Aachen - Mit einem Buch die diffuse Angst ausleben

Mit einem Buch die diffuse Angst ausleben

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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In Aachen ist er aufgewachsen, heute lebt er in Düsseldorf: Der Autor Stefan Keller steht am 17. Oktober auf der Gästeliste der 7. Aachener Krimitage. Foto: Harald Krömer

Aachen. Stefan Keller ist ein stiller Beobachter, schmal, Brille, ein bisschen wie ein später Student oder junger Dozent der Sozialwissenschaften. In diesem Jahr feiert der Autor seinen 40. Geburtstag, in Aachen ist er geboren, jetzt lebt er mit seiner Frau in Düsseldorf.

Und nach Aachen kehrt er kurzfristig zurück – als prominenter Gast der 7. Aachener Krimitage, wo er aus seinem 2017 erschienenen Buch „Das Ende aller Geheimnisse“, am Dienstag, 17. Oktober, lesen wird.

Heidi Kamemba, Kommissarin bei der Düsseldorfer Kripo, ist seine ermittelnde Hauptperson. Kamemba? Keller lächelt. „Ja, genau, sie ist meine erste schwarze Ermittlerin“, sagt er. „Das sorgt für ein besonderes Spannungsfeld.“

Stefan Kellers Eltern hatten eine Apotheke in Aachen, die jetzt der Bruder führt. „Es ist seltsam, wieder durch die Straßen meiner Kindheit zu gehen”, meint er. „Aber es ist auch sehr schön.“ Sein Abitur hat Keller am Kaiser-Karls-Gymnasium bestanden. „Ich kann noch immer Latein“, sagt er lächelnd. „Als Kind habe ich sehr viel fotografiert, mit einer ganz kleinen Kamera”, erzählt er. „Landschaften, Tiere, an Menschen habe ich mich erstmal nicht heran getraut.“

Nach dem Abitur kam das Studium der Betriebswirtschaft und Germanistik in Bonn. „Immerhin nahm die Deutsche Welle Beiträge für ihre Wirtschaftsredaktion, das waren meine ersten Schreiberfahrungen“, erzählt er. Schreiben – das war sein Ding. Mit Ratekrimis kamen die ersten Aufträge. Stefan Keller arbeitete für Bühne und CD, Fernsehshows des WDR, den Kinderkanal. „Da konnte ich nahezu alles erzählen, was ich wollte”, sagt er heute. Texte in freien Theatern folgten, Mitgestaltung von Musicals wie „Rocky Horror Picture Show“ oder „Der kleine Horrorladen“, aber auch Boulevard-Theater, Produktionen von Friedrich Schiller bis Tabori. Irgendwann kam die Volkshochschule Köln auf ihn zu und bot ihm ein Schreib- und Drehbuchseminar an. Warum nicht?

Ewig junges Genre

Krimi ist für Stefan Keller ein traditionelles und zugleich ewig junges Genre. „Wenn man an Edgar Allen Poe denkt, erkennt man, wie lange es bereits Krimis gibt”, sagt Keller. Kriminalliteratur oder Krimis im Fernsehen sind heiß begehrt. Warum? Keller ist nachdenklich. „Natürlich haben wir alle Angst vor Gewalt, aber früher war sie im Alltag präsenter.“ Der Krimi, wenn er gut gemacht ist, biete dem Leser die Chance, sich mit seiner diffusen Angst auseinander zu setzen, sie auszuleben. Auch Begriffe wie Schuld und Sühne, die Rollen von Opfern und Tätern, das Phänomen des Aggressionspotenzials kommen ins Spiel.

Wo sammelt Keller Ideen? „Ganz oft im Café, wenn ich still die Leute beobachte, oder bei einer Zugfahrt“, erzählt er. „Da habe ich plötzlich neue Ideen, manchmal sogar für ein Buch das gerade entsteht.”

Keller ist inzwischen Lehrbeauftragter der Universität Köln, wo er an der Philosophischen Fakultät „Schreiben“ unterrichtet. Was vermittelt er seinen Studenten? „Ich konzentriere mich auf handwerkliche Möglichkeiten“, sagt er. Sprache sollte glaubwürdig sein. „Ein Autor muss entscheiden, welches Publikum er anspricht“, meint er. Als Autor, der sich einer gewissen Buch-Produktion verschrieben hat, kennt Keller den Druck der Disziplin: „Man muss zu festen Zeiten Arbeiten, sonst wird das nichts“, sagt er. „10 000 Zeichen am Tag, danach hat man ein gutes Gefühl, ist glücklich. Die eigenen Befindlichkeiten muss man zurückstellen.“

Ansprechpartner bei der Polizei haben ihm dabei geholfen, mit Themen wie Tod und Sterben, Mord und Gewalt umzugehen. „Ein Krimi ist ja doch anders als die Realität”, sagt er. „Alles ist stark verdichtet.“ Dabei spielt der Hintergrund, die persönliche Geschichte seiner handelnden Figuren eine erhebliche Rolle. „Die reine Fallgeschichte würde überhaupt nicht funktionieren“, sagt Keller. durch widersprüchliche Aussagen und offene Fragen erzeugt er Spannung. „Nur so kann ich Neugier erzeugen“, betont der Autor. „Persönliche Relevanz“ ist ihm wichtig, die Frage, warum wer wie handelt. Dabei wandelt er auf traditionellen Pfaden. „Auch Märchen leben von Gewalt und Gemetzel“, sagt Keller. „Das geht bis zu Gruselstorys und Edgar-Wallace-Romanen.“

Der emotionale Zugang gelingt ihm meist durch ein Mitfühlen, das Verständnis für jemanden, der am Leben gescheitert ist.

Das Schreiben ist für Keller „ein Mittel, um mich auszudrücken, damit man mich wahrnimmt“. Der Autor schätzt die Literatur schottischer und nordenglischer Kollegen, deren Humor und die dunklen Krimis dieser Kollegen.

Was er an seinem neuen Krimi mag? „Das war leicht zu recherchieren, weil ich mich in Düsseldorf auskenne, da wohne ich schließlich“, sagt er. Eine Weile hat er sogar über Aachen als Ort der Handlung nachgedacht. Die Zeitgeschichte, die Grenzsituation, der Schmuggel, all das hat ihn gereizt. Aber dann wurde es doch Düsseldorf – mit Heidi Kamemba, deren Vater aus dem Kongo stammt. „Eine hochspannende Situation“, sagt der Autor. Für Heidi, die Kommissarin, ist ihre Hautfarbe kein Thema. Für die anderen schon. Das sorgt für zusätzliche Brisanz.

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