Mal heiter, mal böse: Diese Liebesgeschichte hat Biss

Von: Sabine Rother
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Aachen. Mit einer Rarität überraschten im Ballsaal des Aachener Kurhauses der Tenor Josef Protschka, Professor für Gesang und bis vor kurzem Rektor der Musikhochschule Köln, die Sopranistin Nadja Platen, deren Spektrum vom Chanson über die Oper bis zum geistlichen Lied reicht, sowie Stefan Palm, langjähriger Leiter einer Hauptfachklasse für Cembalo und Kammermusik an der Musikhochschule Köln und Kirchenmusiker in Neuss.

Hugo Wolfs Zyklus „Italienisches Liederbuch”, komponiert 1890-1896 nach Texten von Paul Heyse, wurde bereits häufig gesungen oder auf CD gebannt - doch so noch nicht. Protschka, der Opernprofi, hat die 45 Lieder derart neu geordnet, dass sie vom „Ständchen Euch zu bringen” bis „Wenn Du, mein Liebster, steigst zum Himmel auf” eine kleine brisante Geschichte der Liebe ergeben, mal heiter und euphorisch, mal böse und bitter, mal witzig und hochmütig, mal tragisch und traurig.

Stefan Palm ist am Klavier gleichrangiger Partner der beiden Akteure, denn seine Umsetzung von Wolfs vielschichtigen und höchst komplizierten Kompositionen trägt und interpretiert die jeweilige Gefühlsstimmung, wirkt selbst dort weiter, wo Worte versagen.

Nadja Platen und Josef Protschka sind nicht nur stimmlich ein gutes Team, sie agieren perfekt mit Blicken, Gesten und Körpersprache. Wolf, der Komponist, der als Mensch extrem schwierig und eigensinnig war, wurde zu seiner Zeit lediglich von einer kleinen Freundes- und Künstlergruppe verstanden.

Unterhaltsames Kammerspiel

Die Eigenheiten seines persönlichen Stils, der sich eng und verantwortungsvoll am poetischen Gedanken der vertonten Textes orientiert, sind für die drei Künstler im Ballsaal Ausgangspunkt eines reizvollen und musikalisch anspruchsvollen Kammerspiels. Josef Protschka lotet alle Farben seiner gereiften Tenors aus, setzt Glanzlichter, kann sehr warm und lyrisch schwärmen, um im nächsten Augenblick wieder zornig, heftig, verletzt und hochmütig das Mann-Sein auszuspielen.

Nadja Platen, bildhübsch im roten Abendkleid mit umranktem tiefem Dekolleté, zieht alle Register weiblicher Verhaltensmuster von der elegisch schwärmerischen Unschuld bis zum eiskalten, zynischen und überhaupt nicht zarten Engelchen. Stimmlich souverän, temperamentvoll, sicher und klangschön in jeder Lage, hat sie die Freiheit zum unbekümmerten, punktgenauen Spiel.

Es ist kurzweilig, die Entwicklung der Geschichte zu verfolgen. Durch die schlüssige Reihenfolge der Lieder werden in den Köpfen der Zuschauer Bilder einer kompletten Handlung erzeugt. Gleichzeitig wird deutlich, wie lebendig und dramatisch, wie variationsreich und modern Wolfs Musik ist. Sie fordert von Sängern und Instrumentalisten ein Höchstmaß an Erfahrung und Ausdrucksbereitschaft. Die Inszenierung des „Italienischen Liederbuches” im Ballsaal bot all das.

Und es war nicht etwa nur ein Geplänkel von Liebeslust und -leid. Josef Protschkas Interpretation vermittelt, dass beide Partner am glücklichsten gerade dann sind, wenn sie getrennt vom anderen von der großen Liebe schwärmen. Das tatsächliche Miteinander, das von den Verliebten eher staunend wahrgenommen wird, ist nur selten voller Harmonie. Begeisterter Applaus und eine heitere Zugabe nach fast zwei Stunden Gesang.
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