Aachen - „Keine Leuchttürme“, aber Rathaustürme

„Keine Leuchttürme“, aber Rathaustürme

Von: Werner Czempas
Letzte Aktualisierung:
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Belesen: Die „schwierigen Texte“ der Philosophen blättert der 80-jährige Heiner Berger immer noch durch, wenn er an einer seiner mit geistreichen Bonmots Reden arbeitet. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Am Samstag feiert der Berger-Clan. An die 40 Mann, Frau und Kinder hoch, aus deutschen Gauen nach Aachen eilend. Der Boss wird 80. Der Boss heißt Dr. Heiner Berger. Der war 20 Jahre lang, von 1975 bis zu seiner Pensionierung 1995, Oberstadtdirektor von Aachen.

Der letzte Oberstadtdirektor, seitdem wird das Amt in Personalunion von einem direkt gewählten Oberbürgermeister geführt. Berger hat sich quasi selber abgeschafft, an der Reform der NRW-Kommunalverfassung hat er mitgewirkt.

Was gleich ein Licht auf das Schaffen des Heiner Berger wirft, seine Leidenschaft bis heutzutage. „Heiner Berger ist ein deutscher Verwaltungsbeamter“, gibt der „Internet-Brockhaus“ Wikipedia Auskunft. Hinter dem nüchternen Wort steckt ein exzellenter Verwaltungsjurist. Einer, der sich nach juristischen Studien in Saarbrücken, München, Berlin, Heidelberg und an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer für das Verwaltungsrecht begeisterte und sich für Reformen einsetzte. Ob im NRW-Städtetag, im Präsidium des Deutschen Städtetags, in zig Gremien bundesweit, in Vorträgen, als Berater, als Dozent an verschiedenen Institutionen.

Da wundert es nicht, dass beim „deutschen Verwaltungsbeamten“ die Alarmglocken schrillten, als im vergangenen Jahrzehnt das „Aachen-Gesetz“ dräute mit dem Einzug der Stadt in das neue Organ Städteregion. „Als die Stadt Aachen der Meinung war, sie solle Mitglied eines Landkreises werden“, formuliert es Berger mit feiner Ironie. Nicht, dass er gegen die Städteregion war oder ist, keineswegs, aber in einem Dutzend für seine Zuhörer unvergessenen Vorträge wies er auf die Schwierigkeiten hin, wenn eine Großstadt Mitglied eines Kreises werde, der sich ansonsten aus etlichen kleinen Gemeinden mit überschaubarer Einwohnerzahl zusammensetze.

„Ich habe vorsichtig gewarnt“, erinnert er. Dazu war er kompetent, hatte er doch vor seiner Aachener Ära viele Jahre als Stadtdirektor von Göttingen mit einem „Göttingen-Gesetz“ städteregionale Erfahrungen gesammelt. Und weil er „all das“, die Reibungspunkte, für Aachen befürchtete, rappelte sich der Pensionär, „der alte Krüppel mit 76 Jahren“ (O-Ton Berger), noch einmal auf, um – Mitglied der CDU seit 1976 – für den neuen Städteregionstag zu kandidieren. Damit er „etwas näher an der Sache dran war“.

Berger holte 2009 in seinem Wahlreis Laurensberg-Richterich das Direktmandat. Aber er hat sich „nicht gefreut“, als anfangs seine Prophezeiungen eintrafen. Heute jedoch ist er zuversichtlich, dass die Städteregion Aachen ein Erfolgsmodell ähnlich dem Großraum Hannover werden kann. Er glaubt, dass „auf Dauer die Bürger begreifen, dass eine in die Städteregion integrierte Stadt Aachen außenpolitisch anders wahrgenommen wird“, bedeutender.

Kein Wort zu CDU-Querelen

Soweit also – wenn einer 80 wird, sei es gestattet – zur Rubrik „Was macht eigentlich der . . ?“ Städteregionale Kommunalpolitik macht der Heiner Berger. Mitglied auch im Kreisvorstand der CDU, Vorsitzender der Senioren-Union. Nein, als „elder statesman“ sieht er sich nicht, „das wäre anmaßend“, aber er freut sich, wenn sein Wort ernst genommen wird. „Pro und contra“ beinhalte immer die Kränkung eines anderen, sinniert er, weshalb er sich zu den derzeitigen Querelen in der CDU-Fraktion nicht äußern will. Dass solche Konflikte den Parteien allgemein schaden, wie viele behaupten, glaubt er nicht. „Ohne Personalkonflikte kann keine Partei leben“, ist Heiner Berger überzeugt, „so etwas richtet sich alles wieder.”

Was macht eigentlich . . ? Bis vor ein paar Jahren noch „das Übliche“: Vorträge halten, für den Deutschen Entwicklungsdienst etwa, bundesweit, weltweit, in Chile zum Beispiel. Mit dem Reisen aber und der Passion Jagd ist es im Alter „zurückhaltender und überschaubarer“ geworden. „Das Gehirn ist noch intakt, aber der Körper, der es trägt, ist klapprig.“ Warum sich auch plagen, „ich finde, wir haben es hier so schön“

„Wir“ bezieht Ehefrau Mechthild mit ein, mit ihr ist er verheiratet seit 1961, „hier“ meint das schöne große und lichtdurchflutete Hanghaus in Laurensberg mit dem weiten Blick über Rasen und Wiesen und Hügel und Wald bis zur Karlshöhe. Im Salon beeindruckt eine geschätzt fünf Meter hohe und acht Meter breite Bücherwand aus edlem dunklen Holz, eine Bibliothek mit per Holzstiege begehbarer Empore. Links stehen die Philosophen. Aber die „schwierigen Texte“ blättert der Hausherr nur noch auf, wenn er an einer seiner stets mit geistreichem Bonmot gespickten Reden feilt. Der 80-jährige entspannt sich mit Krimis. Auf dem Tisch „Das hohe Fenster“ von Raymond Chandler. Das Internet ist ihm nicht fremd: Per Facebook plaudert Berger täglich mit ausgesuchten Freunden, seine Homepage pflegt er.

Was fällt ihm spontan ein, wenn er aufs Amt zurückblickt? Der Wiederaufbau der beiden Rathaustürme. So „irrsinnig moderne Entwürfe“ lagen damals vor, aber er und Stadtbaumeister Leo Hugot setzten sich durch mit „den Türmen nach den Dürer-Zeichnungen“. Wenn er heute hinguckt, freut er sich, „dass sie in ihrer alten Form so dastehen, als seien sie nie zerstört gewesen“. Der Geldbrunnen am Münsterplatz – „in dieser plastischen Prallheit, wie sie heute noch jeden erfreut“, Bergers Stimme entschied. „Wir haben Schulzentren, Sportplätze, Fußgängerzonen, das Verwaltungsgebäude Marschiertor gebaut und den Katschhof für Autos gesperrt und jährlich 50 Millionen Mark in Kanäle und Straßen investiert – das waren keine Leuchtturm-Projekte, wir haben das ganz normale Leben gestaltet”, zieht Berger Bilanz.

Wer die lange Liste der städtischen Entwicklung von 1975 bis 1995 studiert, von der Spielbank über die Öffentliche Bibliothek bis zur Synagoge etc., weiß gleichwohl, dass der erfolgreiche Gestalter Berger in aller Bescheidenheit untertreibt. Die 20 Berger-Jahre waren 20 segensreiche Jahre für die Stadt. Leuchtturm als Gesamtwerk.

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