Kabarett und Drachenflug: Alles in der Nacht der offenen Kirchen

Von: Christiane Krahl
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Eine schwebende Pietà hatte der Künstler Stefan W. Knor in St. Foillan installiert. Die Besucher konnten Kerzen anzünden und auf vorbereitete Karten ihre Bitten schreiben. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Auf dem Treppenaufgang der Kirche Heilig Geist steht eine große Menschentraube. Wer kann, wirft einen Blick ins Innere des katholischen Gotteshauses. Dort schwebt ein weißer Ultraleicht-Drachen durch das Kirchenschiff. Bunte Scheinwerfer tauchen die Tragflächen des Indoor-Fluggeräts und die Kreuzwegbilder an den Wänden in alle Regenbogenfarben.

„Das wirkt richtig toll”, bemerkt eine Besucherin fasziniert, während sie die Flugbahn des dahinschwebenden Drachens verfolgt. Direkt über den Besuchern auf der Orgelbühne überwacht Lichtkünstler Bernd Weißhaupt die Licht-, Musik- und Tanzperformance. „Mit so vielen Leuten hätten wir nicht gerechnet”, stellt er gut gelaunt fest. Aus den eingeplanten 60 Besuchern seien schon bei der ersten Aufführung 200 Gäste geworden, schätzt er.

„Aus heiterem Himmel”

Weißhaupt, die Drachenflieger aus Kerpen, zwei Tanz-Performer und ein Komponist erzählen die Geschichte einer jungen Frau, deren mühseliger und dunkler Lebensweg durch einen leuchtenden Drachen am Himmel erhellt wird. „Für mich ist der Drache ein Synonym der Taube und des Heiligen Geistes”, interpretiert Drachenlenker Johannes Just die Idee. Auch für ihn ist die Installation in Heilig Geist ein beeindruckendes Erlebnis. Vier Aufführungen haben die Organisatoren für die zehnte „Nacht der offenen Kirchen” eingeplant.

Voll sind auch die Bänke der evangelischen Annakirche. Dort sorgt Kirchenkabarettist Micki Wohlfahrt mit Gedichten und Geschichten aus seinem Programm „Aus heiterem Himmel” für gute Laune. „Früher gab es noch eine richtig schöne Friedhofskultur”, schwärmt der Wittener. Blumige und kuriose Grabstein-Inschriften hätten zum guten Ton gezählt. „Hier ruhen meine Gebeine. Ich wollt, es wären deine”, zitiert er einen der literarischen Mehrzeiler und beweist, dass so mancher auch über den Tod hinaus den Humor nicht verliert.

Schwererwiegende Literatur und Dramaturgie ist auf dem Chor der katholischen Fronleichnams-Kirche zu sehen. Dort spielen die sieben Darsteller des Theaters „Ludus” aus der Region das Stück „Jedermann” von Hugo von Hoffmannsthal. Der Teufel, der gierige, mit Gold bedeckte Mammon, und der Tod im weißen Deckmäntelchen zeigen sich dort in ihrer irdischen Gestalt, und sogar Gott persönlich kommt auf die Bühne.

„In dem Stück geht es um den reichen und egoistischen Jedermann, der mit dem Tod vor Augen erkennt, dass er sein Leben ändern muss”, erklärt Regisseurin Ingrid Wiederhold. Gemeindereferent Josef Gerets und sein Team finden, dass dieses Thema Jedermann und jede Frau ansprechen sollte, denn auch 100 Jahre nach der Uraufführung in Berlin ist das Stück noch aktuell.

Möglichst viele Besucher ansprechen wollen auch die Mitglieder der freien evangelischen Gemeinde Aachen. Dazu haben sie ihr Gemeindezentrum von der Roermonder Straße 110 kurzerhand in die Unterführung am Ponttor verlegt. „Führe mich nicht in Versuchung, sondern suche mich in der Unterführung!”, fordern die Gemeindemitglieder alle Besucher auf. Auf einer Bühne unter der Straßenkreuzung haben sie dazu kurze Theaterstücke, Livemusik und Interviews vorbereitet. „Die Unterführung ist dunkel und manchmal sogar unheimlich, aber Gott kommt auch in die düsteren Ecken unseres Lebens”, erklärt Pastor Siegmar Müller eines der Themen.

Weiter in die Citykirche

Karin und Klaus Hack hören gespannt zu. Die zwei Aachener haben den Treffpunkt dick markiert in ihrem gelb-schwarzen Flyer, dem Wegweiser der „Nacht der offenen Kirchen”. „Es ist interessant, die unterschiedlichen Gemeinden zu besuchen”, finden sie. Im Franziskanerinnen-Kloster an der Elisabethstraße waren sie schon, und gleich soll es weitergehen in die Citykirche.

Besinnung und Ruhe finden die Kirchenbesucher in St. Foillan. Dort hat der Künstler Stefan W. Knor eine Pietà über dem Boden schwebend installiert. Die Holzskulptur trägt deutliche Rußspuren von einem Kirchenbrand im Erzbistum München. „Trotzdem hat die Figur ihre Kraft und Würde behalten”, erklärt Gemeindereferent Jürgen Maubach. Sie solle den Menschen zeigen, dass auch sie durch ihren Glauben viel Kraft in schlimmen Situationen finden könnten. Wer möchte, kann eine Kerze vor der Skulptur anzünden und auf einer Karteikarte eine Bitte aufschreiben. Die Karten werden am Ende der Nacht in einer Kiste gesammelt und in das Innere der Figur versenkt. Nach zehn Jahren kreativer Arbeit in St. Foillan plane Knor allerdings im kommenden Jahr keine Installation für die Aachener „Nacht der offenen Kirchen”, verrät Gemeindereferent Maubach.

Um Mitternacht schließen die 31 christlichen Gotteshäuser ihre Tore. Etliche 1000 Besucher waren auch bei der zehnten „Nacht der offenen Kirchen” wieder unterwegs.
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