Nachwuchsprobleme beim Männergesangsverein Harmonia 1849

Von: Werner Czempas
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Längst kein Geheimtipp mehr: Wenn der Männergesangverein Harmonia 1849 das „Konzert im Advent“ in der Kirche St. Fronleichnam im Ostviertel gestaltet, sind die Zuhörer stets angetan. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Sie sind sangesfroh, die Herren, und sie haben eine Menge drauf. Sie singen Volkslieder, Kantaten, Messen, Motetten, Spirituals. Englische Songs bringen sie, „Peppiges“ nennen sie das. Ihre Spezialität aber sind Lieder in Öcher Platt.

„Wir lassen kaum eine Sparte aus“, ist Christian Vogel stolz auf das breitgefächerte Repertoire. Der 50-jährige Berufssoldat ist Vorsitzender des Männergesangvereins Harmonia 1849. Sechzehn Sangesbrüder pflegen bei der Harmonia das Liedgut. Der Jüngste ist 50, die meisten liegen weit darüber, der Älteste muss mit 87 noch ran. Die Altersstruktur zeigt das aus vielen Vereinen bekannte Problem: Den „Harmonisten“ fehlt der Nachwuchs. Tenöre sind rar. „Es gibt nicht so viele Männer, die so hoch singen können“, vermutet Christian Vogel. Vogel ist einer der nur drei Harmonia-Tenöre.

Der MGV Harmonia 1849 ist neben der Liedertafel der zweitälteste Laienchor der Stadt. Chöre mit klangvollen Namen wie Hilaria, Concordia, Orphea, Cäcilia und Amicitia sind längst Stadtgeschichte. Die Harmonia aber überlebte seit der Gründung vor 165 Jahren die widrigsten Zeitwirren. „Es grenzt schon fast an ein Wunder, doch alle Hürden wurden immer wieder gemeistert. Dank einiger Enthusiasten, die das Kulturgut Musik innerhalb der Harmonia nicht untergehen lassen wollten“, erzählt Vogel aus der Vereinschronik.

Damit das so bleibt, will der Chor kräftig die Werbetrommel rühren. „Wir suchen Männer, die aus lauter Lust und Liebe zum Chorgesang Spaß daran haben, mit uns zusammen einmal in der Woche 90 Minuten zu singen“, wirbt ein Flyer.

Der Chef lockt mit Wohlergehen an Leib und Seele: „Singen macht nicht nur Freude, Singen ist auch sehr gesund. Tief Luft holen und dem Blut mehr Sauerstoff als sonst zuführen, um dann frohe Töne von sich geben zu können – das ist einfach erfrischend.“

Nicht nur die frohen Töne sorgen für ein harmonisches Vereinsleben. Harmonie führt der Chor nicht allein im alten Namen, sie wird das Jahr über gepflegt. Beim Singen kommt der Spaß nie zu kurz. Wie das Stiftungsfest gehört eine Tagesfahrt mit Kind und Kegel und Freunden zum jährlichen Wohlfühl-Programm. Ausflüge führen etwa per Schiff auf dem Rhein nach St. Goar oder per Bus zur Villa Hügel in Essen. Dort gruppierten sich die Aachener in der hohen Festhalle des einstigen Krupp-Imperiums spontan zum Gesang und holten sich den Applaus der anderen Hügel-Besucher.

Für Freunde der Chormusik in Aachen ist das „Konzert im Advent“ in der Fronleichnamskirche kein Geheimtipp mehr. Seit vielen Jahren ist die Harmonia mit von der Partie. Dann füllen die Liebhaber des Chorgesangs die große, betont streng in Schwarz und Weiß gehaltene Kirche im Aachener Ostviertel. Was viele Aachener vermutlich nicht wissen: Das Gotteshaus aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts wird in der Architekturwelt noch immer als ein Juwel moderner Kirchenbaukunst gerühmt.

„St. Makei“ nennen die alten Öcher die weiß wie Quarkkäse (Makei) aufragende Kirche liebevoll in der Mundart. Wenn dort die Harmonia in feierlichem Schwarz wie im vergangenen Advent das „Er wird herrschen“ aus der „Christ-König-Messe“ von Willy Giesen von den Stufen des Altars hoch in das Kirchenschiff aufsteigen lässt, zählt das zu den wahrhaft berauschend schönen Augenblicken des Weihnachtskonzerts. Dann kriegt nicht nur Tenor Christian Vogel noch immer „beim Singen eine Gänsehaut“, sondern so mancher Zuhörer. Und in die kurze Stille nach dem letzten verhallenden Ton bricht lang der Beifall.

Nicht nur die 16 Chor-Herren geben alles für das Wohlergehen des MGV Harmonia. Die Sänger können sich glücklich preisen, in Thomas Linder einen leidenschaftlichen Chorleiter gefunden zu haben.

Nun ist der 50-Jährige in der Aachener Musikwelt denn auch nicht gerade irgendwer. Seit 1989 ist der studierte Kirchenmusiker an St. Jakob als Kantor tätig und in allen vier zu St. Jakob gehörenden Pfarrgemeinden an der Orgel präsent. Schnell erwarb er sich im doppelten Wortsinn einen klangvollen Ruf: So wirkt Thomas Linder seit 1995 als Regionalkantor für die Region Aachen-Stadt, wodurch er im gesamten Bistum Aachen mitverantwortlich ist für alle diözesanen Fragen in der Kirchenmusik.

Chorleiter der Harmonia ist Linder seit 2007. Mit seinem erfrischenden Elan, seiner freundlich-munteren Art und mit großen musikalischen Wissen beflügelt er seine zumeist viel älteren „Sängerknaben“. Er spornt sie an. Neben Liedern aller Sparten und „mit besonderem Spaß Lieder in Aachener Mundart“ lässt er auch das Englische, das „Peppige“ eben, singen – so wie im Advent in „St. Makei“ beherzt den „Old Black Joe“ oder den „Swanee Ribber“-Song.

Die Harmonischen wagen sich auch an musikalisch Kompliziertes. An das „Cantate Domino“ von Hans Leo Hasler etwa, jüngst für Linder „unser schwierigstes Stück beim Konzert in der Fronleichnamskirche“. Bei den Proben singt und macht Linder vor, was das Lied ausdrücken will – „und die Herren versuchen, so zu singen, wie ich es hören möchte“. Klappt’s, geht der Daumen hoch und die Herren strahlen. Für Thomas Linder ist das Einstudieren auch schwieriger Stücke schlicht „wichtig für die Seele, ohne an den Stücken lange dran rumzuschleifen“.

In der puren Freude am Gesang und im Geselligen liegt die Harmonie der Harmonia. Was den Laien vollkommen verblüfft: Notenkenntnisse sind nicht erforderlich, um mitzusingen. Hinter den Satz im Werbe-Flyer hat Vorsitzender Christian Vogel drei Ausrufezeichen gesetzt. Er ist selbst denn auch ohne großartige Notenkenntnisse so „ein Gehörsänger. Wenn ich etwas ein-, zweimal gehört habe, kann ich es singen“.

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