Aachen - Leitfaden „Schulabsentismus“ wird nach acht Jahren aktualisiert

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Leitfaden „Schulabsentismus“ wird nach acht Jahren aktualisiert

Von: Margot Gasper
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„Es gibt Schüler, die konsequent an der Schule vorbeigehen“, sagt Michael Geurtz, Schulleiter der GHS Drimborn. Foto: Harald Krömer

Aachen. Statt in die Englischstunde klammheimlich ins Einkaufzentrum: Solche Ausreißer gab es immer schon an allen Schulen und allen Schulformen. Ganz massives Schwänzen aber oder sogar komplette Schulverweigerung, das habe mit den Jahren zugenommen, ist Michael Geurtz überzeugt.

„Es gibt Schüler, die konsequent an der Schule vorbeigehen. Darum müssen wir uns kümmern“, sagt der Schulleiter der Gemeinschaftshauptschule Drimborn. Das Konzept seiner Schule für den „Umgang mit Schulabsentismus“ und weitere gute Beispiele aus der Praxis wird die Stadt demnächst allen Aachener Schulen als Anregung an die Hand geben.

Kinder haben nach dem Schulgesetz nicht nur die Pflicht, zur Schule zu gehen. Sie haben auch ein Recht auf Bildung und Förderung in der Schule. Damit möglichst kein Kind durchs Raster fällt, hat die Stadt Aachen bereits 2010 allen Schulen die Infomappe „Schulabsentismus“ an die Hand gegeben. Der Leitfaden legt dar, wie in einem abgestuften Verfahren vorzugehen ist und welche Stellen wann einbezogen werden sollten. Sogar Vordrucke gibt es: von der Schulbesuchsmahnung an die Adresse der Eltern bis zum Antrag auf Einleitung eines Zwangsgeldverfahrens. Nach acht Jahren wird der Ordner nun überarbeitet. Spätestens im Frühsommer soll die neue Version in den Schulen vorliegen, sagt Brigitte Drews, stellvertretende Leiterin des städtischen Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule sowie Abteilungsleiterin für den Bereich Jugend.

„Kindeswohlgefährdung“

An der grundsätzlichen Haltung zum Thema Schulschwänzen habe sich seit 2010 nichts geändert, betont Drews. „Wir betrachten den Schulabsentismus als eine Form der Kindeswohlgefährdung.“ Deshalb sei es die Pflicht der Eltern, für einen regelmäßigen Schulbesuch zu sorgen, und die Pflicht der Schule, die Anwesenheit zu kontrollieren und, wenn nötig, Maßnahmen zu ergreifen. Und deshalb sei der Umgang mit Schulabsentismus eine gemeinsame Aufgabe von Schule und Jugendhilfe.

Natürlich gibt es Kinder, die einfach „null Bock“ auf Schule oder auf bestimmte Fächer haben. Sie fehlen immer mal wieder unentschuldigt, ziehen stattdessen womöglich durch die Kaufhäuser und haben die Schule oft gründlich satt. Viel mehr Sorge aber bereiten Michael Geurtz jene Jugendlichen, die aus Angst wegbleiben – weil sie sich vom Schulstoff überfordert oder von ihren Altersgenossen ausgegrenzt fühlen. „Cybermobbing spielt eine große Rolle“, erläutert der Schulleiter. „Da wird etwas gefilmt und verbreitet, und am nächsten Tag weiß mehr als die halbe Schule Bescheid.“

Und es gibt auch Fälle, in denen die Eltern ihre Kinder vom Schulbesuch abhalten – weil diese in einem schwierigen Familiengefüge die Elternrolle übernehmen müssen, sich um jüngere Geschwister kümmern, um die alkoholkranke Mutter oder um den tablettensüchtigen Vater.

Genaue Zahlen zum Thema Schulschwänzen gibt es nicht. Denn in sehr vielen Fällen lassen sich Unterrichtsversäumnisse schulintern regeln. Das Schulamt der Städteregion, zuständig für die Grund-, Haupt- und Förderschulen, hat im laufenden Schuljahr 2017/18 bisher insgesamt 43 offizielle Ordnungswidrigkeitenverfahren wegen Schulabsentismus eröffnet, wie der Pressesprecher der Städteregion, Detlef Funken, auf Anfrage mitteilt. „Bei weit über 20.000 Schülerinnen und Schülern sind das unter zwei Promille“, so Funken. Solche Bußgeldverfahren werden auf Antrag der Schulen betrieben. Dazu kommt es allerdings erst, wenn zuvor in einem vorgeschriebenen Verfahren andere Maßnahmen, etwa die „erzieherische Einwirkung“, keine Wirkung gezeigt haben. Die Gesamtzahl der Fälle von Schulabsentismus, sagt Funken, lasse sich mit den vorliegenden Zahlen also nicht beziffern.

