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Lesen und Schreiben lernen hinter Gittern

Von: Martina Stöhr
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Freiwillige gesucht: Der Arbeitskreis Straffälligenhilfe sucht Ehrenamtler für Alphabetisierungskurse in der Justizvollzugsanstalt. Von links Florian Niehaus, Geschäftsführer Martin Czamojan, Corinna Bavaj und Catrin Brust. Foto: Martin Ratajczak

Aachen. „Wir alle sind aufgerufen, uns einzubringen in die Resozialisierung der Strafgefangenen”, sagt Corinna Bavaj. Sie arbeitet ehrenamtlich in der Aachener Justizvollzugsanstalt (JVA) und bringt dort den Analphabeten unter den Häftlingen das Lesen und Schreiben bei.

Von den 800 Inhaftierten der JVA sind mehr als 20 Prozent funktionale Analphabeten. Sie können nicht ausreichend lesen und schreiben, um sich in der Gesellschaft zurechtzufinden.

„Die Inhaftierten haben schon hinter Gittern große Probleme, wenn sie Anträge und Formulare nicht ausfüllen können”, sagt Martin Czamojan, Geschäftsführer des Arbeitskreises Straffälligenhilfe (AKS). Sie können weder Anträge auf Hafterleichterung, vorzeitige Entlassung oder Hafturlaub stellen noch brieflichen Kontakt mit ihren Familien aufnehmen - es sei denn, ein Mitgefangener hilft ihnen. Doch der macht das meist nicht umsonst.”

Der AKS hat das Problem schon lange erkannt. 2003 ließ er deshalb zwei Ehrenamtler speziell für die Alphabetisierung der Strafgefangenen in der JVA ausbilden. Corinna Bavaj und Florian Niehaus sind mit Leib und Seele bei der Sache. Einmal pro Woche gehen sie in die JVA und unterrichten dort die Strafgefangenen eineinhalb Stunden lang.

„Ich habe einen Schüler aus Kurdistan”, erzählt Corinna Bavaj. Er wolle demnächst eine Lehre und danach den Realschulabschluss machen. Ohne die Hilfe der Ehrenamtler wäre das wohl kaum möglich. Sie arbeiten mit jedem Schüler ganz individuell und gehen auf seine Probleme und Schwierigkeiten ein. In einem Kurs wurden sie speziell für diese Aufgabe ausgebildet.

„Die Nachfrage nach dem Alphabetisierungskurs ist groß”, sagt Catrin Brust vom AKS. Deshalb sucht sie jetzt nach neuen Ehrenamtlern, die den AKS unterstützen wollen. Am Mittwoch, 11. März, haben alle Bürger Gelegenheit, sich ab 19 Uhr bei einem Infoabend in der Geschäftsstelle des AKS, Jakobstraße 117, ein Bild von den Aufgaben eines Ehrenamtlers zu machen. Interessenten sollten sich vorher unter 0241/34343 anmelden.

Neben den Alphabetisierungskursen können die ehrenamtlichen Mitarbeiter auch in Gesprächsgruppen für Inhaftierte, bei der Vorbereitung zur Haftentlassung oder bei Briefkontakten zu Gefangenen zum Einsatz kommen. Während eines allgemeinen Vorbereitungskurses werden sie mit ihrer Aufgabe vertraut gemacht. Auch Fortbildungen stehen auf dem Programm.

Mit beiden Beinen im Leben

„Die künftigen Ehrenamtler benötigen keine besonderen Qualifikationen”, erklärt Catrin Brust. Sie sollten allerdings mit beiden Beinen fest im Leben stehen, psychisch belastbar und ohne Vorurteile sein. „Und sie sollten nicht unter Klaustrophobie leiden”, ergänzt sie lächelnd. Denn es sei nicht jedermanns Sache, eingeschlossen in einem Gefängnis zu arbeiten, das sie nur mit Hilfe der Wärter wieder verlassen können.

„Es war schon ein seltsames Gefühl, als ich die JVA das erste Mal betreten habe”, erinnert sich Corinna Bavaj. Nachdem sie die Eingangstür durchschritten hatte, stand sie vor einer zweiten, noch verschlossenen Tür. „In dieser Schleuse wurde es mir schon ein bisschen mulmig”, sagt sie. Doch letztendlich habe sie mehr Angst, nachts allein durch die Straßen zu gehen, als mit den Häftlingen in der JVA zu sitzen.

Sie ist Schöffin am Jugendgericht und interessiert sich deshalb ganz besonders dafür, was mit den Jugendlichen nach der Verurteilung passiert. Und sie will die Tabuzone Knast brechen. „Viele denken ja, die Leute, die da sitzen, haben es auch verdient.” Gegen dieses Vorurteil will sie ankämpfen. Und macht dabei auch in ihrem Bekanntenkreis Werbung für das Ehrenamt.
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