Jimmy Kelly feiert Generalprobe auf der Straße

Von: Jan Mönch
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War am Samstag auf Tour in der Altstadt: Jimmy Kelly, Ex-Mitglied der in den neunziger jahren erfolgreichen Kelly Family. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Die städtische Ordnung macht auch vor einem großen Namen nicht halt. Nur eine halbe Stunde dürfen Straßenmusiker ohne Genehmigung an der gleichen Stelle spielen. Und deshalb sind Jimmy Kelly und seine Kollegen gezwungen, ihren Standort entsprechend häufig zu wechseln.

Den lieben langen Samstag rotiert das fünfköpfige Folkensemble so durch die Altstadt.

Jimmy Kelly spielte einst Akkordeon, Bass, Gitarre und Schlagzeug in der Kelly Family, jenen lange Jahre nur leidlich erfolgreichen Straßenmusikern, die in den Neunzigern plötzlich die Hitparade stürmten.

„Over the Hump” von 1994 gilt als eines der meistverkauften Alben in Deutschland, Poster, die die langhaarige Großfamilie zeigten, schmückten zahlreiche Kinderzimmer. Für andere war es ebenso selbstverständlich, von der Kelly Family ungefähr so viel zu halten, wie Beelzebub von einer Lokalrunde Weihwasser. Gold- und Platin-Auszeichnungen regnete es freilich dennoch.

Heute haben die Geschwister eigene Familien und eigene Projekte, der große Erfolg liegt weit zurück. Jimmy hat es dorthin gezogen, wo seine Karriere einst begann: auf die Straße. Dort lernte er auch zwei der Mitglieder seiner Folkband kennen, Bärbel Ehlers (Geige) und Philip Kees (Gitarre). Das Quintett wird komplettiert durch Janusch Hallema (Kontrabass) und Jimmys Frau Meike (Akkordeon).

„Richtige” Konzerte gibt es allerdings auch: Zum Beispiel am 13. November im Jakobshof. „Das hier ist die Probe”, lässt Jimmy Kelly die Passanten wissen, die sich in der Großkölnstraße zu einer großen Traube gescharrt haben. Dann ist die halbe Stunde um, es gibt eine Pause.

„Klar spielt mein Name eine Rolle”, glaubt der Musiker. „Hätte ich den Namen nicht, würden wir zum Beispiel keinen Artikel in deiner Zeitung kriegen.” Stücke wie „Roses of red”, „Fell in Love with an Alien” oder „Why, why, why”, die von den Radiosendern einst rauf und runter gespielt wurden, sollte allerdings niemand erwarten.

„Mit der Family waren wir am Ende sehr poppig, haben viel mit der Bravo und mit Viva und solchem Zeug gemacht”, erinnert sich der Familienvater. Er klingt nicht so, als ob er dieser Zeit nachtrauert. „Jetzt bin ich wieder bei meinen Wurzeln. Das Handgemachte zieht mich an.”

Auch äußerlich hat Jimmy nicht mehr viel mit dem etwas verschrobenen Clan von einst gemein, der in einem Hausboot auf dem Rhein lebte. Schon gar nicht wirkt er wie jemand, der Teil einer millionenschweren Erfolgsgeschichte war.

Er trägt ein einfaches Karohemd und eine ebensolche Jeans, außerdem einen Strohhut mit Loch. Das Handy, dass er zwischendurch aus der Tasche zieht, könnte ebenso gut einem Schüler oder einem Studenten gehören.

Und die braune Mähne, Markenzeichen eines jeden Kellys, habe er sich schon 1995 abgeschnitten und im Klo eines Dubliner Nobelhotels heruntergespült. Eine verlorene Wette war schuld, auch sei wohl Alkohol im Spiel gewesen. Heute trage nur noch Joey seine Haare lang.

Was Jimmy unter „handgemacht” versteht, ist auch auch auf dem ersten gemeinsamen Album von ihm und seiner Band zu hören, das in der Großkölnstraße für fünf Euro den Besitzer wechselt. 13 Stücke sind auf „The Hometown Sessions” zu hören, sie handeln von Freiheit und von Freundschaft und klingen fröhlich und melancholisch zugleich, sehr irisch eben.

„Es gibt so viele bessere Rockmusiker als mich, Jazzmusiker sowieso”, bekennt der 39-Jährige freimütig. „Folk ist die Musik, die wirklich zu mir passt.” Dass sich mit Bodenständigkeit keine Stadien erobern lassen, ist ihm egal: „In manchen Städten ziehen wir 500 Leute, in anderen nur 80. Das ist doch prima.”

Dass er sich diese Bescheidenheit erlauben kann, hat Jimmy freilich dennoch der Bravo und Viva zu verdanken. Sie haben ihm einen Namen gegeben, ihn außerdem finanziell unabhängig gemacht. „Das ist natürlich ein Luxus für einen Musiker”, gibt er zu.

Fluch und Segen

Der Name Kelly - Fluch und Segen zugleich? „Absolut”, stimmt Jimmy zu. Wo er wohnt, möchte er beispielsweise nicht in der Zeitung lesen. „Ich habe durch die ganze Hysterie in der Vergangenheit einige schlechte Erfahrungen gemacht. Und manche Leute wissen leider bis heute nicht, dass diese Vergangenheit vorbei ist.”

Vermutlich würden viele der zwölf Geschwister, von denen neun die „Kelly Family” waren, ähnliches erzählen. Wer von denen macht eigentlich noch Musik? „Johnny macht nur noch manchmal Musik, Patricia beteiligt sich eher an Musicals. Angelo hat lange Zeit viel gemacht, aber jetzt reist er mit einem Wohnwagen durch die Welt. Und Maite ist bis vor zwei Wochen in einem Musical in Köln aufgetreten”, erzählt Jimmy. „Wir haben eben nichts Anderes gelernt”, entschuldigt er sich beinahe. Dann schnallt er sich sein Akkordeon um. Die nächste halbe Stunde beginnt.
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