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„Kinderkönigreich“: Jung und Alt pinseln um die Wette

Von: Werner Czempas
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Zeichnerkongress: Mitten im Ludwig-Forum können Kinder und Erwachsene ihre Vorstellungen von Demokratie mit Pinsel und Farbe ausdrücken. Foto: Heike Lachmann
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„Demokratielabor“: Auch die vierjährige Paula hat da Ideen, die auf der Wand festgehalten werden müssen. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Die ersten Kindervölker haben die Grenzen zum „Kinderkönigreich“ überschritten. Das Reich liegt im Ludwig-Forum. „Kinderkönigreich“ heißt ein experimentelles Kunstprojekt und Highlight des Jahres im Haus für moderne Kunst an der Jülicher Straße.

Darin zu leben und sich wohl zu fühlen, wird nicht nur für Kinder spannend und hintergründig sein, sondern auch für Erwachsene. Der weltberühmte polnische Künstler Pawel Althamer lädt für vier Monate, bis zum 21. September, ins „Kinderkönigreich“ ein. Das Kunstprojekt ist ein Beitrag des Ludwig-Forums zum 1200. Todesjahr Karls des Großen mit den drei großen Ausstellungen „Macht Kunst Schätze“. Es greift das Buch „König Hänschen“ des im deutschen Vernichtungslager Treblinka ermordeten Autors Janusz Korczak auf.

Darin geht es um die Idee einer Kinderrepublik, um Macht und Herrschaft, um Parlament und Demokratie. Das „Kinderkönigreich“ in Aachen will die Ideen und Wünsche der Jüngsten und ihre Erwartungen an die Gesellschaft erfragen. Aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen soll es zum „Demokratielabor“ werden.

Deshalb ist das Königreich der Kinder noch gar nicht fertig. Nur seine „Grenzen“ im Ludwig-Forum sind aufgebaut. Für alles andere müssen die Kinder und Jugendlichen kreativ und aktiv werden. Sie können vier Monate lang ihr Königreich aufbauen – wobei auch die Erwachsenen mitmachen dürfen. Mitten im Lufo schlägt das Herz des Kinderreichs: der „Zeichnerkongress“. Als zur Eröffnung des Projekts am Sonntag vor rund 250 Gästen alle Reden gehalten waren, zog es die Kinder gleich dorthin.

Hier, im „Zeichnerkongress“ können sie Ideen an die Wand malen oder schreiben. Nach einer halben Stunde schon haben Wände und Boden ihr jungfräuliches Weiß verloren. Alt und Jung pinseln um die Wette. Sie stehen auf Rolltreppen, Leitern und Stühlen und knien auf dem Boden. Sie rühren auf weißen Papptellern Tusche an und suchen sich einen Mal-Fleck, egal wo. Auf einem großen weißen Tischkarree liegen Filzstifte, Pinsel, Tuschedosen, Papierrollen. Einige ziehen sich weiße Kittel über.

Alle lachen. Alle toben sich aus. Malen Blumen, Strichmännchen, Raumschiffe, große und kleine Kreise, Häuser, Stadttore, seltsame Hunde und anderes Getier, schreiben schlicht ihre Namen oder lassen das ganze ABC sich durch den Raum schlängeln. Eine junge Frau krabbelt über den Boden und malt voller Inbrunst auf den (noch) weißen Grund schwarze Pfeile, die sich irgendwo im Gekritzel anderer verlieren. Ein junges Paar malt ein großes Herz und blickt sich liebevoll an. Andere zücken die Smartphones und fotografieren sich vor ihrem Werk.

Der schneeweiße Kubus wird schnell schwarz. Einem wohl fällt die schwarz-weiße Tristesse auf, gleich werden Farben gereicht. Das große Herz der Liebenden blubbert nun rot. Gelb, grün, blau, orange knallt es auf den Papptellern und dann von den Wänden. Die jungen Wilden hangeln sich mit langen Pinseln in die höheren Etagen der fünf Meter hohen Wände rauf. Ein junges Mädchen zeichnet das Karlssiegel mit den karolingischen Minuskeln, ohne Vorlage, aus dem Kopf, bravo.

Ein Mädchen plumpst in noch feuchte Tuschekleckse, die Mutter will es zürnend hochziehen, besinnt sich aber: Im „Kinderkönigreich“ geht’s um Freiheit, um die Umkehrung der Machtverhältnisse. Erste Früchte des Demokratielabors? Im Workshop nebenan wird gehämmert, gebastelt, geleimt. Holzstücke, Farbstifte, Draht, Schrauben, Nägel, Malkästen liegen auf den Werkbänken parat, Zeichenblätter und steifes Paketpapier. Mutter und Tochter lachen über einen gelungenen Hampelmann. Väter leimen Klotz an Klotz, Ende offen. Weniger Begabte rammen einfach Nägel ins Holz, macht auch Spaß.

Im „Zeichnerkongress“-Kubus ist derweil von neuen Antworten auf die uralten Fragen nach Macht, Autoritäten, Demokratie, Freiheit, Politik und ähnlich schwierige Dinge noch wenig zu erkennen. Nur einer oder eine hat den auf der Wand vorgetexteten Wunsch „Ein Tag ohne:“ ergänzt mit dem Zusatz „Helden“.

Die jungen und alten „Untertanen“ begnügen sich an diesem Tag mit riesigem Spaß an der Freud‘. Brot und Spiele im „Kinderkönigreich“. Aber im Märchen von „König Hänschen“ erfährt ein geläuteter König schließlich doch, dass die parlamentarische Demokratie die beste aller Regierungsformen ist.

„Seid kreativ, nutzt die Freiräume!“ hat Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments und Schirmherr des „Kinderkönigreichs“, in einem Grußwort die Kinder und Jugendlichen (und auch die Erwachsenen) aufgefordert. Vor dem volkseigenen „Zeichnerkongress“ im Lufo steht auf weißem Sockel aus Styropor der rot-goldene Thron des „Kinderkönigreichs“. Vielleicht rückt im Laufe der nächsten vier Monate dann ein Anarcho-Trupp an und zerlegt das Symbol untergegangener Mächte zu Kleinholz, beziehungsweise Styropor. Wg. Demokratielabor.

„Ich habe keine Idee davon, was sich hier entwickeln wird. Ich wünsche mir überraschende Momente“, setzt Aachens Kulturdezernentin Susanne Schwier auf die Kreativität im „Kinderkönigreich“. Mehr als 400 Schüler schon haben sich für die Workshops angemeldet, 35 Schulen kooperieren. Olaf Müller, Leiter des städtischen Kulturbetriebs, ist schon vom ersten Tag begeistert: „Eine wundervolle Grenzüberschreitung in einem Haus, das als Form für Grenzüberschreitungen zuständig ist. Mehr davon!“

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