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Naturwissenschaft und Technik: MINT-Bundeskongress beginnt in Aachen

Von: Andrea Zuleger
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Selbst beobachten, erforschen und anschließend analysieren: Gerade der Unterricht in den „MINT“-Fächern hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Foto: imago/Westend61
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Professorin für Didaktik der Mathematik und Vorsitzende des MNU-Ortsausschusses in Aachen: Johanna Heitzer. Foto: Privat

Aachen. Was macht guten naturwissenschaftlichen Unterricht aus? Und wie können Lehrer die Digitalisierung nutzen, um Schüler in den „MINT“-Fächern – also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik – fit zu machen? Um diese Fragen dreht es sich in der kommenden Woche in Aachen. Zum dritten Mal – nach 1932 und 1964 – findet der Bundeskongress des Verbands zur Förderung des „MINT“-Unterrichts (MNU) in Aachen statt.

Rund 1000 Lehrer aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nehmen teil, um sich auszutauschen, Entwicklungen und Forschungen zu besprechen und sich in Vorträgen und Workshops Anregungen für den Unterricht zu holen. Ein Gespräch mit Johanna Heitzer, Professorin an der RWTH Aachen und Vorsitzende des MNU-Ortsausschusses, der den Kongress in Aachen vorbereitet hat:

Hat sich der Unterricht verändert?

Johanna Heitzer: Diesen Kongress gibt es – mit Unterbrechung durch die Weltkriege – seit 125 Jahren. Man hat sich also zu jeder Zeit damit auseinandergesetzt, was guten Unterricht ausmacht. Die Veränderungen der letzten 20, 30 Jahre sind aber besonders weitreichend – unter anderem durch die rapide wachsenden technischen Möglichkeiten.

Ist das Fluch oder Segen?

Heitzer: Gut eingesetzt bereichern Handys, Tablets, interaktive Tafeln den Unterricht sehr. Jedes Smartphone ist ein Hochleistungsmessgerät. Man hängt es an einen Faden und misst Beschleunigung oder Zentrifugalkraft, ganz einfach ohne lange Aufbauten. Man spart also Zeit bei der Vorbereitung und kann diese dann etwa für die Analyse des Versuchs nutzen.

Und die Inhalte?

Viele Inhalte bleiben gleich. Man schaut aber heute bewusster darauf, was die Schüler mit ihnen anfangen. Sie sollen in die Lage versetzt werden, bestimmte Probleme zu lösen, und sie lernen dabei verschiedene Wege kennen. Heute können Datenerfassung, Rechnungen und Umformungen in sinnvollem Maße an Geräte delegiert werden. Der verständige Umgang damit ist dann ein eigener Lerngegenstand.

Hat sich denn auch die Lehrerausbildung verändert?

Heitzer: Seit drei Jahren absolviert man schon während des Studiums ein halbjähriges Praktikum an einer Schule. Anschließend sind die Lehramtsstudenten dann wieder an der Uni. Das ist für die Verbindung zwischen Hochschule und Schule eine wirkliche Bereicherung.

Das hört sich alles sehr positiv an. Aber um Schule wird immer viel gestritten: mit Eltern, Schülern, Lehrern, der Politik. Was ist denn schwierig?

Heitzer: Bei den Lehrern ist es ein bisschen wie bei den Fußballtrainern. Viele meinen zu wissen, wie man die Sache am besten machen könnte. Und natürlich gibt es Veränderungen, die auch Herausforderungen sind. Zum Beispiel die Heterogenität der Kinder. Heute machen 60 Prozent der Kinder das Abitur, zur Zeit meiner Mutter waren es eher zehn Prozent. Lehrer finden in den Klassen eine ganz große Bandbreite vor. Von Schülern mit Dyskalkulie (Rechenstörung) bis zur Hochbegabung ist alles dabei. Aber ich finde, die Vielfalt kann man auch als Chance begreifen. Und eigentlich muss man das sogar.

Wie kann man ein Unterrichtskonzept gestalten, das niemanden ausschließt?

Heitzer: Beim Kongress gibt es rund 160 Workshops und Vorträge. In vielen geht es um Experimentiermöglichkeiten, um Versuche oder Technik-Projekte, die man mit den Schülern planen kann. Das sind handfeste Dinge für den Unterricht, die aus der Lebenswelt der Schüler kommen und auch mal über eine Lernflaute in der Pubertät hinweghelfen können. Und natürlich werden hier innovative Unterrichtskonzepte vorgestellt. Früher sortierte man Schülergruppen häufiger nach Leistungsfähigkeit. Heute reagiert man etwa mit offeneren oder unterschiedlichen Aufgabenstellungen, teils auch gestaffelten Lernzielen auf die Verschiedenheit der Lernenden.

Was macht denn in Ihren Augen einen guten Lehrer aus?

Heitzer: Es reicht nicht, für ein Fach begeistert zu sein. Die Kunst der Didaktik ist es, auf dem Weg vom Kopf des Lehrers in den Kopf des Schülers möglichst wenig Verluste zu haben. Das setzt Einfühlungsvermögen des Lehrers voraus. Er muss sich vorstellen können, warum eine bestimmte Aufgabe schwierig ist. Aber natürlich müssen sich Schüler auch auf den Weg machen. Lernen ist etwas Aktives.

Was würden Sie sich für Schule wünschen?

Heitzer: Kontinuität. Wenn man sich politisch auf ein Schulkonzept geeinigt hat, würde ich mir wünschen, dass das auch mal 20 Jahre umgesetzt wird. Aber das ist wahrscheinlich Utopie.

Und was wünschen Sie sich für den Kongress?

Heitzer: Anregungen und Innovationen. Ich war selbst zwölf Jahre an der Schule tätig. Beim Kongress können Lehrer jenseits des Schulalltags mit Begeisterung auf ihr Fach schauen und sich tolle Anregungen für die Vermittlung holen.

Warum sind denn „MINT“-Fächer so wichtig?

Heitzer: Dass in unserer hochtechnisierten Welt die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik eine hohe Stellung zukommt, liegt auf der Hand. Unabhängig davon kann man mit ihnen auch eine Haltung fördern, die Rationalität stärkt. Man zeigt den Schülern: „Brauch deinen Verstand, bild dir eine eigene Meinung aufgrund von Fakten.“

Der Mensch verändert die Natur, aber nicht die Naturgesetze – auch nicht per Dekret. Es gibt eben keine postfaktische Mathematik. In den „MINT“-Fächern kann der Schüler selbst entdecken, beobachten, nachmessen, was richtig ist. Deshalb ist auch die Chancengleichheit hier höher: Echte Bildungsaufstiege erfolgen vor allem über diesen Bereich.

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