Aachen - Kinder dürfen nicht auf dem Abstellgleis landen

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Kinder dürfen nicht auf dem Abstellgleis landen

Von: Redaktionsmitglied Thorsten Karbach
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Aachen. Den Zappelphilipp und die Träumsuse gab es immer, gibt es immer noch und wird es wohl immer geben. Allein ist heute die Gesundheitsforschung so weit, dass sie den Hintergrund erkennen kann.

„Früher haben viele gesagt: Das Kind ist ein Depp”, erinnert Diplom-Psychologe Michael Simons von der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums. Heute haben diese Kinder in vielen Fällen ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit Hyperaktivität, kurz ADHS.

Aber eben nicht alle. „Doch es ist Mode, dass plötzlich alles ADHS ist”, warnt Simons. Deswegen gibt es das Projekt „Lehrerfortbildung ADHS bei Schulkindern”: ein Projekt, hervorgegangen aus einem breiten Netzwerk mit dem Sozialpädiatrischen Zentrum an der Kinderklinik des Klinikums (SPZ), dem Gesundheitsamt, Kinderärzten und vielen mehr; ein Projekt, das Lehrern zeigen soll, was ADHS ist und vor allem was eben nicht.

Und dieses Projekt arbeitet seit zwei Jahren so erfolgreich, dass es vom nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium in den Projektverbund „Gesundes Land NRW” aufgenommen wurde.

Vernetzung wichtig

„Eine ganz besondere Auszeichnung”, freut sich Gesundheitsdezernent Heinz Lindgens. Dabei hat das SPZ eine hundertprozentige Trefferquote bei seiner Bewerbung um die Auszeichnung, denn auch das Projekt „PEK: Präventive Entwicklungsförderung von entwicklungsgefährdeten Kindern in Regelkindergärten” wurde ausgezeichnet.

In beiden Fällen kann das SPZ mit einem alles entscheidenden Pfund wuchern: der Vernetzung vieler Rädchen in der Gesundheitsförderung. Das Ziel beider Projekte ist praktisch gleich: Den Kindern soll die Chance erhalten bleiben, eine Regelschule zu besuchen. Sie sollen nicht auf das Abstellgleis einer Sonderschule geschoben werden.

Im Fall des ADHS-Projektes gilt es vor allem, die Lehrer über die medikamentösen wie auch verhaltenstherapeutischen Möglichkeiten aufzuklären. „Und jedes 20. Kind hat ADHS. Also sitzt in jeder Klasse eines”, so Gabriele Trost-Brinkhues die Dringlichkeit der Arbeit.

Bei PEK geht es auch um wichtige Aufklärungsarbeit: Denn je nach Stadtteil sehen bis zu 50 Prozent der Kinder mit acht oder neun Jahren keinen Kinderarzt für die übliche Vorsorgeuntersuchung. Sprich: Es bestehen keine Chancen, frühzeitig mit einer logopädischen oder krankengymnastischen Therapie anzusetzen. Probleme sind vorprogrammiert.

„Die Kinder, die eine Therapie bräuchten, bekommen sie nicht”, erklärt Dr. Reinhild Damen, Kommissarische Leiterin des SPZ. Finanziert vom Förderverein des SPZ gehen nun die Ärzte in die Kindergärten, vor allem im Ostviertel als Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf. Dort ist das Defizit immens.

„Es geht dabei nicht um Einzelförderung, sondern um einen Multiplikatorenschulung”, betont Dr. Hubert Plum, Leiter des Gesundheitsamtes. Das Umfeld der Kinder soll sensibilisiert werden, von sich aus Kinderärzte aufzusuchen.

„Unser Ziel ist es, dass die Regelversorgung optimal ausgenutzt wird”, erklärt Damen. Und Andrea Prym, die Vorsitzende des Fördervereins, fügt hinzu: „Wir versuchen, die Kinder abzuholen, wo sie sind.”

Dafür haben sie sich mit vielen Beteiligten an wichtigen Stellen vernetzt. So eindrucksvoll, dass beide Projekte sozusagen von höchster Stelle - dem Landesministerium - gelobt wurden.

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