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Literaturkritiker Denis Scheck begeistert die Bücherfreunde

Von: Werner Czempas
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Scharfzüngig, kraftvoll, aggr
Scharfzüngig, kraftvoll, aggressiv: Denis Scheck begeistert in der Stadtbibliothek mehr als 300 Bücherfreunde mit seinen Buchkritiken. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Wer ihm zuhört, wird süchtig. Süchtig nach gedrucktem Wort. Der steht, dem Rausch zu frönen, am nächsten Tag mit praller Brieftasche vor seinem Buchhändler oder vorm Tresen der Stadtbibliothek.

Dort, in der Stadtbibliothek, zelebrierte ein verführerischer Wort-Dealer seine hohe Kunst der Literaturkritik. Mehr als 300 Leser lauschten und applaudierten inmitten der Bücherregale Stuhl an Stuhl und auf herbeigeschleppten Bänken dem Denis Scheck. Der freute sich über die gewaltige „Occupy-Library-Bewegung hier in Aachen”.

Bettina Wulff fällt durch

Scheck kommt gern nach Aachen. „Wir haben ihn quasi entdeckt, da war er noch nicht so populär und TV-berühmt, heute reißen sich alle Bibliotheken um ihn. Zum sechsten Mal ist er bei uns, er hat uns ins Herz geschlossen und wir ihn”, erzählt Hausherr und Bibliotheksleiter Manfred Sawallich. TV-berühmt: Deutschlands Büchersklaven führen das seit 2003 monatlich laufende ARD-Literatur-Magazin „Druckfrisch” des Denis Scheck fest im Terminkalender. In „Druckfrisch” lässt Scheck mit Vorliebe die meisten „Spiegel”-Bestseller hemmungslos auf einem Förderband abwärts in die Tonne rollen. „Stellen Sie sich vor, Sie müssten die zehn meistverkauften Essen essen”, erklärt er solch rüden Umgang, sich dazu mimisch vor Ekel schüttelnd.

Leider hat er an diesem Abend im Rahmen der bundesweiten Bibliothekswoche doch tatsächlich sein berüchtigtes Köfferchen vergessen, das Köfferchen „mit den Büchern, vor denen ich Sie warnen möchte”. Aber auch ohne den Griff „in mein Doofen-Regal” sehen die Zuhörer ob der „intellektuellen Dürftigkeit des Machwerks” das Buch „Jenseits des Protokolls” der Bettina Wulff mit Schmackes in eine imaginäre Mülltonne fliegen. Dass die Gattin des Ex-Bundespräsidenten schildere, „mit wem sie alles in der Kiste war” - es graust den Kritiker voller Abscheu und Entsetzen. „Eindringlich warnen” möchte er vor Bettina.

Nach der einleitenden Empörung über die Wulffs und deren Liaison „mit diesem Scheiß-Blatt”, womit ein Boulevard-Erzeugnis mit den großen Buchstaben gemeint ist, beruhigt sich Denis Scheck.

Greift genüsslich ins bereitgestellte Regal und plaudert über mehr als 30 Bücher, sachkundig, pointiert, fundiert, scharfzüngig, kraftvoll, aggressiv, mal genervt, mal verärgert, an diesem Abend aber meistens begeistert - und alles immer mit viel Charme und dem Drang beseelt, Lust auf Bücher zu machen. Auf gute Bücher. Wer Scheck zuhört, spürt: Der Mann liest alles, was ihm in die Finger kommt. Der macht keinen Unterschied zwischen E- und U-Büchern, zwischen sogenannter ernsthafter und Unterhaltungsliteratur. Der liest querbeet Krimis („Vorsicht, nicht jeder Heimatkrimi ist einer, nur weil die Lieblingskneipe darin genannt wird!”), Fantasy, Märchen, Porno, Romane, Sachbücher, Comics und, und, und. Der sieht „alle Unterscheidungen und Einteilungen in Genres als künstlich” an. Nur eins muss jedes Buch unbedingt sein - ut geschrieben und nochmals gut geschrieben.

