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Inklusion in der Schule: Wissbegierig, neugierig, quietschfidel

Von: Martina Feldhaus
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Quietschfidel und neugierig: Der zehnjährigen Johanna merkt man kaum an, dass sie das Downsyndrom hat. Für ihre Mutter Helga Rohs liegt das auch daran, dass sie eine Regelschule besucht. Foto: Wiebke Tigges

Aachen. Johanna ist kaum zu bremsen. Mit einem Mal springt die Zehnjährige vom Stuhl auf, düst durchs Wohnzimmer hin zu ihrem Schulranzen und zieht ihre Mathehefte heraus. Zurück am Tisch erklärt sie in klaren Worten und fixem Tempo die Aufgaben, stellt Fragen, beantwortet welche, rechnet vor und will dann noch viel mehr von sich erzählen, von ihrer Katze, von den letzten Ferienerlebnissen, von der Schule. Wissbegierig, neugierig, quietschfidel – dass Johanna das Down-Syndrom hat, fällt kaum auf.

„Sie hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht“, sagt Helga Rohs, Johannas Mutter. Johanna ist eines von 636 Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die in der Stadt Aachen eine Regelschule besuchen. Seit Sommer 2012 geht sie zur Gesamtschule Brand, zuvor war sie in der Grundschule Am Höfling. Und auch der Kindergarten war bereits einer mit integrativen Gruppen. Wenn Helga Rohs zurückblickt, weiß sie eines ganz genau: Ihre Tochter auf Regelschulen zu schicken, war die absolut richtige Entscheidung. „Ich glaube, sie ist heute ein sehr freudiger, ein glücklicher Mensch. Sie hat sich super entwickelt. Für mich ist die Inklusion ein Erfolgsmodell.“

Ihre Überzeugung trägt Rohs auch außen. Sie engagiert sich im Aachener Verein „Gemeinsam leben – Gemeinsam lernen“, der sich nicht nur in Kindergarten und Schule, sondern auf allen Ebenen für die Integration von Kindern und Erwachsenen mit Behinderung einsetzt. Durch den Verein hat Rohs vielfach Kontakt zu anderen Eltern behinderter Kinder. Und sie kennt die Probleme.

Ein großes liegt etwa darin, an der gewünschten Regelschule auch tatsächlich einen Platz zu bekommen. „In Brand zum Beispiel kamen auf sieben Plätze 20 Bewerbungen. Das Auswahlverfahren fühlte sich schon schwierig an“, sagt sie. Letztendlich habe es bei Johanna glücklicherweise nach einigen Gesprächen geklappt. Andere müssten jedoch deutlich mehr kämpfen, weil die Plätze eben so begehrt seien.

Deshalb begrüßt sie es sehr, dass durch das neue Inklusionsgesetz, das im Spätsommer vom NRW-Landtag beschlossen werden soll, der integrative Unterricht zum Normalfall werden soll, also alle Schulen verpflichtet werden, Kinder mit Behinderung aufzunehmen. „Es ist einfach eine unglaubliche Motivation, wenn Johanna das tun und schaffen will, was die anderen auch machen“, stellt die Mutter immer wieder fest.

So werde etwa in der Gesamtschule Brand so weit es geht gemeinsam unterrichtet – und zwar meist in Doppelbesetzung, mit einem Regellehrer und einem Sonderpädagogen. Nur in Ausnahmefällen wird die Gruppe – in Johannas Klasse sind sieben von 24 Kindern Förderkinder – geteilt und separat beschult. Rohs: „Die Schüler bekommen dann Aufgaben in etwas abgespeckter Form. Oder Inhalte werden anders vermittelt.“

Keine schlechten Erfahrungen

So sind Johannas Mathehefte, die sie stolz präsentiert, spezielle Ausfertigungen. „Der Lehrer hilft uns bei den Aufgaben, und ich verstehe die besser“, erzählt sie. Dass die Zehnjährige etwas anders ist als der Großteil ihrer Mitschüler, ist ihr bewusst. Schlechte Erfahrungen mit den „anderen“ hat sie deshalb bislang nicht gemacht.

„Für die Kinder ist es völlig okay, dass nicht jeder in die Norm passt“, sagt Mutter Rohs. Nach der Schule will Johanna vielleicht in einer Wildtier-Station arbeiten. Sie hat viele Lieblingstiere – Adler, Kaninchen und Krokodile.

Was letztendlich möglich ist, wird sich in den nächsten Jahren noch zeigen müssen. Ein großer Wunsch von Helga Rohs kann derzeit noch nicht erfüllt werden: dass es für Johanna nach der zehnten Klasse an der Gesamtschule weitergeht. Rohs: „In der Oberstufe gibt es für geistig behinderte Kinder noch keine Integration. Johanna müsste also für die letzten zwei Jahre auf eine Förderschule. Das wäre sicher nicht schön für sie.“

Ähnliche Probleme gibt es bei den Berufskollegs, wie Christa Rößler vom Verein „Gemeinsam lernen“ erklärt. Trotzdem sehen sie und Rohs die Inklusion gerade in Aachen auf einem guten Weg. Einer, der durch das neue Gesetz noch weiter vorangetrieben wird.

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