Kritiker Denis Scheck tranchiert Literatur fachgerecht

Von: Heike Nelsen-Minkenberg
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Riesenandrang in der Stadtbibl
Riesenandrang in der Stadtbibliothek: Literaturkritiker Denis Scheck lud zu einem Streifzug durch die Bücherwelt. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Am Freitag herrschte Ausnahmezustand in der Aachener Stadtbibliothek. Nachdem Jasstango mit melancholischen Tangorhythmen auf den Abend eingestimmt hatte, drängten sich gegen 19.30 Uhr mehr als 350 Besucher auf Holzschemeln zwischen den Fernleihregalen, einige sogar noch mit Weinglas bewaffnet.

Aber Bibliotheksbenutzer sind diszipliniert, und so kam trotz ausgelassener Stimmung kein einziges Buch zu Schaden.

Schon zum fünften Mal lud Literaturkritiker Denis Scheck zu einem Streifzug durch die Gegenwartsliteratur ein - und genau so, wie seine ARD-Sendung „druckfrisch” jüngst mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, zeichnet es Schecks Aachener Auftritte aus, dass sie jedes Mal mehr Zuhörer anziehen.

Der Streifzug begann mit den Neuerscheinungen, die künftig ihr Leben auf dem „doofen Regal” in Schecks Kölner Wohnung fristen müssen, neben ein paar unsäglichen Biografien - dazu Scheck: „Sie sollten ein bisschen skeptisch werden, wenn Sie Bücher in die Hand nehmen von Menschen, die ihre Prominenz eigentlich auf einem anderen Feld erlangt haben” - auch die „Schoßgebete” von Charlotte Roche. Durch den Literaturkritiker fachgerecht tranchiert, blieb wenig vom Zweitwerk der Dreiunddreißigjährigen über: „Roche ist ein klassisches Beispiel für Gratiswut. Sie verstößt gegen Konventionen, aber nicht gegen wirkliche Tabus.” Von den handwerklichen Fehlern ganz zu schweigen.

Dagegen setzt Scheck einen echten Tabuverstoß, noch dazu literarisch exzellent ausdefiniert, in Antje Rávic Strubels „Sturz der Tage in die Nacht”. Ein Roman, der eine inzestuöse Mutter-Sohn-Beziehung thematisiert und ganz nebenbei die Vergangenheit der Eltern in der DDR erzählt. Aber - laut Scheck - anders und besser als die Familienromane zur jüngeren Zeitgeschichte, die in den letzten Jahren für den Deutschen Buchpreis abonniert zu sein scheinen.

Überhaupt bietet Scheck mit Süffisanz und Selbstironie zu jedem verrissenen Buch auch immer einen Gegenentwurf an, hat ständig noch ein Ass im Ärmel seines dunkelblauen Anzugs.

Ansonsten legte der Literaturexperte den Lesern Sybille Lewitscharoffs „Blumenberg” über den gleichnamigen Münsteraner Philosophen sowie Erri de Lucas „Das Gewicht des Schmetterlings” besonders warm ans Herz. Und für die Krimifans muss es in diesem Herbst einfach der neue Steinfest („Die Haischwimmerin”) sein. Falls man nicht gerade in Ralf Königs neu herausgegebenen Schwulencomics schmökert, vom neuen Eco gefesselt ist oder Harry Rowohlts Live-CD „Rumba Rumba Rumba ist modern” lauscht.

Seinen Vortrag beendete der distinguierte Jaguarfahrer mit einem Plädoyer, dass man ihm auf den ersten Blick gar nicht zugetraut hätte: „Seit 1978 hat diese Bibliothek denselben Etat. Das geht nicht. Werfen Sie doch gelegentlich mal einen Stein in Ihr Rathaus mit der Aufschrift, etwas für die Bibliothek zu tun - oder machen Sie, was sonst nötig ist, damit die Lokalpolitiker das endlich merken.”
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