Internet verdirbt Apothekern die Preise

Von: Werner Czempas
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„Wir sind nicht nur Arzneimit
„Wir sind nicht nur Arzneimittelverteiler.” Die Aachener Apothekerin Wiebke Moormann möchte sich gemeinsam mit ihren Kollegen von den stationären Apotheken am heutigen Tag der Apotheken von der Internet-Konkurrenz absetzen. Bei ihr und ihren Kollegen zählen Beratung, Kompetenz und Service. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Wann immer Kirsten Dosis, Aachener Gastwirtin, Hausfrau und Mutter von siebenjährigen Zwillingen, beim Check ihrer Hausapotheke feststellt, dass ein Fieber-, Schmerz- oder anderes Arzneimittel fehlt, setzt sie sich an ihren Computer.

Nach einem Preisvergleich im Internet ordert sie in Windeseile die gewünschte Medizin - bei einer der mehr als 2500 Online-Apotheken in Deutschland. Zwei, drei Tage später liegen die Pillen im Briefkasten.

So wie Kirsten Dosis verhalten sich inzwischen laut Statistik mehr als neun Millionen Deutsche. Gastwirtin Dosis macht eine simple Rechnung auf: „Für ein bestimmtes Schmerzmittel zahle ich nebenan in der Apotheke für eine 20-er Packung zehn Euro. Online kaufe ich das gleiche Medikament in einer 50-er Packung für zwölf Euro - das ist doch ein Unterschied, oder?”

„Ganz bequem online bestellen und sparen, preisgünstiger gehts kaum” - so werben denn auch die Versandapotheken. „Pillepalle” für die ortsansässigen, stationären Apotheken? Wohl kaum. So ist es kein Wunder, dass die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände zum heutigen „Tag der Apotheke” das Motto ausgibt: „Unsere Leistung für Ihre Gesundheit”. Die öffentlichen Apotheken wollen auf ihre Stärken aufmerksam machen: individuelle Beratung, besondere Kompetenzen, eine Vielzahl an Serviceleistungen und die Bedeutung ihres Heilberufs für die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung.

2004 gings los

Der neue Markt der Internet-Apotheken entstand, seitdem Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt aus Aachen ab 2004 das Verbot aufhob, in Deutschland einen Versandhandel für Apothekenartikel zu betreiben. Gleichzeitig wurde die Preisbindung für nichtverschreibungspflichtige Medikamente abgeschafft. Seitdem wächst das Online-Geschäft von Tag zu Tag.

„Wir geben unseren Kunden Zeit, Zuwendung, Verständnis. Das sind andere Werte. Wir sind nicht nur Arzneimittelverteiler - Empathie ist der erste Weg zur Heilung”, hält die Aachener Apothekerin Wiebke Moormann dem kalten und nüchternen Online-Geschäft entgegen.

Die Pressesprecherin der Apothekerkammer Nordrhein zählt zu den „Vorteilen der örtlichen Apotheke an der Ecke” nicht nur die persönliche Beratung und Zuwendung, sondern beispielsweise auch den Nachtdienstplan. In Aachen übernehmen täglich zwei bis drei Apotheken den nächtlichen Service. „Die sind rund um die Uhr 24 Stunden dienstbereit”, sagt Moormann. Familien mit kleinen Kindern sind oft betroffen. In allen Notfällen steht so auch nachts schnelle Hilfe parat.

Das Online-Geschäft habe in ihrer Branche „die Preise kaputt gemacht”, klagt Wiebke Moormann. Gleichwohl und unabhängig von den Online-Bestellungen: „Die dollen Zeiten für die Apotheken sind vorbei”, sagt Moormann, die fetten Jahre, in denen sie und ihre Kollegen das Geld problemlos verteilen konnten - in Gebäude, Ausstattung und Personal, ohne sich groß Gedanken machen zu müssen. „Die jungen Kollegen heute haben ein anderes Bewusstsein. Sie denken an Marketing und betriebswirtschaftliche Abläufe in einer Apotheke. Das haben wir älteren nicht gemusst”, vergleicht Wiebke Moormann vom Jahrgang 1947 damals und heute.

So wundert es auch nicht, dass es unter den 75 Aachener Apotheken kaum „frische”, neue Apotheken zu entdecken gibt. Gibt es Neueröffnungen, sind das überwiegend Filialen anderer örtlicher Apotheken. Moormann: „Ich kann mich nicht an eine wirklich neue in Aachen erinnern, vielleicht eine in den vergangenen zehn Jahren.” Einige hätten sogar dichtgemacht, teils aus Altersgründen, teils aber auch, „weil Kollegen keine Lust mehr hatten und ihnen alles zu stressig wurde”.

Auch Wiebke Moormann, Fachapothekerin für Offizin-Pharmazie, wie das im Fachjargon heißt, Fachapothekerin für Gesundheits- und Ernährungsberatung und seit 2005 auch für Naturheilkunde und Homöopathie, gehört zu den Alteingesessenen in der Aachener Kollegenschaft. Seit mehr als 35 Jahren führt sie die Falken-Apotheke am Eck Wilhelmstraße/Augustastraße.

Sie und sechs Mitarbeiterinnen bieten den Kunden neben dem üblichen Sortiment von der Umweltanalytik (Wasser, Raumluft, Hausstaub) über Haut- und Haaranalysen, Ernährungsberatung, Diabetikerbetreuung und Homöopathie bis hin zur Aromatherapie und Heilyoga eine riesige Palette von Spezialgebieten.

„Ein anderes Geschäft”

Der Arzneimittelverkauf via Internet, sagt Wiebke Moormann, sei „ein anderes Geschäft”. Für sie dürfen in der Branche „Ethik und Beratung nicht auf der Strecke bleiben”. Das gelinge nur mit „genügend Personal”, das sich ständig fortbilde. Die von ihr seit vielen Jahren gepflegte „beratungsaktive” Einstellung rechne sich nicht sofort, aber langfristig. Die Apotheke als Anlaufstelle für ältere Menschen, für Schwangere, für Eltern mit kleinen Kindern, für immer gesundheitsbewusster werdende Mittdreißiger, das zunehmende Bedürfnis, sich über alternative Heilmittel beraten zu lassen - in solchen und ähnlichen Dingen sieht Moormann das „große Plus” der modernen Apotheke, denn: „Vielen Menschen ist das persönliche Gespräch wichtig.”
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