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Kritische Ausgabe von „Mein Kampf“ in Aachen vorgestellt

Von: Alexander Barth
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Er wirbt für die breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Hitlers Hetzschrift: Dr. Roman Töppel (li.) im Gespräch mit Historiker-Kollege Dr. Jens Westemeier (RWTH Aachen). Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Geht es nach den Herausgebern, ist die kritische Edition von „Mein Kampf“ eigentlich ein Misserfolg. „Wir hatten niemals vor, einen Hype zu erschaffen. Die Resonanz hat uns wirklich überrascht“, sagt Roman Töppel, mitverantwortlich für die Anfang 2016 erschienene wissenschaftlich kommentierte Ausgabe von Hitlers Propaganda- und Hetzschrift, die seitdem bereits rund 90.000 Mal verkauft wurde.

„Ich bin mindestens bis Ende 2018 für dieses Buch unterwegs, das hätte ich nicht gedacht“, sagt der Historiker über seinen Terminkalender und damit auch über die unerwartete Resonanz. Während der RWTH-Fachtagung „Zahnärzte im Nationalsozialismus“ hat Töppel die Neuauflage eines der berüchtigtsten Bücher der Geschichte auch in Aachen vorgestellt und dabei tiefe Einblicke in das Werden, die Widrigkeiten und die Rezeption gewährt.

Nach 70 Jahren Publikationsverbot sorgte die zweibändige knapp 2000 Seiten starke Ausgabe schon vor ihrer Veröffentlichung für Aufsehen. Die Frage nach dem Warum beschäftigte das Historiker-Team des Münchener Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) während der gesamten drei Jahre der Entstehung ab 2013 – eine wahnsinnig kurze Zeit für ein Projekt dieser Größenordnung.

„Von Holocaust-Überlebenden und aus der jüdischen Community kam Kritik“, blickt Töppel zurück. „Dabei haben wir gemerkt, dass es oft vor allem um die Symbolkraft des Buches ging und weniger um den schrecklichen Inhalt.“ In vielen Gesprächen hätten sich Macher und Kritiker angenähert, sagt der Historiker. „Der Dialog gehört bei diesem brisanten Thema unbedingt dazu. Insgesamt waren 80 Prozent der Resonanz positiv.“ Den Kern des Anliegens fasst der Mitherausgeber so zusammen: „Wir wollen nicht nur aufklären, wir wollen widerlegen und dagegen argumentieren.“

Hitlers Hetz-Manifest ist wohl das Paradebeispiel für die Abteilung Giftschrank der Geschichte. „Dabei war das Buch trotz Publikationsverbot nie weg“, stellt Töppel klar. „Wer es lesen wollte, wurde auf Flohmärkten oder in Stadtbibliotheken fündig. Später kamen dann Optionen wie Bestellung im Ausland oder Internet hinzu.“

12,5 Millionen Exemplare sollen bis zum Zusammenbruch des NS-Regimes im Mai 1945 gedruckt worden sein, von der Luxusausgabe mit Bernstein-Bindung bis zur abgespeckten Unterwegs-Ausgabe für Wehrmachtssoldaten.

Mit der kritischen Edition und vor seiner Aachener Zuhörerschaft zeichnen Töppel und seine Kollegen den beeindruckend bedrückenden Weg der 1926 erschienenen Schrift nach, „die schon viel von dem enthält, was später im NS-System verheerende Umsetzung fand“ – etwa Judenverfolgung oder Lebensraum-Theorien im Osten.

Aber da ist noch mehr. Neben den politischen Ideen ihres Verfassers transportiere „Mein Kampf“ auch einen Zeitgeist, der sich aus heutiger Sicht nur schwer verleugnen lasse. „Es ist ein Buch eben jener Jahre. Hitlers Ansichten lassen viel von der gesellschaftlichen Stimmung erkennen“, sagt Töppel, der seit Jahre zur NS-Ideologie forscht.

Der Münchener räumt bei seinem Aachen-Besuch mit etlichen Mythen rund um „Mein Kampf“ auf – „ein Buch das symbolisch aufgeladen ist wie kaum ein anderes.“ Da wäre etwa die Legende, dass die Lektüre zu Zeiten des NS-Regimes Pflichtstoff an Schulen gewesen sei oder dass frisch vermählte Paare zur Trauung automatisch eine Ausgabe erhalten hätten. Das habe es zwar sehr wohl gegeben, sagt der Historiker. „Aber es war nicht die Regel. Die Kosten für die Ehe-Ausgaben hatte die Kommunen zu tragen, und die meisten haben diesen Aufwand wohl gescheut und umgangen.“

Auch der in den Nachkriegsjahrzehnten hartnäckig verbreiteten Aussage, dass doch wohl kaum jemand freiwillig das vor antisemitischen Klischees und kruden Machtfantasien trotzende Werk gelesen habe, kann Töppel entgegenhalten: „Bis zur Machtübernahme Hitlers 1933 wurden bereits rund 250.000 Exemplare verkauft. Das ist ein Bestseller, zu dessen Kauf niemand gezwungen wurde.“

Die Arbeit an der kritischen Ausgabe habe ihn vielfältig geprägt, sagt Töppel schließlich. „Ich war mir der Gefahr durchaus bewusst. Wenn man aber dauerhaft damit konfrontiert ist, wie Hitler längst widerlegte Theorien, halbgare und überholte Pseudo-Forschungsergebnisse anhäuft, dann kann einem schon anders werden, und man denkt: Was für ein unglaublicher, gefährlicher Unsinn.“

Eine Gefahr der Befeuerung des Mythos „Mein Kampf“ in rechten Kreisen sieht Töppel nicht: „Ich glaube nicht, dass sonderlich viele Neonazis unsere Edition gekauft haben.“ Die vielleicht überraschendste Antwort liefert er am Ende auf die Frage, wie er Abstand von der Arbeit an der kritischen Edition gewonnen hat: „Ich habe viel Heavy-Metal-Musik gehört“.

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