Neuer Lebensraum für Fische und Fliegen

Von: Heiner Hautermans
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In den 70er Jahren wurde der Amstelbach streckenweise in ein Betonbett gepresst, aus der er im nächsten Jahr bei der Renaturierung wieder befreit werden soll. Durch die Anlage von Auen hoffen die Verantwortlichen auf eine vielfältige Ansiedlung von Blumen und Insekten. Foto: Harald Krömer
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Von links: Thorsten Schulz-Büssing und Markus Seiler

Aachen. Niederländer haben ein anderes Verhältnis zum Wasser, unmittelbarer. Das ergibt sich schon aus der Lage des Landes. Genau 20 Jahre ist es her, dass die Maas – wieder einmal – über die Ufer trat. 12 000 Menschen mussten im Dezember 1993 ihre Häuser verlassen, ein Großteil der Provinz Limburg war überschwemmt, der Sachschaden wurde später auf 120 Millionen Euro beziffert.

Dieser Hintergrund dürfte mit dazu beitragen, dass die Menge, die die Niederländer aus Bächen und Flüssen in ihr Land lassen, genau definiert ist. Im Fall des Amstelbachs, der in Richterich entspringt und bei Kerkrade die Grenze überquert, sind das sieben Kubikmeter in der Sekunde. Soviel Wasser darf der Amstelbach maximal liefern, das durch Wurm und Maas irgendwann in der Nordsee ankommt, „damit die Niederlande keine Probleme mit Hochwasser bekommen“, erläutert Gebietsingenieur Thorsten Schulze-Büssing.

Der Diplom-Ingenieur in Diensten des Wasserverbands Eifel-Rur (WVER) liefert damit gleich auch eine Erklärung dafür, weshalb seine Behörde derzeit mit der Renaturierung des Amstelbachs befasst ist. Sieben Kubikmeter schafft der nämlich gar nicht, dann stehen am Heyder Feldweg, hinter der Obermühle, die Wiesen eines Landwirts unter Wasser, der eigentliche Bach verschwindet in einem viel zu kleinen Rohr unter der Oberfläche. Der Hochwasserschutz soll durch die Renaturierung verbessert werden, ebenfalls die Schaffung der „Durchgängigkeit durch Laufverlängerung“, so nennt sich das im Behördendeutsch. Kommando zurück, könnte man ebenfalls sagen.

Bis in die 1970er Jahre dachte man nämlich genau entgegengesetzt. Das Wasser sollte möglichst schnell abgeführt werden, auf diese Art Gelände gewonnen werden. Fließgewässer wurden wie mit dem Lineal gezogen begradigt. Schnell stellte sich heraus, dass dies eine Fehlentwicklung war. WVER-Sprecher Marcus Seiler: „Das schaffte mehr Probleme als es löste.“ So setzte Anfang der 80er Jahre ein Umdenken ein, ein Paradigmenwechsel zurück zu den Ursprüngen begann.

Schon eine ganze Reihe von Gewässern hat der WVER, zuständig für den Einzugsbereich der Rur, seitdem wieder in den natürlichen Zustand zurückversetzt, jetzt ist der Amstelbach dran. Der erste Spatenstich soll im nächsten Jahr erfolgen. Zurzeit liegen die Pläne zur Genehmigung bei der Unteren Wasserbehörde der Stadt Aachen und der niederländischen Parallelbehörde Waterschap Roer en Overmaas vor, denn der mäandernde Bach wird dann zum Teil über niederländisches Gebiet fließen. Wenn die Genehmigung erteilt wird, kann im nächsten Jahr der erste Spatenstich erfolgen.

Auf 400 Metern wird der Amstelbach dann in das Leitbild eines „löss-lehmgeprägten Gewässers der Bördenlandschaft“ verwandelt, inklusive der Verlegung des Bachbetts in „Taltiefste, wo er auch hingehört“, der Anlage von Auen und einer Fischtreppe, um die Artenvielfalt zu steigern. Gut trifft sich, dass dabei gleichzeitig eine EG-Wasserrichtlinie aus dem Jahre 2000 zur Qualitätssteigerung der Oberflächengewässer umgesetzt wird und das Land die Maßnahme, die mit 270 000 Euro veranschlagt ist, zu 80 Prozent bezuschusst. Durch die Fischtreppe soll der Bach ein größeres Gefälle erhalten, so hofft man nicht nur mehr Schuppentiere, sondern auch kleinere Organismen anzusiedeln, etwa Fliegen oder Flöhe. Zwar werden Spaziergänger auf dem dort verlaufenden Weißen Weg nicht mehr unmittelbar auf den Bach schauen können, sie können aber auch einen Weg auf niederländischer Seite benutzen.

Längst nicht jedes Gewässer kann zurückversetzt werden, erklären die Männer vom Wasserverband, schon aus finanziellen Gründen. Seiler: „Für die Renaturierung der Wurm müsste die gesamte Aachener Innenstadt umgestaltet werden.“ Deshalb gibt es verschiedene Konzepte, nur Teile von Bächen und Flüssen umzugestalten, in der Hoffnung, dass die erneuerten Bereiche auf die anderen ausstrahlen.

Der Amstelbach ist im großen Ganzen eher ein kleineres Projekt. Weitere Renaturierungen stehen in der Soers (bei Schloss Rahe) und in Eilendorf (gegenüber der Kläranlage) an. Doch die Vorstellungen über Bäche und Flüsse gehen sehr auseinander, wissen die WVER-Männer. So gehöre der gerade Verlauf für viele zu einem ordentlichen Gewässer dazu, Bäume auf einer kleinen Insel, ökologisch wichtig, störten eher ihr Bild.

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