Aachen - Im Schutt lag ein winziger Printenmann

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Im Schutt lag ein winziger Printenmann

Von: Alfred Stoffels
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Was zu Wallfahrtszeiten einmal in Aachen los war, kann man sich nur mit einiger Mühe vorstellen. Im 15. Jahrhundert zum Beispiel hatte die Stadt um die 10.000 Einwohner, gleichzeitig drängelten sich 100.000 Pilger in den Gassen und auf den Plätzen. Pro Tag.

Naturgemäß gibt es nach so langer Zeit nicht mehr viele Zeugnisse dieser spektakulären Veranstaltungen, aber hin und wieder treten sie doch zutage - wie bei den Grabungen im Eingangsbereich des Doms.

Dort entdeckten die Archäologen eine ganz erstaunliche Menge so genannter Pilgerzeichen, aber auch Warengewichte und Münzen kamen zum Vorschein. Klares Indiz dafür, dass auch zahllose Händler vorbeischauten, wenn in Aachen die frommen Besucher strömten.

Pilgerzeichen sind kleine Plaketten oder Medaillen aus einer Blei-Zinn-Legierung, die vorwiegend im Mittelalter an Wallfahrtsorten verkauft und an Hut oder Kleidung getragen wurden. Sie galten als Zeichen aufrechten Christseins, sollten aber auch den Angehörigen beweisen, dass der zugehörige Pilger tatsächlich an heiliger Stätte gewesen war.

Erinnerungsstück waren sie natürlich auch - und ihnen wurde eine wundertätige Wirkung zugeschrieben. So legte man sie gerne auf ein malades Stück des Körpers, oder man gab den Kranken Wasser oder Wein zu trinken, in die man zuvor die Metallstücke getaucht hatte. Auch als Amulette wurden sie in Haus und Stall aufgehängt oder im Feld vergraben.

Gefunden wurden die Pilgerzeichen, die oft den verehrten Heiligen zeigen, im Domeingang, wo die Grabungen mittlerweile abgeschlossen sind. Und obwohl es sich um „Massenware” handelt, sind sie doch eher selten auf die Nachwelt gekommen, zumal Blei und Zinn keine sehr beständigen Substanzen sind - umso erstaunlicher ihr gehäuftes Vorkommen im Entree des Münsters. Eine Erklärung: Möglicherweise handelt es sich um Grabbeilagen „privilegierter Bürger”, die in der Vorhalle der Marienkirche bestattet wurden.

„Bodenfrisches Material”

Zu sehen ist ein Teil der Altertümchen jetzt im Haus Löwenstein, als Teil der Reihe „Zeitsprünge”. Bei der Präsentation wiesen Dompropst Helmut Poqué und Stadtarchäologe Andreas Schaub darauf hin, dass es sich quasi um „bodenfrisches Material” handele, das der genauen wissenschaftlichen Auswertung noch bedürfe. Große Freude aber darüber, dass bei den Domgrabungen nicht die fast schon üblichen Keramikscherben zum Vorschein kamen, sondern auch Gegenstände mit ausgewiesen sakralem Charakter.

Nur eine Vitrine ist nötig, um die insgesamt zehn ausgestellten Pilgerzeichen aufzunehmen, allesamt aus dem 13./14. Jahrhundert. Drei stammen aus Aachen und zeigen Maria mit dem Jesuskind, andere kommen aus Maastricht, aus Köln und sogar aus Italien.

Wenn Wallfahrt war, geriet die Umgebung des Doms zu einem quirligen Ort des Handels. So wurden zahlreiche Warengewichte aus Blei gefunden und mehr als 100 Kupfer- und Silbermünzen, die aus dem 12. bis 18. Jahrhundert herrühren und zum Teil in Aachen geprägt wurden. Die Gewichte wurden möglicherweise beim Verkauf von Gewürzen und Metall benötigt. Alle wiegen weniger als 20 Gramm und eigneten sich nur für leichte Ware.

Die kleine Ausstellung „Pilger, Händler und Gräber im Schatten des Aachener Doms” ist, als Teil der Route Charlemagne, noch bis zum Oktober im Haus Löwenstein zu sehen. Schaub will mit dem Chef der Domschatzkammer überlegen, ob anschließend eine größere Präsentation an dieser Stelle möglich ist. Mit von der Partie wäre auf jeden Fall wieder jenes Pilgerzeichen, das aus einer Heiligenfigur besteht, die aussieht wie Aachens erster Printenmann. Sehr en miniature allerdings.
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