Aachen - Kenner kommen wegen der Marmelade

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Kenner kommen wegen der Marmelade

Von: Werner Czempas
Letzte Aktualisierung:
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„Ich bin der Rattenfänger hier”: Mit ihrer kleinen Flöte und wunderschönen Weisen lockte Schwester M. Gudrun die Besucher zum Flohmarkt der Armen-Schwestern im Kloster an der Kleinmarschierstraße.

Aachen. „Hoch auf dem gelben Wa-ha-gen...” - hell und wundersam schön tönt eine Flöte weit in die Kleinmarschierstraße. Dem gelben Wagen lässt sie das „Ännchen von Tharau” folgen und die zwei Königskinder, die einander so lieb hatten. Forsch prescht „Ein Jäger aus Kurpfalz” heran.

Passanten kommen näher. Das ist der Zweck der Flöten-Melodei.

Mitten unterm Torbogen des Klosters der Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus im Eck von Kleinmarschierstraße und Elisabethstraße sitzt auf einem Stuhl die Schwester M. Gudrun. Sie bläst kunstvoll eine kinderfaustkleine Taschenflöte, ein Gefäßflötchen aus Ton, eins der ältesten Musikinstrumente der Welt.

Gospels, Jägerlieder, Wanderlieder, Liebesweisen. Ein Erlebnis, Zuhörer staunen. „Ich bin der Rattenfänger hier”, lacht die fröhliche Schwester, vielen Aachenern auch als die in Notlagen stets helfende gute Seele rund um St. Adalbert am Kaiserplatz bekannt.

Wie die flötende Rattenfängerin lockt ein Marktschreier das Publikum. In der Rolle gibt Karl Lanckohr vom Rotary-Club Aachen-Charlemagne sein Bestes. „Kommen Sie, kommen Sie, schauen Sie ruhig mal rein, drinnen können Sie Waffeln essen und Marmelade kaufen. Und Bücher, das Kilo ein Euro.

Und Sie können den Klostergarten besichtigen - alles umsonst”, ruft er. Zirkusreif. Selbst von der anderen Straßenseite wechselt Neugier herüber. Wer sich von der musizierenden Schwester und dem lautstarken Ausrufer werben lässt, ist mittenmang beim „Flohmarkt im Kloster”.

Seit ein paar Jahren sind die Klosterschwestern mit von der Partie, wenn rund um Dom und Rathaus der große Trödelmarkt läuft. Hunderte und noch ein paar Bücher mehr rechts und links im überdachten Klostergang gestapelt, sortiert von den Bildbänden über Kochen und Backen, Tiere und Pflanzen und, und, und bis hin zu Reisebüchern und der Unterhaltungsliteratur.

Tatsächlich das Kilo ein Euro. An der Küchenwaage achtet Helferin Marina Scheiff auf jedes Gramm. Schrammt der Zeiger haarscharf über die Kilo-Marke, stoppt Marinas lieber Blick und ihr sanftes „Es ist für einen guten Zweck” jedes Feilschen, der Käufer spendiert locker noch eins drauf.

Schallplatten sind im Angebot und von einer 83 Jahre alten Dame gehäkelte bunte Püppchen. In der „frommen Ecke” (Schwester Maria Ursula) Schönes und allerlei Kitsch bis hin zur arg ramponierten buntbemalten Jesus-Büste.

Die Sr. M. Ursula ist jene couragierte selbstbewusste junge Frau, die bis März vorigen Jahres sechs Jahre lang im sibirischen Omsk wahre Heldentaten für unvorstellbar arme Menschen vollbrachte. Heute wirkt sie im Aachener Don-Bosco-Heim in der Robert-Koch-Straße.

Sechs leckere Sorten

Im klösterlichen Speisesaal schwingen hochroten Kopfs Schwester Veronika (Leiterin der Schervier-Stube) und Helfer die Waffeleisen. Wie die Waffeln finden nebenan auch die sechs diversen Klostermarmeladen der Schwester Roselind reißenden Absatz; Kenner eilen eigens wegen der Marmelade herbei.

Es ist ein Kommen und Gehen im Kloster. Punkt 12 Uhr siegt die Sonne über den grauen, schauerschweren Himmel - „Beziehungen” flachst Sr. M. Dolores. Am Nachmittag trüben die sich leider wieder ein.

Mit rund 3000 Besuchern rechnet Sr. Dolores von 11 bis 17 Uhr. Dass der klösterliche Flohmarkt zum Geheimtipp geworden ist, verdanken die Schervier-Schwestern auch dem Einsatz des Rotary-Clubs Aachen-Charlemagne. Mehr als 20 Rotarier sind an diesem Sonntag helfend, aufbauend, anpackend vor Ort. „Was die Schwestern tun, ist beispielhaft”, erklärt Lutz Engelen das Engagement des Clubs.

Das Beispielhafte der Armen-Schwestern: Den Erlös ihres Flohmarkts stecken sie in die Arbeit ihrer „Franziska-Schervier-Stube” in der Kleinmarschierstraße. Täglich betreuen sie dort vormittags zwischen 85 und 100 Menschen: Obdachlose, Arbeitslose, Suchtkranke, Vereinsamte. „Die Gäste werden in ihrer Art und Lebensweise akzeptiert”, betonen die Schwestern.

Frühstück gibt es, ein Eintopfgericht. Duschen. Körperpflegeartikel. Kleider. Hilfen bei Anträgen, Ämtern. Besuche im Krankenhaus. 8000 Euro monatlich kostet die Schervier-Stube.

Mitreißendes Beispiel

„Hoch auf dem gelben Wa-ha-gen”, pfeift im Klosterportal Sr. Gudrun noch immer frohgemut auf der kleinen Taschenflöte. Tschüss, bis zum nächsten Mal! Wer seine Kilo Bücher und die köstliche Roselind-Marmelade nach Hause schleppt, wird auch den Satz der Aachener Ordensgründerin Franziska Schervier im Kopf tragen, jenen im Klostergarten auf einer Tafel plakativ prangenden wunderbaren Satz, der fast alles über das segensreiche Wirken dieses Aachener Hauses erzählt: „Worte allein vermögen nichts; was mit fortreißt, ist das Beispiel.”
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