Aachen - Nach acht Minuten soll ein Zimmer tiptop sein

Nach acht Minuten soll ein Zimmer tiptop sein

Von: Martina Stöhr
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Wehren sich gegen Ausbeutung am Arbeitsplatz: Dorothea Wohlgemuth (am Besen) sowie Margrit Benders, Josef und Birgit Beckers und Güngör Özkul (hinten von rechts).

Aachen. „Mit Schweiß auf der Stirn und im Laufschritt mag das gehen”, sagt Josef Beckers, Fachgruppen-Vorsitzender der Bezirksvereinigung der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) Aachen. Doch auf Dauer sei ein solches Tempo nicht durchzuhalten. Nur acht Minuten haben die Gebäudereiniger des Uniklinikums Zeit, um ein Zimmer auf Vordermann zu bringen.

Dass das kaum zu schaffen ist, konnten die Aachener jetzt am eigenen Leib erfahren. Die Gewerkschaft hatte auf dem Willy-Brandt-Platz ein Krankenhauszimmer nachgestellt und forderte die Passanten auf, Besen und Putzlappen in die Hand zu nehmen und das Zimmer zu reinigen. Vorher sollten sie schätzen, wie lange sie dafür brauchen würden.

„Wir wollen auf die schwierige Situation der Gebäudereiniger aufmerksam machen”, sagt Güngör Özkül, Organisationssekretär bei der IG Bau. Denn die Reinigungskräfte würden inzwischen zwar nach Mindestlohn bezahlt, könnten die knapp bemessenen Zeitvorgaben aber kaum einhalten. Die Folge: Sie arbeiten länger als vorgesehen, bekommen die Überstunden aber nicht bezahlt. Dass ärgert die Gewerkschaftler vor allem auch deshalb, weil die großen Reinigungsunternehmen ihrer Meinung nach ein gutes Geschäft machen. „Die Branche boomt”, sagt Güngör Özkül,

Doch die Reinigungskräfte profitierten davon nicht. Im Oktober des vergangenen Jahres streikten sie deshalb zum ersten Mal. Sie wollen einen Stundenlohn von 10 Euro und weniger befristete Arbeitsverträge. Es sei mittlerweile gang und gäbe, Arbeitsverträge nur für wenige Monate zu vergeben, sagt die IG Bau. Damit wachse der Druck auf die Beschäftigten, die aus Angst vor der Arbeitslosigkeit auch schlechte Bedingungen in Kauf nähmen.

Jährlich zum Tag der Gebäudereinigung am 15. Juni überlegen sich die Gewerkschafter, mit welchen Aktionen sie die Bevölkerung auf die Missstände aufmerksam machen können. Am 15. Juni 1990 gingen in Los Angeles Reinigungskräfte auf die Straße, um mehr Lohn zu fordern. Der Streik wurde von der Polizei brutal beendet, doch dennoch waren die Streikenden erfolgreich und konnten eine Lohnerhöhung von 25 Prozent erreichen.

Laut IG Bau sind in der Städteregion Aachen rund 3650 Arbeitnehmer in der Gebäudereinigung sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Dazu kommen all die, die auf der Basis von 400-Euro-Jobs arbeiten. 80 Prozent von ihnen seien Frauen, die oft in prekären Situationen lebten und für den Lebensunterhalt ihrer Familie aufkommen müssten. Mit dem, was sie verdienten, sei das kaum zu schaffen, meint die Gewerkschaft. Sie wirbt für die Anerkennung eines Berufszweigs, der meist im Dunkeln agiert. Denn die Putzfrauen werden immer dann aktiv, wenn die Angestellten ihre Büros verlassen haben.
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