, wie der Direktor sein Team zu unterdrücken versucht und dabei nicht sieht, dass jeder seine Persönlichkeit hat: „Er will, dass nichts aus der Bahn läuft, obwohl er merkt, dass alles aus der Bahn läuft.” Insgesamt sei das mehr ein Gleichnis gewesen: Die Kunst und der Mensch.
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