Kunst-Guerilla stiehlt dem LuFo drei Fahnen

Von: Heiner Hautermans
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Wurden von Unbekannten für einen Tag durch Ikea-Imitate ersetzt: die Flaggen des Ludwig-Forums. Das Ziel der Entführer: Dem Lufo mehr Besucher zu verschaffen. Foto: Harald Krömer

Aachen. Eine völlig verrückte Geschichte: „Ich habe die Rufunterdrückung eingeschaltet. Die habe ich erst vor 20 Minuten entdeckt”, sagt der Anrufer. Er hat allen Grund, dass seine Handynummer nicht im Display der Lokalredaktion erscheint. Es handelt sich nämlich um eine Geiselnahme. Eine nicht so ernst zu nehmende. „Das soll eine Guerilla-Aktion sein. Und da gehört ein bisschen Dilettantismus dazu.”

Begonnen hat das Ganze in der Nacht zum Freitag. Ein vierköpfiges Kommando der „Redesign Aachen Fraktion” erklimmt das Dach des Ludwig-Forums an der Jülicher Straße. Das war doch gefährlich? „Es war wirklich nicht einfach, 15 Meter hoch.”

An der Front seilt sich eine Frau ab und tauscht die drei Flaggen des Lufo gegen drei mit Ikea-Aufdruck. Die sind nicht orginal, weil man man keinen Ärger mit dem Möbelhaus-Riesen bekommen will, sondern - künstlerisch leicht verfremdet - bei einer heimischen Druckerei gefertigt worden. Anschließend fährt das aus zwei Männern und zwei Frauen bestehende Kommando zum Zeitungsverlag Aachen, erwirbt eine frisch gedruckte „Nachrichten” als Beweis, dass man wirklich im Besitz der Fahnen ist und schickt Lufo-Direktorin Brigitte Franzen eine Mail. Darin werden drei Forderungen gestellt.

„Hot Dogs für ein Euro im Foyer!, Bällebad in der Mulde!, Jeden Mittwoch Köttbullar!”, heißt es da. Und weiter: „Zwecks Besucherumleitung hängen die Ikea-Fahren seit dieser Nacht am Ludwig-Forum.” Brigitte Franzen ist schon in Verhandlungen mit der RAF eingetreten, als die „Nachrichten” sie vormittags erreichen.

Die Redaktion vermutet zunächst, dass es sich um einen selbst fabrizierten Werbegag des Museums handelt, immerhin wurde am Freitagabend die Ausstellung „Nie wieder störungsfrei! Aachen Avantgarde seit 1964” eröffnet: „Hören Sie bloß auf.” Franzen stellt klar, dass das Lufo nicht beteiltigt ist.

Ihre Stimung schwankt zwischen Lachen und Weinen, wobei die Freude überwiegt: „Ich bin happy, dass Action in Aachen ist.” So hat sie einen Punkt schon zugestanden: Abends wird es heiße Würstchen im Foyer geben, für einen Euro. Bleiben noch die kleinen Hackfleischbällchen als zweite und bunten Plastik-Babykugeln in der Mulde als dritte Forderung.

Mittags nehmen die „Nachrichten” per E-Mail Kontakt mit den Entführern auf. „Den Geiseln geht es gut. Sie bekommen regelmäßig zu essen und dürfen zur Toilette”, sagt - immer wieder prustend - der unbekannte Anrufer. Zwischendurch ernst, erläutert er die Hintergründe. Man habe sich darüber geärgert, dass Ikea mehr Menschen anzieht als das Ludwig-Forum. „Grenzüberschreitende Kultur ist weitgehend darauf beschränkt, in Maastricht einzukaufen und bei Ikea Hot Dogs zu essen.”

Aachen kann mit der Tate mithalten

Dabei mache das Aachener Haus richtig gute Ausstellungen und könne mit Häusern wie der Tate-Galerie mithalten: „Ich bin viel gereist in letzter Zeit.” Da eine der drei Forderungen aber schon erfüllt sei, werde man eine Flagge zurückgeben.

Lachend: „Keine Polizei, keine Tricks. Frau Dr. Franzen soll alleine kommen”. Zwei Flaggen werde man allerdings zurückbehalten, wgh. offener Forderungen. Die Lücke schließt sich nachmittags. Ein „Fan”, teilt der Anonymus nachmittags mit, habe Kontakt mit der Ikea-Filiale aufgenommen. Dort mache man den Jokus mit und sei die Küche gerade dabei, eine Schüssel Köttbullar zu fabrizieren. Die wurde gegen 17.30 Uhr geliefert, dann wurden hinter dem Lufo folglich zwei Flaggen rückerstattet. Die dritte folgt - vielleicht -, wenn im Laufe der Ausstellung Plastikbällchen die Mulde fülllen. Brigitte Franzen: „Wir sind echt erleichtert, dass wir die Fahnen wiederhaben. Das war ein Schock.”

Ein wenig davon sollten später auch die Besucher der Austellung abbekommen. Am Eingang mussten sie eine Sicherheitsschleuse passieren, die Sicherheitsleute der Firma DMA waren streng. DMA steht für Designmetropole Aachen, erläutert Designer Fabian Seibert. Diese Aktion war mit dem Lufo abgestimmt und so der Bogen zur Ausstellung Aachen Avantgarde geschlagen. Seibert: „Anfang er 60er Jahre hat man eine neue Ära angestoßen. Jetzt bewegt man sich schrittweise wieder zurück.” Kunst, die sich einmischt, Widerstand leistet und Grenzen ausprobiert, steht am Eingang.

Joseph Beuys hätte seine Freude gehabt.
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