Mehr Qualität für einen geringeren Lohn

Von: Tobias Röber
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Mehr Geld für die Kinder: Die Geschäftsführerin der familiären Tagesbetreuung Bettina Konrath (links) und Tagesmutter Waltraud Ziegler sind mit der Bezahlung der Tagespflegepersonen nicht einverstanden. Foto: Tobias Röber

Aachen. „Ich ziehe nach Düsseldorf!” Die Aachenerin Waltraud Ziegler lacht zwar bei diesen Worten, ein wenig Ernst steckt trotzdem dahinter. Die gelernte Kinderkrankenschwester arbeitet nämlich als Tagesmutter und ist mit ihrer Bezahlung alles andere als zufrieden.

Erst recht, seitdem zum 1. Januar die von den Kommunen bezahlten Tagesmütter den privat bezahlten steuerlich gleichgestellt wurden.

„Es wird schwieriger, Tagesmütter zu finden”, sagt Bettina Konrath, Geschäftsführerin der familiären Tagesbetreuung Aachen. Der Verein ist seit 1997 im Auftrag der Stadt tätig und mit der Kindertagespflege betraut. 97 Tagespflegepersonen betreut der Verein aktuell, darunter befindet sich auch ein Tagesvater. „Große Veränderungen gibt es im Grunde seit 2005. Damals wurde die Kindertagespflege erstmals mit den Kindertageseinrichtungen gleichgestellt”, erklärt Konrath.

Anforderungen gestiegen

Die Folge waren ein höherer Qualitätsanspruch und dadurch höhere Anforderungen an Tagespflegepersonen. „Viele Städte haben die Stundensätze angehoben, Aachen nicht”, beklagt die Geschäftsführerin der Tagesbetreuung. Für die Pflege von bis zu fünf Kindern konnten die Tagesmütter, die Betreuungskosten vom Jugendamt erhielten, den Gewinn steuerfrei einstreichen.

Das ist nun nicht mehr so. Die Gleichstellung zum 1. Januar hat zur Folge, dass die von den Kommunen gezahlten Tagespflegesätze versteuert werden müssen. In der gesetzlichen Rentenversicherung sind sie dazu versicherungspflichtig, wenn ihre steuerungspflichtigen Einnahmen mehr als 400 Euro monatlich betragen. Bei einem Einkommen von bis zu 360 Euro können sie sich auch weiterhin über den Ehepartner krankenversichern.

Liegt das Einkommen zwischen 360 und 828 Euro, können sie einen Sondertarif der gesetzlichen Krankenversicherung in Anspruch nehmen. Dieser liegt einschließlich Pflegeversicherung bei 141 Euro im Monat. Im Gegenzug wurde die steuerfreie Betriebskostenpauschale um 55 Euro auf 300 Euro angehoben.

Was das konkret bedeutet, rechnet Bettina Konrath beispielhaft vor: „Bei einer Betreuung zwischen 20 und 29 Wochenstunden, zahlt das Jugendamt der Tagesmutter 236 Euro im Monat. Davon müssen 150 Euro Betriebskosten abgezogen werden. Bleiben also 86 Euro übrig, die dann auch noch versteuert werden müssen.” Bei drei Kindern liegt der Gewinn somit bei 258 Euro. Ist die Tagesmutter nicht verheiratet, muss sie sich selbst krankenversichern - Kostenpunkt: 141 Euro. Nach Abzug von ungefähr 60 Euro Steuern bleiben gerade einmal 86 Euro im Monat übrig.

Zu wenig für Waltraud Ziegler, die betont: „Tagespflege ist keine ehrenamtliche Tätigkeit.” Bettina Konrath stimmt ihr zu: „Die Tagespflegepersonen müssen sich mindestens 80 Stunden plus 16 Stunden Erste-Hilfe-Kurs qualifizieren, viele wählen auch 160 Stunden. Da kann man nicht erwarten, dass sie für nur 2,20 Euro anschließend arbeiten.” 2,20 Euro kassiert eine Tagesmutter im Schnitt vom Jugendamt. Abhängig ist das von den in Aachen gültigen Stundenkontingenten. Wer zum Beispiel 20 bis 29 Stunden arbeitet, erhält 2,72 Euro, bei 30 Stunden sind es sogar nur 1,82 Euro. Wenig Geld, für das die Tagesmütter arbeiten sollen.

Tun die meisten auch nicht. „Ich nehme fünf Euro pro Stunden”, sagt Ziegler. Das wiederum hat zur Folge, dass viele Eltern sich die Pflege nicht leisten können. Zwar besteht für Geringverdiener die Möglichkeit, über die wirtschaftliche Jugendhilfe unterstützt zu werden, die Zuzahlung zu den geringen Sätzen können sich aber viele nicht leisten.

Klingt zunächst reichlich negativ und doch gewinnt Bettina Konrath den Neuerungen auch Positives ab: „Die gesetzlichen Änderungen sind gut, nur müssen sie vor Ort auch umgesetzt werden.” So ist Aachen eine von fünf der 29 Kommunen des Landesverbandes Kindertagespflege NRW, die noch den alten Stundensatz zahlen.

Fünf Euro als realistisches Ziel

Bettina Konrath nennt einen Stundenlohn von fünf Euro als „realistisches Ziel”. Würde die Stadt -Êwie in vielen Kommunen üblich - die Hälfte der Beiträge zur Kranken- sowie Rentenversicherung übernehmen, „könnte man auch mit vier Euro leben”.

Als Vorbild nennt sie Düsseldorf. Die Stadt zahlt ihren Tagesmüttern 4,50 Euro pro Stunde, zu den gar nicht so seltenen Randzeiten wie früh morgens vor 7.30 Uhr und nach 16.30 Uhr sogar noch einen Euro mehr. Waltraud Ziegler hört bei diesen Zahlen genau hin. Noch macht sie in Aachen weiter. Wenn sich jedoch nichts ändert, wird ihr Umzugsplan vielleicht doch noch richtig ernst.
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