Kirche St. Bonifatius: Ein Lichtberg im Schattendasein

Von: Werner Czempas
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Die Kirche „St.Bonifatius“ war eines von 37 Objekten in Aachen, die am „Tag des offenen Denkmals“ besucht werden konnte. Seit 2015 steht der sakrale Bau unter Denkmalschutz. Foto: Heike Lachmann
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Monika Krücken führte am Sonntag durch die Kirche, die nur wenigen Aachenern bekannt ist.

Aachen. Klaus Hemmerle, der frühere, 1994 verstorbene Bischof von Aachen, soll gesagt haben: „Wenn ich Besuch habe, führe ich ihn in die vier interessantesten Kirchen von Aachen – den Dom, die Propsteikirche Kornelimünster, St. Fronleichnam und St. Bonifatius.“ St. Bonifatius? Viele Aachener schütteln unwissend den Kopf, werden sie nach der Kirche in der Mataréstraße gefragt.

Um dem „Schattendasein“ von St. Bonifatius abzuhelfen, setzte die Abteilung Denkmalpflege unter Leitung von Monika Krücken die Kirche auf die Liste der 37 Objekte, die am „Tag des Denkmals“ in Aachen zu besichtigen waren.

„Macht und Pracht“ hieß das Motto des Tages. St. Bonifatius sollte als Gegenkonzept, „als Antithese zu Macht und Pracht“ (Krücken) herausgestellt werden. Es war ein – wohl gezielter - Glücksgriff. Warum St. Bonifatius? Monika Krücken selbst erzählte in drei Führungen die spannende Architekturgeschichte. Aus ihr erschloss sich, weshalb ein Bischof Hemmerle den Dom und die Propsteikirche, St. Fronleichnam und St. Bonifatius in einem Atemzug nannte.

Architekt von St. Fronleichnam, geweiht 1930, und St. Bonifatius, geweiht 1964, ist jener Rudolf Schwarz, der als einer ganz Großen in die Geschichte des Kirchenbaus einging. Von 1927 – 1934 leitete Schwarz bis zu ihrer Schließung durch die Nazis die damalige Kunstgewerbeschule Aachen. Er entwickelte schon Jahrzehnte vor dem II. Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) die Grundlagen für eine liturgische Erneuerung der katholischen Kirche.

St. Fronleichnam in Aachen machte ihn bekannt und berühmt. Er wurde zum Wegbereiter eines „Neuen Bauens“. Die Kirche im Ostviertel mit ihren nüchternen, hoch hinaufstrebenden weißen Wänden über dem schwarzen Marmor des Bodens, lichtdurchflutet ein wunderschönes schmuckloses Schmuckstück, gehört zu den Pilgerstätten für Kirchenbauer.

Das gilt auch für St. Bonifatius. Rudolf Schwarz, nach dem Zweiten Weltkrieg Generalplaner für den Wiederaufbau Kölns, starb 1961. In seiner Schublade lag ein Entwurf für St. Bonifatius. Seine Frau Maria, ebenfalls Architektin, geborene Lang aus Aachen, führte die Bauten ihres Mannes weiter, darunter auch St. Bonifatius.

„Unglaublich ist diese Kirche, ein einziger Raum, das Licht, faszinierend“, schwärmt Monika Krücken, „die Kirche ist auf Licht gebaut.“ Die Besucher staunen und fühlen mit. Keine Stütze teilt den Saal, der Blick geht von Wand zu Wand. Die Besucher sehen, wie das Licht durch die in mehreren Reihen umlaufenden Lichtbänder in den Saalbau fällt, durch farbige Fenster in einen Innenraum, der sich Stufe für Stufe nach oben verjüngt und über dem Altar den Gipfel erreicht.

Maria Schwarz erklärt in einem Buch: „Der Raum bildet gewissermaßen das Innere eines Berges aus Licht... Dem gestuften Inneren entspricht ein dreifach gestuftes Äußeres, ein Stufenberg gleichsam, dessen Gipfel über dem Altar ansteht. Die Altargegend ist die höchste und letzte Stufe, der Gipfel der Welt, und sie ragt ins Jenseits hinein.“

Der Besucher schaut – und sucht als großer Bewunderer von St. Fronleichnam Rudolf Schwarz. Eher zufällig entdeckt er ihn. Auf einer Kirchenbank liegt der Abdruck eines Fotos, groß, schwarz-weiß. Ein Foto aus dem Archiv der Maria Schwarz. Und da ist es, das Neue Bauen, die schmucklose Pracht, die Kirche St. Bonifatius im Original des Rudolf Schwarz: der Stufenberg, hoch zum Gipfel steigend, kahle weiße Wände – und durch die eleganten Lichtgirlanden fällt durch das Industrieglas nichts als Licht. In der Tat „ein Berg aus Licht“. Das Original - ein Meisterwerk des Kirchenbaus. Bischof Hemmerle wusste, was er seinen Gästen zeigte.

Nicht alle verstanden Schwarz

Wie St. Fronleichnam wird auch St. Bonifatius von Architekten aus vielen Ländern aufgesucht. „Das ist nicht mehr Rudolf Schwarz!“, soll ein Architekturstudent aus Köln beim Gang durch die Kirche erschrocken ausgerufen haben. So erzählt es Pfarrer Hermann-Joseph Kaiser, seit 1965 Pfarrer an St. Bonifatius eingeführt und immer noch dort tätig, ein liebenswürdiger alter Herr von 93 Jahren, der die Kirche „noch im Originalzustand von Rudolf Schwarz erlebt“. Der Student aus Köln hat ins Schwarze getroffen.

Wer hat Hand angelegt an das Original? „Eine LKW-Garage“, höhnten die, die den Bau nicht verstanden, „eine Turnhalle“. Und fingen wohl an, die nüchterne Eleganz „hübsch hässlich“ zu machen. Keine zehn Jahre nach der Weihe „wurden die Fenster in den Obergaden durch künstlerisch gestaltete Fenster von der Aachenerin Maria Katzgrau ersetzt“, heißt es am auf einem Info-Blatt. Die meisterhafte Glasmalerei der großen Künstlerin Maria Katzgrau, Meisterschülerin von Rudolf Schwarz, in allen Ehren – in St. Bonifatius sind ihre zwar dezenten, dennoch bunten Abstraktionen contra Schwarz. „Wenn die Lichtbänder nur mit weißem Glas oder Glasfliesen geschlossen werden statt mit bemalten Fenstern, wird das dem Bau keinen Abbruch tun“, schrieb auch Maria Schwarz.

Eine gewaltige Orgel wurde 1965 in die zierliche, schwebende Empore des Rudolf Schwarz gewuchtet. So erbarmungslos dort reingepresst, dass sie dem Bau Gewalt antut. An den weißen Wänden hängen bunte Ölschinken von zweifelhaftem Wert, bunte Heiligengeschichten versuchen alles, den „Berg aus Licht“ einstürzen zu lassen. Auf der schnörkellos Blaustein-Taufbecken-Skulptur der Maria Schwarz steht eine willkürlich postierte rote Heiligenfigur, erschreckt den Betrachter.

Es war eine gute Idee, St. Bonifatius am „Tag des Denkmals“ zu präsentieren. Seit 2015 steht die Kirche unter Denkmalschutz. Es gibt dort viel Arbeit für Denkmalpfleger. Die Baukunst von Rudolf Schwarz sollte erhalten werden.

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