Holpriger Weg ins Leben ohne Kriminalität

Von: Martina Rippholz
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Spagat zwischen Justiz und Jug
Spagat zwischen Justiz und Jugendarbeit: Michael Schaar, Teamleiter der Jugendgerichtshilfe, muss diesen täglich schaffen. Foto: Harald Krömer

Aachen. Die Sache war eigentlich ganz einfach. Alex (Name von der Redaktion geändert) und seine Freunde hatten kräftig gefeiert, es war viel Alkohol geflossen. Später am Abend ging der Stoff aus. Neuer musste her. Aber wie, ohne Geld?

Alex und seine Kumpel beschlossen, „schnelles Geld” zu organisieren. Das hatten sie auch vorher schon getan. Autos aufbrechen, jemanden abziehen, alles ohne erwischt zu werden. Kein Problem also.

Aber diesmal lief es anders, mit ungewohnten Konsequenzen. Alex und die anderen machten in dieser Nacht einen typischen „Otto” aus. So nennen sie Menschen, die sich nach ihrem äußeren Erscheinungsbild mit großer Wahrscheinlichkeit nicht wehren können. Es folgte die übliche Masche: „Hast Du ne Zigarette?” fragt einer das Opfer. „Wenn der stehen bleibt, haben wir ihn”, erklärt Alex. Dann sei eins zum anderen gekommen. Man habe nach Geld gefragt, der „Otto” wollte keins geben, schließlich flog die erste Faust.

Das Opfer habe sich befreien können und sei weggerannt. Einer von Alex Kollegen hinterher, er selbst blieb auf halber Strecke stehen. Trotzdem wurde er erwischt, verbrachte den Rest der Nacht in der Ausnüchterungszelle der Polizei. Fingerabdrücke wurden genommen, Beweismittel sichergestellt. Später plauderten einige seiner Kumpels. Der 19-jährige Alex wurde belastet und fand sich einige Monate später wegen Raub und Diebstahl vorm Jugendschöffengericht in Aachen wieder. Das Urteil: 50 Stunden gemeinnützige Arbeit, eine Schadenswiedergutmachung und ein halbes Jahr Betreuung durch einen Ehrenamtler.

Vor allem Letzteres geht auf das Engagement von Michael Schaar zurück. Er ist Teamleiter der Jugendgerichtshilfe der Stadt Aachen und hat Alex durch den Prozess begleitet. Als Jugendgerichtshelfer spricht er vor Gericht eine Empfehlung für das Urteil aus, und zwar unter dem Aspekt der Erziehung. „Unsere Einrichtung befindet sich an der Schnittstelle zwischen Justiz und Jugendarbeit”, erklärt Schaar. „Das heißt, wir schlagen Maßnahmen vor, die dem Jugendlichen helfen, den richtigen Weg einzuschlagen.”

Und dafür sei der Wille zur Veränderung die zentrale Grundlage. Schaar: „Wer vor der Verhandlung zum Gespräch zu uns kommt, der hat schon mal einen sehr wichtigen Schritt getan.” Immerhin: Von den jährlich rund 1400 jugendlichen Straftätern in Aachen kommen laut Schaar 75 bis 80 Prozent zu ihm und seinen Kollegen, nachdem diese per Brief Kontakt mit den Tätern aufgenommen haben.

Konsequenzen und Optionen

So war es auch bei Alex. Der Brief von der Behörde landete in seinem Elternhaus. Obwohl er nur selten zu Hause ist, konnte sein Vater ihn überzeugen, dass er das Gespräch mit dem Jugendgerichtshelfer suchen muss. Dort haben Schaar und Alex dann über seine berufliche und familiäre Situation, seine Taten, die drohenden Konsequenzen und seine Optionen gesprochen.

Alex zeigte sich kooperationsbereit - und einsichtig. „Das war alles dumm von mir, und eigentlich wollte ich nie jemandem schaden”, sagt er heute. „Aber im Rausch waren mir die Konsequenzen nicht bewusst.” Schaar machte ihm die Konsequenzen klar. Vor allem, dass sie härter ausfallen, wenn nichts von ihm selbst kommt. Der pädagogische Ansatz funktionierte. Alex stimmte freiwillig zu, sich zusätzlich zum Strafmaß des Richters ein halbes Jahr lang einen ehrenamtlichen Betreuer zur Seite stellen zu lassen. Schließlich floss die Idee ins Urteil mit ein.

Alex Helfer heißt Tobias Storms. Er gehört zu einem Pool von 20 bis 25 Ehrenamtlern beim Verein für Jugendhilfe, die sechs bis zwölf Monate lang einen einzelnen Jugendlichen betreuen, ihn zu Behördengängen begleiten und ihm helfen, wieder in einen geregelten Alltag ohne Drogen und Kriminalität zu kommen. „Ich will ein Stück zu seiner Verselbstständigung beitragen. Und gemeinsam mit ihn herausfinden, was er mit seinem Leben anfangen will”, sagt Storms. „Ich wollte etwas für mich tun, mir helfen lassen, damit ich in Zukunft keine Mist mehr baue”, sagt Alex.

Storms ist Sozialpädagoge. Voraussetzung für die „Betreuungsweisung” - so heißt die Maßnahme im Amtsdeutsch - ist das aber nicht. Storms: „Wir Ehrenamtlichen haben unterschiedliche Berufe, aber eine soziale Ader braucht man auf jeden Fall”. Seit dem Urteilsspruch treffen sich Alex und Tobias Storms regelmäßig und telefonieren zusätzlich. Die Arbeit funktioniert vor allem über Vertrauen. Das müsse sich langsam aufbauen, sagt Storms. Sechs Monate seien da nicht allzu viel Zeit. Trotzdem hoffen alle, dass Alex erkennt, was er alles ändern muss. Und dass nur er selbst dafür verantwortlich ist.

Selbstständige Behördengänge

Leicht wird das nicht. Derzeit hat der 19-Jährige keinen Job, und die Fachoberschule hat er nach der Anklage abgebrochen. Viele Freunde sind ebenfalls kriminell. Doch es gibt gute Anzeichen für Erfolge. Alex hat einen Realschulabschluss in der Tasche. Er mache seine Behördengänge alleine, berichtet Storms. Etwa zum Arbeitsamt, denn er sucht jetzt einen Ausbildungsplatz, möglichst „in der Gastronomie oder als Fachlagerist”. Außerdem arbeitet er fast jeden Tag in einer offenen Tür seine Sozialstunden ab.

Die Zukunft für Alex ist ungewiss. Niemand kann voraussagen, ob die Hilfe fruchtet. Aber Michael Schaar weiß aus seiner über 30-jährigen Erfahrung als Jugendgerichtshelfer, wie wichtig es ist, an die Jugendlichen ranzukommen, um weitere oder schlimmere Taten zu verhindern. Und er ist froh, dass seine Arbeit heute von allen Seiten vor dem Jugendgericht akzeptiert und geschätzt wird.
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