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Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge: Mehr Platz für Beratung und Therapie

Von: Margot Gasper
Letzte Aktualisierung:
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Sie arbeiten im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge: von links Sozialpädagoge John Mukiibi, Heilpraktikerin Sunitha Kadirvel, Psychologin Elham Balochi, Diplom-Pädagogin Maria Theresia Aden-Ugbomah sowie Ismail Suare (Jurist, zertifizierter Sprach- und Integrationsmittler). Insgesamt arbeiten acht hauptamtliche Fachkräfte im PSZ. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Sie wurden gefoltert, geprügelt, vergewaltigt, verstümmelt. Sie mussten Furchtbares aushalten oder mit ansehen, in ihren Heimatländern, aber auch auf der Flucht. Viele der Männer, Frauen und Kinder, die sich vor Krieg und Gewalt nach Europa gerettet haben, sind durch das Erlebte schwer erschüttert.

Eine Anlaufstelle für traumatisierte Flüchtlinge aus der gesamten Region ist das Psychosoziale Zentrum (PSZ) in Aachen. Für Beratung und Therapie hat das PSZ neuerdings mehr Platz. Die Einrichtung hat am Adalbertstein 1 neue, größere Räume bezogen. Auch das Team wurde aufgestockt.

Die Erweiterung der Kapazitäten war dringend nötig. Bereits 2015 verzeichnete das PSZ in seiner Statistik 832 Beratungen und Therapien. In diesem Jahr sind es bis schon jetzt mehr als 1000. „Nun können wir mehr Menschen schneller helfen“, freut sich Diplom-Pädagogin Marie Theres Aden-Ugbomah, Geschäftsführerin des Pädagogischen Zentrums (PÄZ), in dessen Trägerschaft das PSZ steht.

Das Psychosoziale Zentrum gibt es schon lange in Aachen. 1997, vor fast 20 Jahren, wurde das PSZ eingerichtet. Es war zunächst ein Stück Infrastruktur für die Betreuung der vielen Flüchtlinge, die Anfang der 1990er Jahre aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland und nach Aachen kamen. Das Pädagogische Zentrum empfahl sich als Träger, denn dort hatte man bereits Erfahrung in der Arbeit mit Flüchtlingen – und eine ziemlich gute Vorstellung davon, was die Leute mitgemacht hatten.

„Im Auftrag der Stadt Aachen organisierten wir damals die Kinder- und Jugendarbeit in den Flüchtlingsunterkünften“, erinnert sich Aden-Ugbomah. „Dass sich eine Kommune freiwillig so intensiv um Flüchtlingskinder kümmerte, war ein außergewöhnlicher Ansatz und einmalig in Deutschland“, betont die Diplom-Pädagogin.

Die Psychosozialen Zentren in NRW, die mit Landesmitteln finanziert werden, verbinden Beratung und Therapie für Flüchtlinge. „Der Umgang mit traumatisierten Menschen erfordert besondere Kompetenz“, sagt Aden-Ugbomah. „Die Traumatherapie war Anfang der neunziger Jahre in Deutschland ein ganz neues Handlungsfeld. Man kannte das bis dahin nur vereinzelt vom Militär. In der breiten Fachöffentlichkeit aber war das Thema ganz neu. Im deutschsprachigen Raum gab es nicht mal Literatur dazu. Seitdem haben wir viel gelernt. Und viele Angebote haben wir selbst entwickelt.“

Unbegleitete Minderjährige

Seit die Flüchtlingszahlen wieder massiv angestiegen sind, ist dieses Wissen besonders wertvoll. Eine Stadt wie Aachen hat nun auch viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu versorgen. Und wieder ist das PSZ gefordert. „Die jungen Menschen haben beste Integrationschancen“, sagt Aden-Ugbomah. „Es ist wichtig, sie jetzt zu unterstützen.“ Wer traumatisiert in der Schule sitze und sich nicht konzentrieren könne, der laufe Gefahr, schulisch zu scheitern.

Wegen der enorm steigenden Nachfrage bietet das PSZ neben Beratung und Therapie mittlerweile auch sozialpädagogische Gruppenarbeit an. Bewährt hat sich aus Aden-Ugbomahs Sicht auch der homöopathische Ansatz in der Traumabehandlung, „gerade in der Notfallversorgung traumatisierter Menschen“. Bereits vor vier Jahren stellte das PSZ mit ausdrücklicher Genehmigung des Landes die erste Heilpraktikerin ein.

„Wir waren wahrscheinlich das erste PSZ in Deutschland mit einer Heilpraktikerin“, sagt die Geschäftsführerin rückblickend. Auch die Stadt Aachen unterstützt das PSZ und beteiligt sich 2017 an den Mietkosten. An die Städteregion werde man in Sachen Finanzierung ebenfalls herantreten, kündigt Aden-Ugbomah an.

Die Diplom-Pädagogin ist überzeugt: Das Psychosoziale Zentrum wird weiter gebraucht. Angesichts der verzweifelten Lage in den Kriegs- und Krisengebieten der Welt erwartet sie, dass weitere Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden. Eine Frau aus Eritrea, sagt sie, habe das neulich so formuliert: „Wäre ich in Eritrea geblieben, dann hätten meine Überlebenschancen bei fünf Prozent gelegen.“

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