Mutmaßlicher Kinderschänder fiel durch Höflichkeit auf

Von: Wolfgang Schumacher
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Aachen. Angeklagt vor dem Aachener Landgericht sind 53 Fälle von sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung eines neunjährigen Jungen in Aachen. 20 Monate lang soll der einschlägig vorbestrafte Angeklagte Andy L. (40) quasi unter den Augen der Polizei und der Bewährungsbehörde nach einer siebenjährigen Haftstrafe wieder rückfällig geworden und den Jungen zu sexuellen Handlungen sowie zu pornografischen Videoaufnahmen genötigt haben.

Wie kann das passieren, fragten sich alle Beteiligten, als der Sachverhalt dieses Jahr bekannt wurde. Denn der bei seinen ersten Taten in Köln straffällig gewordene ehemalige Feuerwehrmann – damals hatte er Kinder in Jugendcamps missbraucht – stand unter verstärkter Aufsicht des in Düsseldorf konzipierten und von der Landesregierung speziell für diesen Täterkreis aufgelegten sogenannten Kurs-Programmes.

Die Abkürzung steht für „Konzeption im Umgang mit rückfallgefährdeten Sexualstraftätern“ und Andy L. galt als solcher vor allem auch deshalb, weil er nach seiner Strafverbüßung keine besonders gute Legalprognose bei seiner Entlassung hatte. Jetzt allerdings steht für den „Kernpädophilen“, der laut der verlesenen Vorstrafenakten zwar ein hohes Maß an Einsicht in sein Fehlverhalten zeigte, dem man aber lange nicht alles abnahm, was er kundtat. Er wurde unter die an sich sehr strenge Führungsaufsicht des „Kurs“-Programmes gestellt, hier überwachen verschiedene Dienste gemeinsam das Verhalten der ehemaligen Straftäter in der Freiheit.

Dann, Anfang Februar dieses Jahres, sei es leider so weit gewesen, berichtete am Montag vor der 5. Großen Strafkammer (Vorsitz Richter Roland Klösgen) der für L. zuständige Bewährungshelfer, der gemeinsam mit einem Polizeibeamten die Führungsaufsicht über L. wahrnahm. Da sei eine Mitarbeiterin zu ihm gekommen und habe berichtet „du, zu dir kommt doch immer dieser freundliche, große und höfliche junge Mann. Den habe ich gestern in der Königstraße mit einem Jungen an der Hand gesehen.“ Da schwante dem Bewährungshelfer sofort Böses, L. wurde umgehend einbestellt und noch an Ort und Stelle festgenommen. Am Montag nun wurden im Gericht die Videos vorgeführt, die L. von dem Jungen aufgenommen hatte.

Der Kammervorsitzende ließ die Öffentlichkeit ausschließen, denn es sind Bilder von Handlungen, die außerhalb dieses Saales nicht beschrieben werden sollten. Auch jetzt ist L. wieder völlig geständig, wie sein Anwalt Thomas W. Pohlhammer berichtet. „Ja, mein Mandant hat alles eingeräumt“, meinte der Verteidiger. Dabei gehe es im Kern um 20 Handlungen an dem neunjährigen Kind, die weiteren 33 angeklagten Fälle „gruppieren sich um das Geschehen herum“, so Pohlhammer. Der als Zeuge geladene Bewährungshelfer schilderte, wie perfekt der Angeklagte ein doppeltes Spiel getrieben und die Polizei wie auch ihn selber überlistet habe. „Wir haben angemeldete und unangemeldete Hausbesuche bei ihm gemacht. Es gab keine Probleme, sein Wohnumfeld wurde immer besser.“

Desgleichen habe es enge Kontakte zu den Gruppenleitern gegeben, in der der Entlassene sogenannte „Rückfallprophylaxe“ erlernen sollte. Auch hier habe er sich durch großes Engagement und eifrige Teilnahme ausgezeichnet. Und man habe ihm in Ansprachen immer wieder deutlich gemacht, „auf welch schmalem Grad zu einer möglichen Sicherungsverwahrung“, so der Beamte, sich der 40-Jährige befinde. Es nutzte nichts. Der Prozess wird diesen Mittwoch fortgesetzt.

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