Aachen - Nahverkehr: SPD sucht mit Bürgern nach Plan B

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Nahverkehr: SPD sucht mit Bürgern nach Plan B

Von: Werner Czempas
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Aachen. Im Handumdrehen sind die drei Stellwände mit Zetteln pickepackevoll. An die Tafeln pinnen Bürger ihre Ideen, wie es weitergehen kann mit dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in Aachen – nun, da die Campusbahn abgeschmettert ist. Die SPD will das von den Bürgern wissen.

Die Sozialdemokraten scheinen sich nach des Volkes Nein zur Campusbahn als erste Partei aus der politischen Schockstarre der Enttäuschten gelöst zu haben. In den Brüssel-Saal des Eurogress haben sie zum „1. Großen Aachener Ratschlag“ eingeladen. Der soll nach Lösungen für einen attraktiven ÖPNV suchen. Alle waren eingeladen, rund 90 sind gekommen, und die sind bestens drauf.

Das hat sich SPD-Vorsitzender Karl Schultheis denn auch genau so vorgestellt. „Nein-Sagen ist eine Sache, Herausforderungen zu bewältigen eine andere“, sagt er. Mit dem Nein zur Campusbahn seien die Probleme nicht gelöst. Auf die gehen drei Referenten in kurzen Vorträgen ein.

Heike Wolf, umweltpolitische Sprecherin der SPD-Ratsfraktion, hebt die gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch Lärm und Luftschadstoffe infolge des Verkehrs hervor. Mit dem Luftreinhalte- sowie dem Lärmschutzplan sei Aachen auf dem Weg, dennoch: „Die Stadt muss sauberer und ruhiger werden.“

„Die Wunden sind geleckt, es muss weitergehen“, beginnt Hans Joachim Sistenich, Geschäftsführer des Aachener Verkehrsverbunds (AVV). Die Aseag biete „eines der leistungsfähigsten Bus-Systeme in Deutschland“. Aus ihm heraus müsse für zukünftige Anforderungen die bestmögliche Lösung gefunden werden. Bei der Analyse der ÖPNV-Defizite starte die Aseag „nicht bei Null“.

Die Stadt könne es sich nicht erlauben, nun „fünf Jahre über ein neues Busnetz zu diskutieren“. Wegen der akuten Mängel sei „sehr schnell ein Sofortprogramm“ nötig. Und Antworten auf die Frage, was Stadt und Aseag sich an Investitionen in die Infrastruktur und an Betriebskosten erlauben wollen und können.

Professor Dirk Vallée vom RWTH-Institut für Stadtbauwesen und Stadtverkehr weist hin auf die hohe Zahl der RWTH-Beschäftigten (allein im Kernbereich Mitte rund 10.000) und Studierenden (37.000 auf mindestens zehn Jahre). „Das ist ‘ne Nummer“, so Vallée. Alle müssten ihre Arbeits-, Instituts- und Hörsaalplätze erreichen. Die gute Erreichbarkeit gelte ebenso innerhalb der drei Campus-Bereiche Mitte, West und Melaten. Überall gebe es verkehrlich Kapazitätsengpässe. Vallée rät zu einer „Mobilitäts-Drehscheibe Westbahnhof“, über die der „Haupteingang zur RWTH“ laufen soll. Die Politik müsse jetzt „den Schneid haben“, die für die Campus-Bereiche geplante Bahn-Trasse nun als Bus-Trasse einzurichten.

Danach sind im Foyer vor dem Brüssel-Saal an den drei Tafeln die Bürger mit ihren Ideen zu den Themen Umwelt, ÖPNV und Campus-Anbindung dran. Die „vielen guten, richtigen und wichtigen“ Vorschläge bündelt Professor Vallée: mehr Busspuren, mehr und bessere und schnellere Radwege, barrierefreie Busse, bessere Takte, preiswerte Tarife.

Sistenich rät, die Campus-Erschließung vorzuziehen und – wie auch von vielen gefordert – die ÖPNV-Trasse durch die drei Campus-Bereiche zu sichern. Umweltpolitikerin Wolf freut sich über Forderungen zur Lärm- und Schadstoffminderung, etwa „weniger Verkehr in der Innenstadt“ durch ein Park+Ride-Konzept und Fahrradtrassen.

Weiter auf den Tafeln: Dieselbetrieb beenden, Hybrid-Fahrzeuge, Elektro-Mobilität, flächendeckend Tempo 30, O-Busse, Schnellbusse zu Stoßzeiten, „keine Schrottbusse durch Subunternehmer der Aseag mehr“, E-Bikes und „ein Fahrradsystem à la Paris“ – da wird der Ratschlag zum Radschlag.

Eine lebhafte Diskussion schließt sich an. Meinungen: Außenbereiche über ÖPNV städtisch machen, die geplante Trasse für die Campusbahn aus der Mitte der Stadt als Bus-Trasse mit einem „Brückenschlag nach Melaten” (Brücke nur für Busse, Fußgänger und Radfahrer) belassen. Heißt das Nein zur Campusbahn endgültig „aus“, oder kann eine Bahn nicht doch nur durchs Uni-Viertel kurven? Endgültig aus und vorbei, stellt SPD-Fraktionsvorsitzender Heiner Höfken klar: „Es wird keine schienengebundene Campusbahn geben, die ist weg. Wir kriegen keine Förderung mehr, Schiene ist völlig utopisch.“

Die alte Idee einer „Euregiobahn bis in die Innenstadt“ über den Nordbahnhof? Rund 500 Millionen DM waren damals für den Plan von SPD und Grünen vom Land genehmigt, die CDU lehnte ihn bei der Erringung der Ratsmehrheit 1999 als eine ihrer ersten Maßnahmen ab. Heute will Sistenich zwar die „Option nicht aufgeben“, doch gelten mit der Elektrifizierung anderer Strecken für die Euregiobahn beim AVV längst „andere Prioritäten“. Professor Vallée sekundiert: „Man kann mit der Euregiobahn Vieles und Gutes machen, aber mit ihr bekämen wir dann noch lange nicht die notwendige Verbindung in den Westen der Stadt zur Hochschule.“

 

Die Aseag leiste ein „Wunderwerk“, sagt AVV-Geschäftsführer Sistenich und zählt auf: „Sie befördert jährlich 68 Millionen Fahrgäste, bei einer Kostendeckung von mehr als 70 Prozent. Wir haben keinen Mangel an Fahrgästen, im Gegenteil: Wir kriegen sie nicht weg.“

Was auch immer deshalb in Aachen verkehrspolitisch und rund um den ÖPNV geschehen wird und muss, Ex-Aseag-Chef Hans Peter Appel bringt es auf den Punkt: „Das Ganze kostet Geld, viel Geld.“

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