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Max Mordechai Bohrer kümmert sich um die jüdische Gemeinde

Von: Georg Dünnwald
Letzte Aktualisierung:
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Zusammenhalt im Inneren, Offenheit nach außen: Rabbiner Max Mordechai Bohrer hält die „jüdische Eigenart” für notwendig. Ebenso aber auch die Achtsamkeit und den Protest der Gemeinden gegen Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit.

Aachen. „Eine tolerante Stadt”, sagt Max Mordechai Bohrer. Seit dem 1. Februar ist er Rabbiner in Aachen und lebt seither hier mit seiner Ehefrau Tamar. Nur die drei Kinder, zwei Söhne von 26 und 14 Jahren und die 22-jährige Tochter, wohnen weiterhin in Israel.

Als Bohrer vor ein paar Jahren erstmals deutschen Boden betrat, fühlte er sich sofort zu Hause. Der Rabbiner aus Tel Aviv hatte die Stelle des Landesrabbiners in Bremen angenommen. „Wie kannst Du nur nach Deutschland gehen”, stieß er bei vielen Freunden in Israel auf Entsetzen und Unverständnis. Bohrer hatte aber schon in seinem Elternhaus „deutsche Kultur geatmet”. Seine Familiengeschichte ist Teil einer deutschen Geschichte.

Seine Eltern haben sich in Israel mit dem kleinen Max immer auf Deutsch unterhalten. Untypisch für Familien, die aus begründeter Todesangst Deutschland den Rücken kehrten. Denn die meisten weigerten sich, die ehemalige Muttersprache zu benutzen, „aus Protest gegen das, was den Juden in Deutschland angetan wurde”.

Die Großmutter Jenny, die im Hause seiner Familie in Tel Aviv lebte, hatte es 1939 so gerade noch geschafft, mit ihren Kindern vor den Nazischergen nach Palästina zu entkommen. Den Großvater Markus Mordechai Bohrer, der in Ansbach geboren wurde, verschleppten 1938 die braunen Verbrecher noch vor dem Novemberpogrom ins KZ Dachau, wo er am 30. Dezember 1938 starb. Rabbi Markus Bohrer war der letzte jüdische Geistliche in Gailingen (Kreis Konstanz) und bekannt dafür, Glaubensgenossen bei ihrer Flucht in die Schweiz zu helfen.

Bohrer stammt also aus einer echten „Jeckes”-Familie. Jeckes werden Israel die Juden deutscher Abstammung genannt. Seine Mutter stammt aus Dortmund, sein heute 83-jähriger Vater kam in Königsberg zur Welt.

Lehrerausbildung

Am 8. Dezember 1956 erblickte der kleine Max in Petach Tikwa bei Tel Aviv das Licht der Welt. Nach der Schule besuchte er eine Jeschiwa, das ist eine Rabbinerhochschule. „Aber eigentlich wollte ich nicht Rabbiner werden”, erzählt Bohrer.

Zunächst wurde er Lehrer an einer Grundschule und hatte so die Möglichkeit, den obligatorischen dreijährigen Militärdienst in Israel fast zu umgehen. Denn in den Ferienzeiten musste er trotzdem ran ans Gewehr. Der 52-Jährige übergeht charmant im Gespräch mit den „Nachrichten” diese Zeit. Vor 13 Jahren bestand er schließlich das Diplom für den höheren Religionsunterricht und bereitete unter anderem Jungen auf ihre Bar-Mizwa vor.

Zwei Jahre lang hielt sich Bohrer in Bremen auf, „eine schöne Stadt”, wie er sagt. Dann kam das Aachener Angebot. Die Anforderungen an den Nachfolger von Yaron Engelmeyer, der an die Kölner Synagoge wechselte: „Der Kandidat muss orthodox sein, aber nicht fanatisch, zum Milieu der Gemeinde passen, ein treuer, ein kultureller Mensch sein, Deutsch sprechen, keine Scheuklappen haben, offen sein und den Kontakt mit den anderen Religionen pflegen.”

An Aachen fasziniert den jüdischen Geistlichen die Offenheit, mit der die verschiedenen Religionen Gespräche führen. Und auch die Art der Öcher: „Höflich, freundlich, sie reichen Freunden und Fremden gleichermaßen gern die Hand.” Er erinnert sich: „Mit Bischof Mussinghoff habe ich mich schon unterhalten. Der hat mich tief beeindruckt. Er ist ein freundlicher, hochgebildeter Mann, der die Juden als Freunde sieht.”

Lehrer für Hebräisch und Karate

Die Stadt lernt er nach und nach kennen. Meist per pedes. „Ich brauche jedenfalls kein Navi, wenn ich ins Rathaus muss.” Er hat auch Kontakt mit Studenten aufgenommen: „Zehn unterrichte ich derzeit in Hebräisch”, sagt er. Und erzählt schmunzelnd von seinen Fähigkeiten als Karatelehrer: „Ich bin mit Sicherheit nicht gefährlich.”

Seine Gemeinde versteht Bohrer als „Leuchtturm für alle geistigen Bedürfnisse.” Auch für für die Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion, die nun in Deutschland Gelegenheit bekommen sollen, jüdisches Leben kennenzulernen und zu praktizieren.

Wieder aufkeimendem Antisemitismus sei im Inneren nur durch Zusammenhalt zu begegnen. „Wir brauchen das jüdische Leben und die jüdische Eigenart, nur so ist das Überleben gewährleistet.” Allerdings müssten sich die jüdischen Gemeinden auch nach außen hin äußern und protestieren gegen Judenhass und Ausländerfeindlichkeit. „Versöhnung ist gut”, sagt Bohrer im Hinblick auf den bevorstehenden höchsten jüdischen Feiertag am kommenden Montag, dem Jom Kippur. „Aber wir sollten nie vergessen, denn im Vergessen liegt der Samen der Wiederholung der Geschichte” warnt Bohrer.

Verschmitzt lächelnd denkt er dabei laut über Gottes Versprechen im fünften Buch Mose nach: „Das jüdische Volk wird nie vernichtet werden.” Und er habe, meint Bohrer, sein Versprechen gehalten.
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