„Sensationell”

Ist es das, kann Denis Scheck dem Leser selbst „einen reinen Porno” als „interessantestes und verstörendstes” und gleichermaßen als „wahnsinnig langweilig, aber ästhetisch aufregend” schildern (Nicholson Baker: Haus der Löcher), ein Fanatasy-Buch als Kapitalismus-Satire „sehr ans Herz legen” (John R.R. Tolkien: Das große Hobbit-Buch), den ersten Roman der Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling „Ein plötzlicher Todesfall” als „großartige, bitterböse Satire” rühmen, den Krimi der Französin Dominique Manotti „Das schwarze Korps” („Paris 1944, von SS besetzt, Sie erfahren viel über das Funktionieren des Faschismus”) als „sensationell, ich bin begeistert” preisen, ein Buch „nachdrücklich” (Mo Yan, Literatur-Nobelpreis 2012: Die Sandelholzstrafe) oder „nachhaltig” (Tomas Tanströmer: Sämtliche Gedichte) oder „gerne” oder „sehr, sehr” oder schlicht „sehr” empfehlen, Felicitas Hoppes „Hoppe” als „allerwichtigst” schätzen oder sich über einen „verdammt guten, genialen” Roman so begeistern, „dass man vor Freude in die Hände klatschen kann” (Christian Kracht: Imperium).

„Wäre dieses Buch ein Pferd...”

„Ich als Kritiker bin so etwas wie die Stiftung Warentest”, hat Denis Scheck einmal gesagt. Bei seinem Aachener Literatur-TÜV fällt Rainald Goetz mit „Johann Holtrop” durch - „als Roman möchte ich eher davor warnen”. Auch diese Scheck-Häme wird kolportiert: „Wäre dieses Buch ein Pferd, man müsste es erschießen.”

In der Stadtbibliothek wird an diesem Abend kein Gaul füsiliert. Denn auch Querbeet-Leser Denis Scheck weiß längst: „Lassen Sie sich von niemandem einreden, was Sie zu lesen haben. Trainieren Sie Ihr eigenes kritisches Bewusstsein, wann immer der schwierige Alltag Ihnen Gelegenheit dazu gibt.”

Neben dem Stargast dürfen zwei junge Damen nicht unerwähnt bleiben. Für 19.45 Uhr war Denis Scheck angesagt und pünktlich erschien er, schon vor 18 Uhr aber strömten die Besucher herbei. Die lange Wartezeit überbrückte das Duo Catanegra mit klassischer Musik von Paganini bis Bartók, von melancholisch bis heiter, wofür Katharina Blasel (Violine) und Nina Schwarz (Gitarre) verdientermaßen sehr viel Beifall erhielten.

„Haut mich um”: Die Bewertungen des Denis Scheck

Die Bewertungen des Denis Scheck über seine „Tour de Force”-Lektüre in Auszügen: ein toller Walser (Martin Walser: Das dreizehnte Kapitel), sehr lustig (Vea Kaiser: Blasmusikpop oder Wie die Welt der Wissenschaft in die Berge kam), augenöffnend (Ursula Krechel: Landgericht), mitreißende Sprache (Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend), schlauer Gesellschaftsroman, angenehm, illusionslos, wenig wattig (Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben), haut mich um, klug (Bodo Kirchhoff: Die Liebe in groben Zügen), Gehirnkino, ein großer Spaß (Dieter Kühn: Ich Wolkenstein), sich selber übertroffen, schon die beiden ersten Sätze wie der Auftakt zu einer Beethoven-Sinfonie (Richard Ford: Kanada), politisch bildend (Salman Rushdie: Joseph Anton), gut funktionierende, reiche Unterhaltungsliteratur (Cornelia Funke: Steinernes Fleisch/Lebendige Schatten) die ganz große Entdeckung, man glaubt, die Drachenscheiße riechen zu können (Fantasy-Zyklus von George R. R. Martin: Ein Tanz mit Drachen), Text zur religiösen Desillusionierung (Comic von Ralf König: Elftausend Jungfrauen); und schließlich: das ideale Geschenk zu Weihnachten (die Grimmschen Märchen und „Pu der Bär”-Hörbücher, vorgelesen von Harry Rowohlt).

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