Aachen - Kriegsende: Die eine Geschichte gibt es nicht

Kriegsende: Die eine Geschichte gibt es nicht

Von: Martina Feldhaus
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Wollen an das Kriegsende vor 70 Jahren in Aachen erinnern: Die Historiker Peter M. Quadflieg (l.) und René Rohrkamp (r.) sowie der Vorsitzende der Bürgerstiftung Lebensraum, Hans-Joachim Geupel. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Eines hat wohl jedes historisches Ereignis gemeinsam: Es gibt sie nicht, die eine, die eindeutige Geschichte. Jeder Zeitzeuge, jedes Dokument erzählt Vergangenes ein wenig anders. Im Laufe einer Geschichtsschreibung verändert sich die Interpretation von Ereignissen, ihre Bewertung und ihre Deutung.

Diese kleinen, auf den ersten Blick kaum spürbaren Verrückungen sind es, die Dr. René Rohrkamp und Peter M. Quadflieg brennend interessieren.

Die beiden Historiker, der eine angestellter Archivar beim Staatsarchiv Eupen, der andere wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschafts-, Sozial- und Technologiegeschichte, haben sich ein Ereignis herausgegriffen, das einen großen lokalen Bezug hat, und das zudem regelrecht Geschichte schrieb: die Befreiung Aachens als erste deutsche Großstadt durch die Alliierten im Oktober 1944. Damals, am 21. Oktober, also vor bald genau 70 Jahren, kapitulierte Oberst Gerhard Wilck mit seinen Soldaten.

Wie unterschiedlich der Verlauf der letzten Tage unter Nazi-Herrschaft erzählt wird, das bringen Quadflieg und Rohrkamp jetzt in einer fundierten Aufarbeitung ans Tageslicht. Ihre Beiträge über die „Schlacht um Aachen“ – im Gedächtnis der Stadt und als wissenschaftliche Rekonstruktion der militärischen Operationen – bilden die Grundlage für das Projekt „70 Jahre Frieden und Freiheit in Aachen“, das die Bürgerstiftung Lebensraum ins Leben gerufen hat.

Damit will die Stiftung das Thema Ende des Zweiten Weltkriegs den Öchern in Erinnerung rufen, mit Zeitzeugen-Berichten, Schulkooperationen und einer großen Veranstaltung am Jubiläumstag, also dem 21. Oktober, an dem ein neues Buch über das Kriegsende vorgestellt werden soll.

Betreut wird das Ganze von den Experten Quadflieg und Rohrkamp. Sie sind für ihre Recherchen tief eingetaucht in das Thema – und in Aachens Archive, auch das der „Nachrichten“. „Ich habe mich intensiv mit den Presseartikeln der letzten 70 Jahre beschäftigt. Daraus kann man eine Synthese über das Kriegsende in Aachen schaffen“, erklärt Peter M. Quadflieg. So sei es aufschlussreich, wie – angefangen bei amerikanischen Flugblättern 1944 über die 50er, 70er und 90er Jahre bis heute – sich das Erzählen und auch die Aufarbeitung verändert hätten.

Quadflieg: „In den 70er Jahren ging es stark um die Schuldfrage, in den 90ern kommen viele Zeitzeugen, einfache Bürger, zu Wort. Heute berichten Menschen von ihren Kindheitserinnerungen.“ Insgesamt, so sein Fazit, sei die Auseinandersetzung heute nüchterner, weil es nicht mehr viele gibt, die den Krieg selbst erlebt haben.

Er und sein Kollege Rohrkamp wollen mit diesen Feststellungen nicht kritisieren, sondern lediglich darauf aufmerksam machen, dass jeder Autor, jeder Journalist abhängig von seiner Zeit und seinem Umfeld anders von Geschichte berichtet. Sie wollen, wie die Bürgerstiftung insgesamt, auf das Thema „Schlacht um Aachen“ neugierig machen, zum Nachdenken anregen und auch zum Mitmachen.

Denn mit ihrem Geschichtsprojekt beschreiten sie nicht nur neue Forschungswege, sondern auch neue Wege der Kommunikation in diesem Bereich. Über eine Internetseite erfahren Interessierte schon lange alles über das Projekt, die Forschungsergebnisse und Veranstaltungen. Neu ist: Die Historiker twittern auch. Live können und sollen so vor allem auch Jüngere mitverfolgen, was sich 1944 in Aachen abspielte.

„Wir erzählen in den Tweets täglich, was vor 70 Jahren hier geschah“, erklärt René Rohrkamp. Hinter den 140-Zeichen-Nachrichten stecken hier und da Links, die zu weiterführenden Informationen führen. Wer will, kann dort folgen. Vor allem aber können alle, die einen Twitter-Account haben, mit den Historikern diskutieren und sich mit ihnen austauschen. Etwa darüber, warum in früheren Dokumenten noch von Kapitulation, erst später von Befreiung Aachens die Rede ist.

Mit dem Projekt „70 Jahre Frieden und Freiheit in Aachen“ will die Bürgerstiftung zeigen, dass 2014 nicht nur an Karlsjahr, Heiligtumsfahrt und 100 Jahre Ausbruch Erster Weltkrieg gedacht werden sollte. Auch das Ende des Zweiten Weltkriegs in Aachen sollte eine Rolle spielen, findet der Vorstandsvorsitzende Hans-Joachim Geupel.

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