Aachen - Kaum eine Baustelle entspricht dem Sicherheitsregelwerk

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Kaum eine Baustelle entspricht dem Sicherheitsregelwerk

Von: Gerald Eimer
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Für die Baustellensicherung g
Für die Baustellensicherung gelten strenge Regeln - doch ein Rundgang der „Nachrichten” ergab: Kaum jemand hält sich daran. An dieser Baustelle am Karlsgraben ist eigentlich Dauerlicht vorgeschrieben. An unserem Kon­trolltag brannte nicht eine Lampe. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Das Letzte, an das sich Kathrin Winter (Name geändert) erinnern kann, ist die Fräskante und der Gedanke: „Das geht nicht gut.” Dann stürzte die Radfahrerin auf der Eynattener Straße schwer und kam erst wieder in der Uniklinik zu sich.

Dort wurde sie nach nur einem Aufenthaltstag mit der Diagnose Gehirnerschütterung wieder entlassen, doch bis heute leidet sie an schlimmen Spätfolgen. Die 45-Jährige hat Sprachprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, ermüdet schnell und kann ihrem Job als Sozialarbeiterin nicht mehr nachgehen.

Eine Therapie wird ihr bislang verweigert. Sie ist überzeugt, dass ihr Schmerzensgeld zusteht, weil sie am Karfreitag dieses Jahres Opfer einer unzureichend gesicherten Baustelle geworden sei. Doch auch das wird ihr wohl verwehrt bleiben, denn Zeugen zum Unfallhergang haben sich bis heute nicht gemeldet.

Der folgenschwere Sturz, der seinerzeit nicht mal von der Polizei aufgenommen wurde, steht beispielhaft für die Gefahren, die an nahezu allen Baustellen in der Stadt lauern, die aber wenig beachtet und häufig unterschätzt werden. Gut 80 Baustellen tun sich im Schnitt auf Aachens Straßen und Gehwegen auf. Kaum eine ist vorschriftsmäßig gesichert, sagen Insider, die jedoch ungenannt bleiben wollen.

Ein Rundgang durch die Stadt an einem x-beliebigen Abend zeigt: Absperrungen fehlen, Lampen leuchten nicht, Warnschilder und -baken werden nicht aufgestellt, Fräskanten sind nicht abgesichert, Reflektoren werden vergessen, Breiten für Ausweichwege werden nicht eingehalten - die Liste der Mängel ist nicht weniger umfangreich als das Werk mit den „Richtlinien für die Sicherung von Arbeitsstellen an Straßen” (RSA), in denen detailliert beschrieben ist, wie Baustellen eigentlich gesichert sein sollten. Das Problem: Kaum jemand hält sich daran, und ernsthafte Kontrollen scheinen die Ausnahme zu sein.

Hoffnungslos überlastet

Im städtischen Fachbereich Stadtentwicklung und Verkehrsanlagen ist exakt ein Mann für die Genehmigung und Überwachung von Baustellen im Straßenbereich verantwortlich. Er sei hoffnungslos überlastet, heißt es verwaltungsintern, was die städtische Pressestelle so freilich nicht stehen lässt. Weitere Kontrolleure gebe es beim Stadtbetrieb, betont Axel Costard. Vor allem aber verweist er darauf, dass in erster Linie die Bauunternehmen für die Absicherungen verantwortlich sind. „Wir müssen die Baufirma aber unverzüglich auf Mängel oder Gefahrenstellen aufmerksam machen”, sagt er, „sonst machen wir uns mitschuldig.”

In der Praxis ist eine mögliche Mitschuld jedoch kaum nachzuweisen. So hat es wegen Unfällen in Baustellenbereichen im vergangenen Jahr zwar in vier Fällen Regressforderungen gegen die Stadt gegeben, keine hat jedoch Erfolg gehabt. Nicht anders ist es bislang in diesem Jahr: Zwei Regressforderungen hat es gegeben, in beiden Fällen wurde an die jeweilige Baufirma verwiesen.

Statistisch nicht erfasst

Den Firmen selbst ist das Thema verständlicherweise eher unangenehm, weshalb Zahlen über Unfälle und zu Regressforderungen kaum zu erhalten sind. Statistisch scheinen sie nicht mal erhoben zu werden. So können weder die Aachener Polizei, noch die gesetzlichen Versicherer Zahlenangaben zu Unfällen in Baustellenbereichen machen.

Die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) erfasst zwar Unfälle auf Baustellen - allerdings nur, wenn dort Beschäftigte verletzt wurden oder zu Tode kamen. Für Unfallopfer wie Kathrin Winter „scheint es ein Vakuum zu geben”, gesteht Thomas Lucks, Pressesprecher der BG Bau, zu.

Ihr Unfall wirft somit nicht nur ein Licht auf unzulänglich gesicherte Baustellen, sondern zeigt auch, wie wenig Bedeutung den Gefahren oftmals beigemessen wird und wie schwer es ist, Schadenersatzforderungen durchzusetzen. „Ich lag halbtot im Klinikum”, sagt sie, „ich hatte andere Sorgen, als mich um die Baustelle zu kümmern.”

Bis heute ist sie überzeugt, dass der Unfallort erst nach ihrem Sturz entsprechend beschildert und gesichert worden ist. Ohne Zeugen oder andere Beweise aber hat sie keine Chance. Ein Rechtsberater habe ihr die Sachlage erklärt: Nicht das Bauunternehmen muss nachweisen, alles richtig gemacht zu haben, sondern sie muss mögliche Fehler und Fahrlässigkeiten beweisen.

Für die Stadt und die Polizei müsste dies eigentlich ein Grund mehr sein, der Baustellenabsicherung größere Beachtung zu schenken und regelmäßige Kontrollen vorzunehmen - denn auch hier gilt: Vorbeugen ist besser als heilen.

Drei Beispiele von vielen: Mangelhaft abgesperrt, ungenügend beleuchtet

Absperrungen ohne Sinn: Fußgänger können ungehindert durch abgelegtes Baumaterial und Werkzeug laufen.

Rein in die Baustelle: Wer am Karlsgraben einen Parkplatz sucht, kann problemlos auch den nächsten Sandhaufen ansteuern.

Achtung Falle: Die unbeleuchteten Absperrgitter an der Baustelle Schönforststraße ragen bis auf die Trierer Straße.

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