Inklusion muss nicht immer viel Geld kosten

Von: Jutta Geese
Letzte Aktualisierung:
7476111.jpg
Arbeiten im Inklusionsamt Hand in Hand für Menschen mit Behinderung: Amtsleiterin Bettina Herlitzius nimmt gesellschaftliche Veränderungen in Blick, Hartmut Buchbinder leistet individuelle Hilfe. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Von einem ist Bettina Herlitzius überzeugt: Nicht die Menschen mit einer Behinderung müssen sich ändern, sondern die Gesellschaft muss aus einem anderen Blickwinkel auf Menschen mit einem Handicap schauen. „Voneinander lernen“ lautet für die Leiterin des neuen städteregionalen Inklusionsamtes die Maxime.

Zwar gehe es auch darum, behinderten Menschen mit technischen Hilfsmitteln die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen – aber eben nicht nur darum, sondern auch um Einstellungen, um ein selbstverständliches Miteinander. „Menschen mit Handicap müssen sichtbarer werden. Wir müssen mehr voneinander erfahren, um einen anderen Blick für die jeweiligen Bedürfnisse zu bekommen“, stellt Herlitzius fest.

Was sie damit meint, verdeutlicht sie an zwei Beispielen: „Zu meinem Team gehört auch eine Rollstuhlfahrerin. Vor der ersten Besprechung mit allen – insgesamt sind wir zu fünft – habe ich kurz gedacht: Ach, dann muss ich noch einen Stuhl besorgen. Und dann fiel mir ein, sie braucht keinen Stuhl, sondern Platz am Tisch für den Rollstuhl. Ein anderes Beispiel: Als ich neulich mit der Euregiobahn fuhr, kam eine sehr verzerrte Lautsprecherdurchsage, man müsse in einen anderen Wagen umsteigen.

Für Menschen mit einer Hörschädigung war das sicher nicht zu verstehen. Sie und Gehörlose hätten eine Anzeige gebraucht – die technischen Voraussetzungen dafür waren in dem Wagen vorhanden, aber sie wurden nicht genutzt.“ An Menschen mit einem Handicap habe man offensichtlich nicht gedacht. Beide Beispiele zeigen laut Herlitzius: „Inklusion kostet nicht immer viel Geld, es bedarf nur neuer Überlegungen. Unsere Aufgabe wird es sein, diesen anderen Blickwinkel in die Diskussion einzubringen.“

Themenfelder gibt es reichlich, auf denen sich Herlitzius und ihr Team tummeln wollen. Mobilität ist eines (siehe Box), der Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung ein anderes. Der Wohnungsmarkt, der Zugang zu touristischen Einrichtungen, Bildung oder die soziale Infrastruktur sind weitere Themen, mit denen sich das Inklusionsamt beschäftigen wird.

Herlitzius möchte dazu Arbeitsgruppen einrichten, in denen sie – auch zusammen mit Behinderten oder Vertretern von Behindertenverbänden – fachliche Dinge mit Experten aus der Wirtschaft, aus Behörden und Interessenverbänden erörtert. Immer unter der Fragestellung: Was müssen wir verändern, um behinderten Menschen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen?

Transparenz herstellen

Einen Auftrag hat die städteregionale Sozialkonferenz Herlitzius in dieser Woche schon erteilt: Sie soll Transparenz in der Frage herstellen, ob behinderte Beschäftigte in den Caritas-Werkstätten geringer entlohnt werden als Beschäftigte anderer Träger – und wenn ja, warum. Da gibt es derzeit viel Unmut. „Wir werden versuchen, da moderierend tätig zu werden, indem wir möglichst viele Informationen zusammenstellen, die einen Vergleich der Werkstätten ermöglichen“, sagt Herlitzius.

„Moderierend wirken“ ist ohnehin eine der Hauptaufgaben, die das Inklusionsamt übernehmen wird. Denn die Städteregion ist in vielen Bereichen gar nicht für die Umsetzung von sinnvollen Projekten zuständig, sondern die Kommunen, die Unternehmen oder andere Institutionen. „Ich sehe unsere Aufgabe darin, unterstützend tätig zu werden, Wege aufzuzeigen, möglicherweise auch Fördertöpfe ausfindig zu machen oder beispielsweise bei dem einen oder anderen Punkt den Landschaftsverband stärker in die Pflicht zu nehmen.“

Bei alledem spielt die Einbindung der Betroffenen eine entscheidende Rolle. Etwa über den noch einzurichtenden Behindertenbeirat, regelmäßigen Austausch mit den entsprechenden Beiräten in den zehn Kommunen sowie Beteiligung auch nicht organisierter Menschen mit Handicap an den Diskussionen.

Das Betätigungsfeld des Inklusionsamtes geht also weit über die eines klassischen Behindertenbeauftragten – in der Städteregion ist das Hartmut Buchbinder – hinaus. Den Unterschied beschreibt Herlitzius so: „Wenn eine Behinderte bei uns anruft und darüber klagt, dass sie keine passende Wohnung findet, hängt sich Hartmut Buchbinder ans Telefon und versucht, eine Lösung in diesem Einzelfall zu finden. Ich würde mit der betreffenden Stadtverwaltung überlegen, ob es möglicherweise generell an barrierefreiem Wohnraum fehlt und was man tun müsste, um gegenzusteuern.“

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert