Nagelschere tief in den Rücken gerammt

Von: Wolfgang Schumacher
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Aachen. Ein 61-jähriger Gefangener hatte sich eigens aus dem Hochsicherheitstrakt in Köln in die JVA Aachen verlegen lassen, um nach mehr als 30-jähriger Haft - er sitzt lebenslang wegen Mordes ein - wieder eine Zukunftsperspektive zu bekommen.

Denn hier seien Ausführungen in die Freiheit und die Vorbereitung auf eine eventuelle Haftentlassung möglich, begründete er seinen Verlegungsantrag nach Aachen.

Wenn da nicht am 11. Dezember 2009 „dieser Vorfall” gewesen wäre, der kaum 14 Tage nach der spektakulären Flucht der Gangster Heckhoff und Michalski aus der Aachener JVA die Nerven aller Beamten blank liegen ließ. Der Langzeit-Häftling traf auf einen erst 23-jährigen Jungbeamten, das Ergebnis war letztlich eine Gewaltattacke auf einen anderen JVA-Beamten, die jetzt vor dem Aachener Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Christoph Gast verhandelt wurde. Was sogar zum Einsatz von vermummten Spezialkräften in der JVA führte, begann mit einem Streit des Gefangenen mit dem Jungbeamten.

Der hatte sich wohl, erklärte Richter Gast in der Urteilsbegründung, „peinlich genau an die Vorschriften” gehalten, der altgediente Gefangene fühlte sich dadurch gemobbt und provoziert, ließ dem jungen Mann deftige Beschimpfungen zukommen. Der revanchierte sich mit Disziplinarmaßnahmen, bei der es zu der Attacke des Gefangenen auf die Beamten kam.

Beim Konfiszieren seines Fernsehers kamen sich der Insasse und die Beamten zu nahe, der Fernseher ging zu Bruch. Der Gefangene schnappte sich eine Nagelschere und rammte sie einem der fünf Beamten von hinten in den Rücken. „Ich war gerade beim Zigarettendrehen”, hatte sich der 61-Jährige eingelassen, da seien die Beamten gekommen und hätten den Fernseher rausgerissen und beschädigt.

Die Schere diente eigentlich dazu, die Spitzen der Zigaretten auf eine einheitliche Länge zu schneiden. Er habe den Beamten nicht verletzen wollen, erklärte der Angeklagte in Richtung von Oberstaatsanwalt Alexander Geimer.

Die Justizbediensteten hätten ihn jedoch geschlagen, so dass seine Hand anschwoll und die Schere nicht mehr von den Fingern zu ziehen war. So schloss man ihn aus der Zelle aus, ließ den Aufgebrachten von einem Spezialtrupp überwältigen. Seine Schilderung zum Tatgeschehen glaubte Anklagevertreter Geimer nicht, der 61-Jährige habe die körperliche Attacke begonnen und müsse wegen gefährlicher Körperverletzung bestraft werden, der Staatsanwalt forderte ein Jahr und sechs Monate Haft.

„Kein Komplott”

Das Schöffengericht folgte in seinem Urteil dem Antrag. Auch Richter Gast sah „kein abgesprochenes Vorgehen” der Beamten zu Lasten des Insassen: „Da war kein Komplott”, meinte der Richter. Bei Angriffen auf die Bediensteten der JVA höre es eben auf, begründete Richter Gast die Verurteilung, sonst werde man alsbald niemanden mehr für diesen Job finden.
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