Industriearchitektur: Modernes Arbeiten hinter altem Backstein

Von: Gerald Eimer
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„Hotspot“ im alten Industriegebiet: Mit einem Umbau der „Jahrhunderthalle“ auf dem alten Garbe-Lahmeyer-Gelände an der Jülicher Straße soll Aufbruchstimmung im Gewerbegebiet Aachen-Nord geschaffen werden. Foto: Harald Krömer

Aachen. Eine Schönheit war das alte Gewerbegebiet zwischen Jülicher Straße und Grüner Weg nie, und mit dem Niedergang ganzer Produktionszweige wie zuletzt beim Waggonbauer Talbot ist es nicht besser geworden. Viele Hallen stehen leer, Fabrikgebäude verfallen, große Flächen sind ungenutzt. Doch diese Tristesse lässt Gerhard Wittfeld und Peter Burggräf erst recht schwärmen.

In ihren Augen bietet das altehrwürdige Arbeiter- und Industrieviertel alles, wonach gegenwärtig die sogenannten Megatrends verlangen. Von „ungeahnten Potenzialen“ sprechen der Architekt Wittfeld und der Fabrikplaner Burggräf in ihrer Standortanalyse, deren abschließende Fassung sie am Mittwoch den Wirtschaftspolitikern der Stadt übergeben haben.

Demnach könnten gerade in Aachen-Nord die „Top-Arbeitsplätze“ der Zukunft entstehen. Junge „urbane“ und kreative Menschen – die Avantgarde – würden sich geradezu angezogen fühlen von dem Charme alter Fabrikarchitektur.

Die Welt werde sich in den nächsten 20 Jahren ähnlich stark verändern, wie in den vergangenen 100 Jahren, sind Wittfeld und Burggräf überzeugt. Und so haben sie auch keine Probleme, sich dieses von hoher Arbeitslosigkeit und vielen alten Menschen und Migranten geprägte Viertel als aufstrebendes Quartier vorzustellen, in dem neue und moderne Arbeits- und Wohnformen entstehen.

Altstandorte revitalisieren

Ihre Vision betrifft eine Fläche von gut 155 000 Quadratmetern, und die wird offenbar dringend benötigt. Noch könne man zwar die Nachfrage nach Gewerbeflächen erfüllen, sagt Dieter Begaß, Leiter des städtischen Fachbereichs Wirtschaftsförderung. „Aber in den nächsten Jahren laufen wir leer.“ Frühzeitig wolle man daher Vorsorge treffen und Altstandorte wie Aachen-Nord „revitalisieren“.

Mit seiner stadtnahen Lage, der guten Verkehrsinfrastruktur und auch der Anbindung an Grünflächen in der Soers oder an der Wurm biete das Viertel Vorzüge, die insbesondere die junge Start-up-Szene schätze, die etwa aus der RWTH hervorgehe. Kennzeichnend ist für sie, dass sie eher „sauber“ produziert, neue Technologien entwickelt, Know-how schafft und Service bietet. Ihr könnte man den Standort im Schatten der klassisch-produzierenden Platzhirsche bereits mit wenigen gezielten Eingriffen schmackhaft machen, sind Wittfeld und Burggräf überzeugt.

So empfehlen sie, einige Industrieflächen entlang der Wurm in Wohngebiete umzuwandeln. Teils sollten neue Grünzüge ins Quartier gelegt und neue Fuß- und Radwege geschaffen werden. Auch müssten Freiflächen erschlossen werden, auf denen etwa auch Gastronomie angeboten werden kann. Und das Parken sollte in einem Parkhaus „gebündelt“ werden.

Als „Hotspot“, von dem eine Initialzündung für das Viertel ausgehen könnte, haben die Planer die „Jahrhunderthalle“ auf dem ehemaligen Garbe-Lahmeyer-Gelände ausgeguckt. Die riesige im Jahr 1899 errichtete Halle gilt als „identitätsstiftend“ für den Standort und sollte zumindest in Teilen unbedingt erhalten und weitergenutzt werden, empfehlen Wittfeld und Burggräf. Büros, Ateliers, Werkstätten der unterschiedlichsten Branchen und auch Gastronomie können sie sich dort vorstellen.

Wer den Anfang machen und einen solchen Umbau bezahlen soll, ist offen. Manchmal reicht ein Impulsgeber, um Aufbruchstimmung in einem ganzen Viertel zu schaffen, ist Wittfeld überzeugt. Die nun vorliegende Studie soll auch Investoren anziehen, um die Entwicklung voranzutreiben. Laut Begaß führt die Stadt bereits Gespräche mit den verschiedenen Eigentümern der in Frage kommenden Flächen und möglichen Nutzern.

Und im Kleinen gibt es ja bereits ein Beispiel für die gelungene „Revitalisierung“ eines solchen Standorts: Der denkmalgeschützte Alte Schlachthof ist nach Umbau und Sanierung heute eine von vielen jungen Firmen geschätzte Adresse.

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