Experten gehen davon aus, dass etwa fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland regelmäßig nicht in die Schule gehen. 20 Prozent aller 13- bis 16-Jährigen schwänzen Schätzungen zufolge zwar nicht regelmäßig, aber immer mal wieder den Unterricht.

Schon in der Grundschule

„Ein Kind, das die Schule verweigert, traut sich nichts zu und gewöhnt sich an, schwierigen Dingen aus dem Weg zu gehen“, warnt Brigitte Drews. „Das prägt das Selbstwertgefühl fürs ganze Leben.“

Sie plädiert dafür, bereits in der Grundschule genau hinzuschauen. Denn da werde manchmal eine Tendenz zum Schwänzen bereits angelegt. „Meine Sorge ist, dass wir einige Kinder schon im Grundschulalter ganz leise verlieren.“ Michael Geurtz bestätigt, dass schon Grundschüler durch systematisches Schwänzen auffallen: „Schon Fünftklässler kommen mit Absenzbiografien zu uns.“

Der Ordner „Schulabsentismus“ liefert detaillierte Handlungsstrategien, wie mit der Schwänzerei umzugehen ist. Es gibt einen Leitfaden für Gespräche mit Schülern und Eltern sowie den Entwurf eines Fahrplans für die „Rückführung“ des Schulschwänzers. Der Ordner listet aber auch andere Instrumente auf: Ordnungsmaßnahmen wie ein Bußgeldverfahren, die „zwangsweise Zuführung“ eines Verweigerers zur Schule oder auch die Androhung und eventuell die Festsetzung eines Zwangsgelds. Für die Schulen gibt es Informationen über die rechtlichen Grundlagen. Auch die werden gerade aktualisiert.

An der Hauptschule Drimborn legt man Wert darauf, dass beim Thema Schulabsentismus sofort reagiert wird. Schon am ersten Fehltag muss mindestens eine telefonische Entschuldigung der Erziehungsberechtigten vorliegen. Und Michael Geurtz betont, dass beim Thema Schwänzen in jedem einzelnen Fall eine individuell angepasste Strategie nötig sei. Manche Schüler, erzählt er, tarnen ihre Schwänzerei, indem sie sich von wechselnden Ärzten ein Attest ausstellen lassen. „Da rufen wir auch schon mal in einer Praxis an“, sagt Geurtz.

Manchmal verweigern Kinder und Jugendliche so anhaltend die Schule, dass das Regelschulsystem an seine Grenzen kommt und die Gefahr besteht, dass diese Kinder überhaupt nicht mehr in den Unterricht gehen. Hier versuchen Projekte wie Motivia oder Kaspar Xchange, Schulverweigerer behutsam wieder an feste Strukturen und schulische Anforderungen heranzuführen. „Die Plätze in diesen Projekten sind immer sehr gefragt“, sagt Brigitte Drews.

Wertvolle Schulsozialarbeit

An der aktualisierten Version des Ordners „Schulabsentismus“ haben erneut viele Akteure mitgewirkt, unter anderem Vertreter der verschiedenen Schulformen, Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen, Schulverwaltungen, Sozialraumteams und das Schulamt der Städteregion.

Stichwort Schulsozialarbeit: Im Vergleich zu 2010, als der Ordner Schulabsentismus erstmals aufgelegt wurde, arbeiten heute mehr Sozialarbeiter an den Aachener Schulen – vor allem an den Grundschulen. Und gerade das Thema Schulabsentismus zeige, wie wertvoll der Einsatz der Schulsozialarbeiter an den Schulen sei, betont Drews. „Die Schulsozialarbeiter sind unverzichtbar.“

Michael Geurtz unterschreibt das voll und ganz. Und er wünscht sich noch mehr Unterstützung für die Schulen. An der Oberen Drimbornstraße etwa ist Schulsozialarbeiterin Marion Knur für 370 Kinder zuständig. „Die Schulsysteme müssen noch mehr gestärkt werden“, sagt der Schulleiter.

Bei einer Variante der Schwänzerei allerdings können Familien an der GHS Drimborn auf keinerlei Nachsicht hoffen: wenn Eltern die Ferien ihrer Kinder eigenmächtig ausdehnen und an die Ferien ein paar Tage dranhängen, weil der Urlaub dann vielleicht günstiger ist. „Immer mehr Familien setzen sich über die Ferienregelung hinweg und verlängern den Urlaub“, berichtet Geurtz. „Da zeigen wir null Toleranz. Und so ein Verfahren wird dann teuer.“

 

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