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Jubel trotz Abstiegs: „Wir kommen zurück“

Von: Christopher Gerards
Letzte Aktualisierung:
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Gedenkmarsch und Trauerbanner: Der am Samstag vor 14 Jahren bei einem Waldlauf versorbene Trainer Werner Fuchs ist auf dem Tivoli nach wie vor unvergessen. Foto (3): Ralf Roeger Foto: Ralf Roeger
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Der scheidende Trainer René van Eck erhielt nach dem Sieg im letzten Heimspiel Szenenapplaus von begeisterten Fans.
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479 Mal hat Jo Montanes für Alemannia gespielt, noch heute sieht es fast jedes Heimspiel.

Aachen. Sie steigen die Ränge hinab, Richtung Bande. So als gäbe es etwas zu feiern. Stellen sich an die Absperrung und warten auf die Mannschaft, die als Letzter aus der Dritten Bundesliga abgestiegen ist. Warten und klatschen und singen mit dem Trainer „Humba-humba-täterä“, tausende Zuschauer, wie sie es damals getan haben, als die Mannschaft es bis ins Endspiel des DFB-Pokals geschafft hat. Es ist zwanzig nach Drei, kurz nach Abpfiff des vorerst letzten Profispiels auf dem Aachener Tivoli. Ein Verein steigt ab, aber es sieht gerade ganz anders aus.

Wie ist die nach der Stimmung im und um das Stadion, Alemannia gegen, nun ja, die Zweite vom VfB Stuttgart, wir fangen am Besten vorne an. Mit einem, der sich auskennt.

45 Minuten bis Anpfiff, der Eingang zum Business-Bereich – Hallo, Herr Montanes. Jo nennen sie ihn, den Rekordspieler. 1972 ist er an den Tivoli gewechselt, dann hat Joaquin Montanes in der zweiten Liga 479 Spiele bestritten, für einen Verein. An ihn vor Spielbeginn also die Frage nach den Gefühlen: „Es tut im Herzen weh“, sagt Montanes, da das auf absehbare Zeit letzte Heimspiel im bezahlten Fußball vor ihm liegt. Ach, all die Fehler in der Vergangenheit, das Stadion, im Vorstand, unfassbar sei die Entwicklung der letzten Jahre.

Trotzdem besucht er noch den Tivoli, fast jedes Heimspiel hat Montanes gesehen. Man ahnt warum, wenn der 59-jährige Spieler der Traditionsmannschaft Sätze sagt wie: „Ich bin stolz, immer noch für Alemannia Aachen spielen zu können.“ Er könne der Mannschaft ja keinen Vorwurf machen, alles gegeben, aber es hat nicht gereicht. Und dann der Zuspruch zum Schluss: „Wie die Leute trotzdem noch kommen...“, sagt Montanes.

8900 sind es diesmal, offiziell. Ja, 90 Minuten lang ist die Stimmung kaum anders als in den vergangenen Spielen, Gesänge („Wir sind Aachen…“), Transparente („Wir kommen wieder“),das Bemerkenswerte tut sich erst danach. Das „Skurrile“, wie Habets sagt. Dirk Habets, 35, ist der Geschäftsführer der Fan-IG. Nach dem Spiel setzt er sich auf eine der Treppen und spricht über die Jubelszenen, die hier wenige Minuten zuvor stattgefunden haben. Er sehe das zwiespältig: Auf der einen Seite sei da die Trauer, die Ungewissheit darüber, was jetzt kommt; andererseits sei da aber der Stolz darüber, dass der Verein eine solch große Fanbasis habe. Die Verabredung mit ihm sei ein Beispiel. 15.45 Uhr war ausgemacht, Habets kommt später. Am Fantreff ist Ticketverkauf für das FVM-Pokalfinale in Bonn. Habets entschuldigt sich am Telefon. Es sei „die Hölle los“.

An diesem Tag findet nicht nur das vorerst letzte Profispiel am Aachener Tivoli statt. Es ist auch der 11. Mai. Die Fans gedenken Werner Fuchs, der vor 14 Jahren bei einem Waldlauf starb. Habets und Vertreter der Fan-IG stehen vor und nach dem Spiel mit einem Banner auf dem Platz. Habets war 21 in der Aufstiegssaison, er kennt noch einige Details. Wie die Mannschaft plötzlich „Sieg für Sieg“ geholt hat. Wie Henri Heeren gegen Münster den Ball „unter die Latte Richtung Aachener Wall geknallt hat“, 1: 0. Und die Ereignisse vor dem Spiel in Erkenschwick. Werner Fuchs, sagt Habets, gelte nicht zu Unrecht als Vater des Erfolgs, die vergangenen 13 Jahre habe er ermöglicht. Den Aufstieg in die zweite Liga, die Spiele gegen Bayern, Uefa-Pokal. Habets sagt: „Es geht vielen Fans so, dass sie traurig darüber sind, wie die verantwortlichen Personen das ganze Erfolggebilde zerstört haben.“

Wie geht es weiter? Montanes, der Ex-Spieler, fände es schön, junge Spieler aus der Region aufzubieten. Dazu ein paar Erfahrene, ein guter Trainer. Er hofft, dass die Mannschaft in drei, vier Jahren soweit sei, in die Dritte Liga zurückzukehren.

Habets, der Fan-Vertreter, glaubt nicht, dass eine Radikalisierung bevorsteht. Die Auseinandersetzungen der Fans untereinander seien „sehr bedauerlich“, jedoch sei die Pressekritik damals „auf die Spitze getrieben“ geworden. Natürlich gebe es Problemfans. Ihr Anteil sei aber „sehr, sehr klein“. „Wir haben einen überwiegenden Teil von friedlichen und begeisterungsfähigen Fans.“

Die Mehrheit der Fans wisse auch, dass eine harte Zeit bevorsteht in der Regionalliga. „Du spielst zur Hälfte gegen Zweitvertretungen – das ist unattraktiv für die Zuschauer und eigene Auswärtsfans bringen sie auch wenig mit.“ Die vergangenen Tage stimmten ihn aber zuversichtlich. Das Spiel gegen Stuttgarts Zweite, der Andrang zum Grillabend zwei Tage zuvor, „es waren wahnsinnig viele Leute da“. Es gebe „immer noch genug Verrückte“, die auch in Liga Vier dabei blieben.

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