Neuer Roman: Eine Verbeugung vor den Trümmerfrauen

Von: Joachim Zinsen
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Der neue Roman von Helmut Clahsen ist eine Verbeugung vor den Trümmerfrauen in Aachen. Für seine fiktive Handlung hat er zahlreiche Erfahrungsberichte von Zeitzeugen gesammelt. Foto: Harald Krömer

Aachen. Diese Frauen! Was haben sie damals alles durchgemacht: Die Bombennächte in Kellern und Bunkern, die permanente Angst um das eigene Leben und das Leben ihrer Kinder, die ständige Gefahr, bespitzelt und an die braunen Machthaber verraten zu werden.

Später dann, nach der Befreiung Aachens, kam der große Hunger, die schrecklichen, bitterkalten Wintermonate, die Schwerstarbeit in den Kriegstrümmern, die Furcht, für die zahllosen Verbrechen büßen zu müssen, die ihre Männer als deutsche Soldaten begangen hatten. Das Leben damals war ein täglicher Überlebenskampf. Ihm hat der Aachener Autor Helmut Clahsen jetzt ein kleines Denkmal gesetzt. Sein neues Buch „Trümmerfrauen“ schildert Angst, Not, Leid und Tod in der alten Kaiserstadt während der Jahre 1943 bis 1949.

Als Kind ausgegrenzt

Der soeben im Aachener Helios Verlag erschienene Roman ist eine Verbeugung vor diesen Frauen. Eine Verbeugung, deren menschliche Größe erst angesichts von Clahsens Lebensweg deutlich wird. Der 83-Jährige ist Sohn einer jüdischen Mutter. Als Kind wurde er ausgegrenzt, diskriminiert, musste versteckt werden. Eindringlich schildert Clahsen diese Erfahrungen in seinem 2003 erschienenen Bestseller „Mama, was ist ein Judenbalg?“ Auch, wie er gezwungen war, viele Aachener Bombennächte außerhalb von Luftschutzräumen zu verbringen. Einem Halbjuden wie ihm war während der Angriffe der Zutritt zu Kellern oder Bunkern verboten. Clahsen macht heute keinen Hehl daraus, dass er sich damals über die ersten Bombeneinschläge in Aachen freute. „Denn endlich bekamen auch die etwas ab, die mich, meine Geschwister und unsere Großmutter die ganze Zeit malträtiert hatten“, erinnert er sich.

Der Wunsch nach Rache ist bei Clahsen allerdings längst erloschen. Heute spricht er lieber über Dankbarkeit. „Dass ich die Nazi-Zeit überlebt habe, dafür sind vor allem Frauen verantwortlich“, sagt Clahsen und betont. „Sie neigen deutlich stärker zu spontaner Hilfe als Männer.“

Vielleicht ist auch aus diesem Gefühl der Dankbarkeit heraus sein neues Buch entstanden. Um es schreiben zu können, hat der Autor in Archiven recherchiert, vor allem aber mit vielen Aachenerinnen aus der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsgeneration geredet. Nachdem er die eigene Vergangenheit aufgeschrieben hatte, erschien es ihm wichtig, dass auch die Erfahrungen dieser Zeitzeugen nicht vergessen werden.

Häufig war es ein hartes Stück Erinnerungsarbeit. „Vielen meiner Gesprächspartnerinnen ist es selbst nach Jahrzehnten immer noch schwer gefallen, über ihre traumatischen Erlebnisse zu reden“, sagt Clahsen. „Oft flossen Tränen. Da gab da beispielsweise eine Frau, die selbst 70 Jahre nach Kriegsende davon sprach, sie habe ihren Mann und ihre vier kleinen Söhne dem Führer geopfert. Sie hat deren Tod bis heute nicht überwunden.“

All die von ihm gesammelten Erfahrungsberichte hat Clahsen in seinem Roman einer Handvoll Protagonisten zugeordnet – einer jungen Soldatenwitwe, deren Mutter, der Frau eines Blockwarts und einer KZ-Überlebenden. In einfacher Sprache schildert er den Alltag dieser Überlebensgemeinschaft, enthält sich jedoch jeder politischen Bewertung, thematisiert also nicht, ob und in wie weit sich jeder Einzelne für das jahrelange Funktionieren des NS-Regime mitverantwortlich fühlen musste. Stattdessen begleitet er seine fiktiven Figuren durch eine zerstörte Stadt, die nach dem Herbst 1944 nur sehr langsam wieder zum Leben erwacht. Clahsen macht das detailreich, nennt Namen von Straßen, Geschäften und Lokalen. Er erzählt von den amerikanischen, später britischen Besatzungssoldaten und dem Verschwinden aller Nazis, mit denen plötzlich niemand mehr etwas zu tun gehabt haben wollte.

Für viele Aachener, die den Krieg miterlebt haben, dürfte die Lektüre des Buches schnell zu einer Reise zurück in die eigene Vergangenheit werden. Doch Clahsen will mit seinem Roman nicht nur die ältere Generation, sondern auch junge Menschen ansprechen. „Wir in Deutschland kennen seit Jahrzehnten nur den Frieden, halten ihn für selbstverständlich“, sagt Clahsen. „Ich versuche mit dem Buch dazu beizutragen, dass gerade junge Leute sich der Gefahr eines Krieges und dessen Auswirkungen immer bewusst sind.“

„Frauen tragen die Hauptlast“

Auch will er sein Buch nicht allein den Aachener Trümmerfrauen gewidmet sehen. Clahsen sagt: „Trümmerfrauen gab es nach dem Zweiten Weltkrieg in ganz Europa. Auch heute gibt es sie, zum Beispiel in Syrien. Frauen tragen oft die Hauptlast von Kriegen.“

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