Aachen - Nach Ausbildung: Familienpflegerin blickt besorgt in die Zukunft

AN App

Nach Ausbildung: Familienpflegerin blickt besorgt in die Zukunft

Von: Margot Gasper
Letzte Aktualisierung:
8249036.jpg
30 Jahre liegen zwischen der Ausbildung von Brigitte Leyens (rechts) und Leonie Halcour. Der Beruf der Familienpflegerin hat sich in drei Jahrzehnten sehr verändert. Nun drohe das System an der Finanzierung zu scheitern, befürchtet die Bereichsleiterin. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Drei Jahre lang ist es richtig gut gelaufen für Leonie Halcour. Ihre Ausbildung zur Familienpflegerin hat die junge Frau mit einem erfolgreichen Examen abgeschlossen. Ihr einjähriges Berufspraktikum beim Aachener Caritasverband geht am 14. August zu Ende. Dann ist sie staatlich anerkannte Familienpflegerin, bestens qualifiziert in einem Beruf, den sie liebt – und muss nun befürchten, arbeitslos zu werden.

Denn der Bereich Familienpflege beim Caritasverband wird massiv zurückgefahren. Derzeit kümmern sich bei der Caritas acht Mitarbeiterinnen auf viereinhalb Vollzeitstellen um die Familienpflege. Ende des Jahres werden wahrscheinlich noch zwei volle Stellen und vier Mitarbeiterinnen übrig sein. Und Leonie Halcour kann nach ihrem Berufspraktikum nicht übernommen werden; so gerne Brigitte Leyens, Leiterin der Caritas-Familienpflege, das auch möchte.

„Für mich keinen Job“

Für die frischgebackene Familienpflegerin ist das ein bitteres Ende ihrer Ausbildung. „Hier kann ich nicht bleiben“, sagt die 23-Jährige, „und ich weiß nicht, wo ich in Zukunft arbeiten soll. In der klassischen Familienpflege gibt es für mich keinen Job.“

Der Grund ist – wie so oft – das Geld. Der Einsatz der Familienpflegerinnen, erläutert Brigitte Leyens, werde von den Krankenkassen finanziert. Und was die zahlen, sei leider immer weniger kostendeckend. Die Folge: Die Caritas muss in diesem Bereich Personal abbauen. Leyens bringt die Situation so auf den Punkt: „Alle wollen Fachlichkeit, aber keiner will vernünftig dafür zahlen.“

Leonie Halcour hat sich in ihrer Ausbildung ganz bewusst für die klassische Familienpflege entschieden. Sie geht in die Familien und hilft Eltern und Kindern, wenn Not am Mann ist. Natürlich kann sie auch in anderen Bereichen arbeiten. Schließlich ist die Ausbildung in der Familienpflege breit aufgestellt und qualifiziert für die Versorgung und Pflege von Kindern, Alten, Kranken und Behinderten gleichermaßen. „Aber ich möchte als Fachkraft bezahlt werden“, betont sie, „nicht als Aushilfe“.

Familienpflegerinnen kommen in Krisensituationen in die Familie: Meist wenn ein Elternteil, in der Regel die Mutter, krankheitsbedingt ausfällt. Das kann ein gebrochenes Bein sein oder eine Risikoschwangerschaft, das kann aber auch eine psychische Erkrankung sein oder eine lebensbedrohliche Krebserkrankung. Die Familienpflegerin sorgt dafür, das der Laden auch in dieser Ausnahmesituation weiterläuft: Dass der Haushalt geführt wird und vor allem, dass die Kinder versorgt werden. „Wir arbeiten mit dem Wichtigsten, was die Familien haben“, sagt Leonie Halcour, „den Kindern“.

Brigitte Leyens ist schon seit 30 Jahren in der Familienpflege tätig. Sie hat erlebt, wie sich Familien und deren Bedürfnisse verändert haben – und damit auch die Anforderungen an die Familienpflege.

Der Alltag der Familien ist heute anders getaktet. Meist sind die Kinder bis nachmittags in der Schule. Da muss auch die Familienpflegerin flexibel sein, im späten Nachmittag erneut kommen und dafür sorgen, dass Essen auf den Tisch kommt, dass die Hausaufgaben gemacht werden, dass Zeit zum Spielen bleibt.

Früher war es durchaus üblich, dass eine Familienpflegerin bis zu acht Stunden am Tag in der Familie arbeitete. Heute betreut eine Fachkraft jeden Tag mehrere Familien.

„Wir gehen zu den Menschen nach Hause“, sagt Leonie Halcour, „wir kommen ihnen sehr nahe.“ Und jede Familie sei anders. Gerade deshalb liebt sie diesen „bunten“ Beruf, der immer neue Überraschungen bringt.

„In haushaltspraktischen Dingen sind viele Familien heute überfordert“, stellt Brigitte Leyens immer wieder fest. Die Familienpflege trainiert deshalb bei Bedarf auch mit Familien, wenn Eltern nicht mehr in der Lage sind, ihre Kinder angemessen zu versorgen. Dieses Haushaltsorganisationstraining (HOT) in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt wurde als Modellprojekt vom Deutschen Caritasverband entwickelt. Bei der Caritas in Aachen gibt es HOT seit mehr als zehn Jahren. HOT setzt an, wenn Eltern zum Beispiel einfachste Handgriffe im Haushalt nicht beherrschen, weil man sie ihnen nie beigebracht hat. Auch eine psychische Erkrankung kann dazu führen, dass ein ganzer Haushalt zusammenbricht. Die altersgerechte Beschäftigung mit Kindern oder sparsames Haushalten gehören ebenfalls zum Training.

Im Durchschnitt betreut die Caritas-Familienpflege Monat für Monat rund 20 Familien in der Städteregion. Müssen die nun befürchten, alleingelassen zu werden, wenn die Caritas die Familienpflege reduziert? „Auf keinen Fall“, versichert Brigitte Leyens, „ich lasse keine Familie unversorgt. Sollten wir keine Kapazitäten haben, leite ich die Fälle an andere Träger weiter.“

Ausbildung weniger gefragt

„Wenn die Leonie bei uns hier eines gelernt hat, dann ist es Flexibilität“, sagt Leyens abschließend noch. „Als Familienpflegerin muss man sich auf die Leute einlassen. So lieb und nett und jeck, wie sie nun mal sind.“ Unter den jetzigen Bedingungen, befürchtet die Bereichsleiterin aber, „droht das System Familienpflege an der Finanzierung zu scheitern“.

Auch in Aachen hat es einmal eine Familienpflegeschule gegeben. Die wurde schon in den 1980er Jahren geschlossen. Brigitte Leyens’ Ausbildungsjahrgang war der vorletzte in Aachen.

Leonie Halcour hat in Mönchengladbach gelernt, an der Bischöflichen Liebfrauenschule, einem Berufskolleg des Bistums Aachen. Auch dort sind die Aussichten nicht rosig für die Familienpflege. Zwei Jahre hintereinander ist nun schon mangels Anmeldungen kein Kurs zustande gekommen. Wenn die Perspektiven so schlecht sind, mag natürlich niemand den Beruf erlernen.

Und auch die fast fertige Familienpflegerin Leonie Halcour würde eher abraten von der Familienpflege. „Ich bereue keinen Tag, dass ich das gemacht habe“, bilanziert sie, „und ich habe super viel gelernt. Aber nun habe ich Zukunftsängste. Und das sollte doch keiner haben – nach der Ausbildung.“

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert