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Kein Tusch: Rat will anders jeck sein als der OB

Von: Alfred Stoffels
Letzte Aktualisierung:
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So war das früher: Bei der „Närrischen Ratssitzung” ging es über Tische und Bänke. Diesmal soll es gesitteter zugehen. Foto: Harald Krömer

Aachen. Seit Jahr und Tag macht der historische Ort am Abend vor Fettdonnerstag eine staunenswerte Wandlung durch: Wo sonst die Volksvertreter mit ihren Papieren rascheln sowie staatstragende Wortbeiträge produzieren oder entgegennehmen, herrscht plötzlich ein wüstes buntes Treiben mit Büttenreden, kolossalem Singsang, Schunkeln bis zum Vollschwindel.

Das alles vor dichtgepacktem Publikum, das Spaß ohne Ende hat. „Närrische Ratssitzung” heißt das traditionelle Spektakel, und im bundesdeutschen Karneval ist es eine ziemlich einmalige Veranstaltung. Jetzt ist ihre Existenz bedroht.

Der neue OB Marcel Philipp hat neue Pläne (wir berichteten gestern), die aber von den Ratsmitgliedern nicht gerade mit einer Rakete begrüßt werden. Man kann sogar sagen: Es regt sich das blanke Unverständnis. Beim jüngsten „Krisengipfel” in Sachen Frohsinn jedenfalls ging man auseinander, ohne sich gegenseitig mit Orden zu behängen.

Ins OB-Büro geladen waren die Spitzen aller Fraktionen, und in einer unendlich großen Koalition machten CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke dem Stadtoberhaupt klar: so nicht, ohne uns. Und wieso sind schon die Plakate gedruckt?

Die gab es tatsächlich (werden nun aber eingestampft), und ihnen war zu entnehmen, dass an die Stelle des närrischen Getöses im Ratssitzungssaal ein „karnevalistischer Bürgertreff mit dem Rat der Stadt Aachen” im Penn-Zelt auf dem Katschhof stattfinden sollte. Das Motto für den Vorgang hieß auf gut Öcher Platt „Jeck together”, und einer der Höhepunkte des Abends sollten Videoeinspielungen aus dem benachbarten Rathaus sein.

Dort nämlich sollten die Ratsmitglieder nach der offiziellen Sitzung noch eine Weile ausharren, um sich filmen zu lassen - allerdings ohne Ringelpiez und großes Anfassen. Für Konzentration wäre auch gesorgt: eine „alkoholische Bewirtung” ist nicht mehr vorgesehen.

Laut Drehbuch der Verwaltung hätten die Ratsleute „in historischen Kostümen” vor den Kameras sitzen und „durch närrische Wortbeiträge und närrischen Dialog untereinander agieren” sollen. Dieser Auftritt sollte durch Beiträge von Profis „aufgelockert” werden; auch sollten Karnevalsliedchen eingebaut werden, die „von allen Ratsmitgliedern gemeinsam gesungen werden”.

Nach Stand der Dinge wird es so nicht kommen, die Hauptdarsteller verweigern sich und wollen ihre schöne alte jecke Sitzung wiederhaben. CDU-Fraktionschef Harald Baal: „Wir sind doch blutige Amateure, neben Profis haben wir keine Chance auf der Leinwand.” Die Vorstellung, als Engelchen verkleidet hinter Krachern wie den Vier Amigos aufzutreten, schaudert ihn jetzt schon.

Eindeutig auch die Wortmeldungen aus den anderen Fraktionen. Claus Haase (SPD): „Es ging doch immer darum, uns selbst auf die Schippe zu nehmen. Werden Beifall und Jubelrufe eigentlich eingespielt?” Helmut Ludwig (Grüne): „Das ist nicht lustig. Der Charme an der ganzen Sache war doch, dass die Akteure wussten, dass sie es nicht konnten.” Sigrid Moselage (FDP): „Die zunehmende Professionalisierung stört uns einfach.” Andreas Müller (Linke): „Keine gute Idee, aber wir sind eh nur als Fußgruppe dabei.”

„Aufwand nicht vertretbar”

Gestern begründete Philipp seinen Vorstoß noch einmal damit, dass die nagelneuen Möbel und die Technik aus dem Ratssaal geräumt werden müssten, wenn wieder nach alter Väter Sitte gefeiert würde, „der Aufwand ist nicht vertretbar”. So ähnlich habe das schon sein Vorgänger gesehen. Philipp prüft nun, ob es im Foyer rundgehen kann.
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