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Necronomicon: Wertvoller Konzept-Krautrock

Von: Verena Tesch
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Necronomicon: Ihre bislang einzige Langspielplatte wird international hoch gehandelt, nach vierzig Jahren folgen nun eine überarbeitete Neuauflage und ein Live-Konzert. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Im Frühjahr 1972 spielte Necronomicon in einem kleinen Studio im holländischen Kerkrade sechs Titel für eine LP ein. Heute, rund 40 Jahre später, freut sich die Aachener Band über ihre Reunion nach rund 20-jähriger Schaffenspause, die unmittelbar an ihr damaliges musikalisches Treiben anknüpft.

„Sofern am Tag vorher nicht die Welt untergeht, spielen wir am 22. Dezember genau das noch einmal, was wir 1974 im Rhein-Maas-Gymnasium zum Besten gaben“, freut sich Schlagzeuger Harald Bernhard auf das anstehende Konzert in Würselen und kann sich eine Anspielung auf den vorhergesagten Weltuntergang im Maya-Kalender nicht verkneifen.

Sehr genau erinnern sich die Musiker an die damalige Motivation, die auch heute noch in gleicher Intensität vorhanden zu sein scheint. „1972 wollten wir mit unserem rein deutschsprachigen Album ‚Tips zum Selbstmord‘ die teils unfassbaren Entwicklungen unserer Gesellschaft anprangern. Da wurde auch schon eifrig auf den Weltuntergang hingearbeitet“, erläutert Bassist Gerd Libber. Was wie eine Anleitung zum Suizid missverstanden werden könnte, war eine eher makaber-ironische Anspielung auf das selbstzerstörerische Handeln der Menschen.

„Das ist heute noch genauso aktuell wie zu Beginn der Siebziger, doch unsere Musik war trotzdem immer von Hoffnung getragen“, sagt Walter Sturm. Was musikalisch damals genau geschah, erzählen die fünf in entspannter Atmosphäre im Wohnzimmer des heutigen Keyboarders Helmut Herzog in Aachen-Haaren, in dessen Keller auch die Proben seit der Neugründung 2010 stattfinden.

Mehrstimmiger Gesang

„Wir bauten unsere Darbietung mit mehrstimmigem Gesang auf dem Brecht-Stück ‚Wenn die Menschen Tiere wären‘ auf, schrieben dazu opulenten, konzertanten Rock, der wachrütteln sollte. Keine Musik zum Mitsingen oder Tanzen, sondern zum mitdenkenden Zuhören, so unsere Intention, damals wie heute“, hat Walter Sturm (Gitarre, Gesang) die Hintergedanken des Konzerts noch sehr präsent. „Leider war es nicht möglich, die Aufführungsrechte von den Brecht-Erben zu erhalten, so dass wir inzwischen den ursprünglichen Text für unsere Neuauflage umgeschrieben und urheberrechtlich haben prüfen lassen.“

1976 verkleinerte sich die Band von fünf auf zwei, ehe sie sich 1981 auflöste. Zwei wichtige Beweggründe kamen für die Reunion zusammen: Zum einen weckten Necronomicon mit ihrem ersten deutschen Konzeptalbum „Tips zum Selbstmord“ mehr Interesse in der Schallplatten-Welt, als ihnen damals bewusst war. Die kleine, selbst finanzierte Auflage von 500 Stück war schnell vergriffen. Was vermutlich zum großen Teil daran lag, dass die Platte selbst mit außergewöhnlicher Liebe zum Detail produziert wurde. Auch das Cover sollte das ganzheitliche Konzept, die Warnung an den Menschen, mit unterstützen. Schlagzeuger und Designer Harald Bernhard entwarf aus diesem Grund ein künstlerisches Gestaltungskonzept mit dem Kreuz als tragendem Symbol.

Die ungewöhnliche Konzeption und Detailverliebtheit der Platte stieß unter Vinyl-Liebhabern auf großes Sammler-Interesse, insbesondere in den frühen Neunzigern. Davon erfuhren die fünf von Necronomicon jedoch erst, als sie nach vereinzelten Nachfragen, ob denn Exemplare zu erwerben seien, Anfang der Neunziger plötzlich per Anruf von der Existenz von Fälschungen erfuhren. „Uns war gar nicht klar, dass unsere Platte so begehrt war. Jeder von uns hatte ein Exemplar im Keller und war in der Pause der Band mit allem möglichen beschäftigt, auch musikalisch, aber nicht mit dem Sammlerwert des 72er Albums!“ Walter Sturm war seinerzeit gleichzeitig erfreut wie überrascht.

Unrechtmäßiger Verkauf

1989 tauchte erstmalig ein Bootleg auf, nachdem die Original-LP von 1972 im Internet mehrfach vierstellige Summen einbrachte. 2003 kamen zwei weitere Fälschungen in Umlauf. Die Band begegnete dem mit gerichtlicher Verfolgung der Fälschungen und deren unrechtmäßigem Verkauf und informiert hierzu ausführlich auf ihrem Internetportal www.necrononmicon-1972.de.

Ein weiterer Grund für die Wiederaufnahme des gemeinsamen musikalischen Schaffens war die Tatsache, dass den Fünfen von Necronomicon auch heute noch viele gesellschaftliche Entwicklungen sauer aufstoßen: So titelt die Neu-Auflage des 72er Albums, die diesen Monat erscheint, „Haifische“, sie enthält neben dem 1974 uraufgeführten Brecht-Stück noch drei weitere, nicht minder intensiv ausgefeilte und aufwändig eingespielte, teils auch rein instrumentale Titel. Musikalisch bewegen sich Necronomicon ganz im Stil der episch breiten Klangcollagen der 70er Jahre, wie zum Beispiel Vorreiter Iron Butterfly (In A Gadda Da Vida).

Das Ergebnis der zweijährigen intensiven Proben präsentieren sie am 22. Dezember um 20 Uhr live im Saal Houben in Würselen, Sebastianusstraße 28. „Die Neupressung des Konzeptalbums ist dort für 29,90 Euro erhältlich, und als freundliche Beigabe“ der Band ist jeder Schallplatte eine CD beigelegt, damit das gute Sammlerstück bei allzu häufigem Hören keinen Schaden nimmt,“ erklärt Norbert Breuer, Gitarrist und auch Sänger der Band. Harald Bernhard, Schlagzeuger und gleichzeitig Designer und Illustrator des begehrten Covers wird die ersten 200 Exemplare wie eine Lithographie handsignieren. Kaufanfragen sind ab sofort auch über die Internetseite möglich. Immer vorausgesetzt, die Welt geht nicht unter.

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