Letzter Leckerbissen vom Schlachthof verkauft

Von: Wolfgang Schumacher
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Die Ingenieurgesellslchaft P3
Die Ingenieurgesellslchaft P3 hat den Kraftversorgungsturm am Alten Schlachthof erworben. Er ist das Zentrum eines neuen Gebäudes, in das ab Mitte 2013 bis zu 300 Mitarbeiter dse Institutes umziehen. Foto: Harald Krömer

Aachen. Die Sache mit dem „Alten Schlachthof” wird jetzt so richtig rund. Bis auf die mächtige Bogenhalle mit ihrem Wahrzeichen, dem Uhrenturm, ist inzwischen die komplette Gewerbefläche von immerhin 32.000 Quadratmetern verkauft, auf etwa 8800 Quadratmeter haben Interessenten eine Option.

Den jüngsten Coup landete das Immobilienmanagement der Stadt Aachen mit dem Verkauf des sogenannten Kraftversorgungsturmes, der wie die meisten der anderen Gebäude des Aachener Schlachthofes als Ziegelbauwerk Ende des 19. Jahrhunderts entstand. Hier in das Kraftzentrum der Anlage zieht die bislang in der Agit (Dennewartstraße) beheimatete Ingenieurgesellschaft „P3”, die seit 1996 stetig mit ihren Ingenieur-Dienstleistungen gewachsen ist und inzwischen räumlich aus den Nähten platzt.

„Wir haben uns sehr gut entwickelt”, formulierte einer der vier Geschäftsführer, Prof. Thomas Prefi, die Sachlage eher zurückhaltend, das Wort „boomen” wollte er nicht gelten lassen. Doch das 1996 als Spin Off eines Fraunhofer Institutes gegründete Unternehmen hatte 2010 bereits weltweit etwa 1300 Mitarbeiter, hier in Aachen muss Platz für rund 300 Wissenschaftler, Ingenieure und Angestellte geschaffen werden.

So reichte die Geschäftsleitung am Mittwoch dieser Woche bei der Stadt Aachen den Bauantrag für zwei neue Gebäude ein, die den Kraftversorgungsturm des Alten Schlachthofes brüderlich in ihre Mitte nehmen sollen. Die jetzt dort stehenden Seitengebäude sind nicht sehr ansehnlich und fallen nicht unter den Denkmalschutz, der auf den klassischen Ziegelgebäuden des Geländes, in dem die Metzger bis Anfang der 1990er Jahre das Kommando hatten, liegt.

Für Prof. Prefi hat der Turm, in dessen Oberstube sich früher die Wassertanks für den Schlachthof und unten die großen Kältemaschinen befanden, durchaus Symbolkraft. Hier soll rechts und links rund 2000 Quadratmeter Fläche geschaffen werden, auf der die Ingenieure über neue Produktionstechnologien im Automotiv-Bereich, in der Luftfahrt oder bei den Telekommunikationstechnologien nachdenken und Lösungen für ihre Großkunden ersinnen sollen.

Henry Ford, erinnerte der Professor an den Pionier des massenhaften Automobilbaus in den USA, habe seine Anregungen für die Organisation der Produktionsstraßen aus den Chicagoer Schlachthöfen gewonnen. Also habe man mit dem Standort eine sehr gute Wahl getroffen, in etwa einem Jahr will die Gesellschaft in die neuen Gebäude umziehen. Das Ambiente stimme auch deswegen, meinte der Experte für Prozess- und Qualitätsmanagement weiter, weil das historische Gelände sich schnell zu einer zukunftsträchtigen Adresse entwickeln werde.

Eine Erfolgsgeschichte

Als die Metzger 1993 in Kuttlerei und der Dreifingerhalle ihre Sägen und Ausbeinmesser beiseite gelegt hatten, wurden die Gebäude zunächst kunterbunt weitervermietet. Die bei Nachtschwärmern legendäre Gaststätte vor Ort, die von fünf Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags ihre Türe öffnete, überlebte bis heute. Und direkt neben ihr ist inzwischen ein Finger der sogenannten Dreifingerhalle, die von Investor Michael Specht liebevoll restauriert und für Events aller Art ausgebaut worden. Jetzt will sich Specht die Kopfhalle für eine eventuelle Erweiterung sichern.

In der alten Kuttlerei befindet sich seit langem ein Schreiner, ein Pionier ist auch der Aachener Musikproduzent Frank Stumvoll, der sein Tonstudio bereits noch bei vollem Schlachtbetrieb einrichtete. Im Pferdeschlachthaus werkelt Tischler Bertin Selzer, daneben will der Elektrobetrieb Basten mit Inhaber Michael Mommertz ein neues Zuhause bauen. In das alte Schauamt zog bereits der Malermeister Hubert Peters ein, im herrschaftlichen Direktionsgebäude ist ein Schulungszentrum für angewandte Logistik untergebracht und der Größenküchenausstatter Hanotte ist ebenfalls in der Nähe. Metallbauer Aino Ahrend fertigt bereits seit vier Jahren Sonnensegel wie auch „normale” Fenster und Türen, er ist froh, dort ungestört seinen Betrieb zu führen.

In einem anderen Finger der „Dreifingerhalle” werden hochklassige Oldtimer getunt und restauriert. Nur die mächtige Bogenhalle aus den 1920er Jahren bereitet den Verantwortlichen bei der Stadt Kopfschmerzen. Wolfgang Schoel vom Immobilienmanagement: „Ich hatte bundesweit Anfragen.” Aber die große, denkmalgeschützte Halle ist seitlich offen und für Musikevents nicht zu gebrauchen.

Viel ist nicht mehr da. Neben der Bogenhalle steht noch eine Freifläche zum Verkauf, Der Uhrenturm ist zwar zu haben, aber nur in Verbindung mit der zwölf Meter hohen Bogenhalle. Um das letzte Sorgenkind soll sich jetzt ein Vermarkter kümmern.
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