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Karls erster Öcher Wohnsitz wird erforscht

Von: Wolfgang Schumacher
Letzte Aktualisierung:
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Gruppenbild vor dem Granusturm: Die städtische Denkmalpflegerin Isabel Maier mit ihren Kollegen vom RWTH-Foschungsgebiet Denkmalpflege Judith Ley und Marc Wietheger (v.l.). Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Bis zu seiner Spitze in Höhe von 59 Metern ist der majestätische Granusturm am Rathaus eingerüstet, Stein für Stein wird der erste Öcher Wohnsitz Karls des Großen momentan vermessen. Denn richtig viel Geld hat der Bund im Rahmen der aktuellen Konjunkturpakete für Erforschung und Vermessung des wohl ältesten karolingischen Gemäuers in der Stadt locker gemacht.

Parallel dazu muss der seit 1979 als Replik aufgesetzte Turmhelm bereits wieder saniert werden, da die Bleiornamentik in nur 32 Jahren bereits arg verwittert ist.

Was seit rund 1220 Jahren an der Ostseite des Aachener Marktes - damals in einem ersten etwa 20 bis 22 Meter hohen Bau - in den Himmel ragte, wird heute von Historikern für den ersten steinernen Wohnbereich des Frankenkönigs gehalten. Von hier aus soll er den Aufbau seiner Lieblingspfalz betrachtet und geleitet haben. Den Namen „Granusturm” stiftete laut Überlieferung allerdings Kaiser Neros Bruder Granus Serenus, dem von den Humamisten die Gründung Aachens zugeschrieben wurde.

Aktuelle Untersuchungen des Baudenkmals widmen sich dem kompletten Bauwerk, seiner Bedeutung für die Pfalzanlage und seiner Baustruktur. Von 2010 bis 2014 stehen 398.000 Euro zur Verfügung, davon wird ein Drittel Eigenanteil der Stadt sein. Jede Fuge, jeder Stein wird elektronisch vermessen und digital in ein Kataster eingetragen.

Das erste überraschende Fazit, das zum Schmunzeln veranlasst: „Die Steine im Turm sind ein wenig schlechter als in den Dommauern. Und sie sind auch nicht so ordentlich verarbeitet”, beschreibt Denkmalpflegerin Isabel Maier, für die Stadt vor Ort, die Bauqualität des schwergewichtigen Mauerwerks.

Dass die später als der Wehrturm begonnene Marienkapelle sehr viel ordentlicher gemauert wurde, ist garantiert auf die strenge Aufsicht durch den Bauherrn, eben Karl den Großen, zurückzuführen. Damit Karl in seinem Wohnturm ein Dach über den Kopf bekam, wurden die mehr als ein Meter dicken Wände vermutlich schnell und ein wenig schlampig hochgezogen. Die Jahrhunderte aber zeigen: Ebenso wie der Dom hat das eckige Monument mehr als 1200 Jahre gehalten, Stadtbrände und diverse Kriege haben dem späteren Archiv nichts anhaben können.

RWTH-Professor Christian Raabe vom Lehr- und Forschungsgebiet Denkmalpflege begleitet mit einem Team, das sind die Wissenschaftler Marc Wietheger, Dr. Judith Ley sowie Fotograf Robert Mehl zur bildlichen Dokumentation, die neuzeitliche Vermessung des Turmes. Man arbeite heute eben nicht mehr mit Millimeterpapier, Lineal und Bleistift, klärten die Experten freundlich über neue Techniken in luftiger Höhe auf, und schwindelfrei müssen sie dort schon sein.

Mit einem geodätischen Tachymeter, das man von Landvermessern kennt, rücken sie den Fugen und Steinverläufen des Turmes zu Leibe. In etwa 20 bis 22 Metern Höhe hört der alte karolingische Teil auf, da war eben um 788 Schluss mit dem Wohnturm. Anfang des 14. Jahrhunderts erstand die Stadt Karls Aula Regia und aus dem Festsaal, in dem die im Dom gekrönten Könige tafelten, entstand das heutige Rathaus. An der Seite zum Hühnerdieb stockte man dafür einfach die 1,30 Meter starken Mauern des Turmes um 14 Meter auf. Geht man heute innen die Treppen hoch, werde der Anstieg im neueren Teil wesentlich steiler, erklärt Prof. Raabe.

Für ihn sei es äußerst wichtig, das Gebäude an sich als Quelle neuer Erkenntnisse zu nutzen, das riesige Gerüst bis in schwindelnde Höhen macht das möglich. RWTH-Denkmalpflegerin Ley präsentiert oben auf den Brettern eine Handzeichnung des legendären Stadtkonservators Leo Hugot, der bereits bei seinen Studien Stein um Stein des Turmes genauestens in Form und Größe abgezeichnet hatte.

Die Zeichnung wurde den Wissenschaftlern von der Familie zur Verfügung gestellt. Darin war das damals beliebte Baumaterial „Grauwacke” ebenso farblich gekennzeichnet wie Passagen, die aus Sandstein aus eiflerischem Kalktuffstein gemauert wurden. Sogar Reste aus der Römerzeit verbauten die Handwerker, rein nichts war sicher vor den mittelalterlichen Maurerkellen.

Wie bereits beim Kartografieren des Weltkulturerbes Dom ist es Ziel der Wissenschaft, die andere Seite der Kaiserpfalz objektiv zu dokumentieren, auch gegenüberliegende Marktturm kommt an die Reihe. Die Daten werden im Computer in dreidimensionalen Koordinatennetzen festgehalten und dargestellt. Wenn bald die Freitreppe am Katschhof gebaut wird, erhoffe man sich weitere Erkenntnisse über die rückwärtige Rathausfassade. Ziel sei es, ein komplettes historisch korrektes Bild der Pfalzanlage zu bekommen.

Nicht zuletzt der ungute Zustand des Turmhelmes machte die wissenschaftliche Erforschung des Turmes möglich. Die Bleischicht ist, wie der Sachverständige Rainer Schüpphaus bekundet, bereits nach 30 Jahren so dünn geworden, dass sie erneuert werden muss. Auch an das Schieferdach des etwa 18 Meter hohen Turmes - gefertigt nach den Hugotschen Entwürfen - wird Hand angelegt, Bauzeit etwa drei bis vier Monate.

Prächtige Böllerschüsse von den Zinnen des Rathauses waren es, die am 3. August 1979 rund 20.000 Zuschauern auf dem Markt eine große Stunde ankündigten. Denn erst zu diesem doch recht späten Zeitpunkt wurden nach den Plänen des legendären Stadtkonservators Leo Hugot die beiden im Kriege zerstörten Rathaushelme, wie die Türme links und rechts genannt wurden, wieder aufgesetzt.

Die Turmhelme über der Aula Regia brachten laut Alt-Oberbürgermeister Kurt Malangré das schöne Gebäude „wieder ins ästhetische Gleichgewicht”. Der Rathausbau aus dem 14. Jahrhundert war nach dem schweren Fliegerangriff im 2. Weltkrieg ein unansehnlicher Torso geblieben. Leo Hugot war es, der nach einer Silberstichzeichnung von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1520 die neuen Helme für den Granus- und den Marktturm nachempfand.

Heute hat ein Turmfalke die Lufthoheit über dem Rathaus, einige skelettierte Beutetiere zeugen ganz oben an der Spitze von seinen Taten.
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