Hilde Scheidt: „Wir müssen künftig aufmerksamer sein“

Von: Gerald Eimer
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Hilde Scheidt fordert, bei der Vergabe öffentlicher Aufträge mehr auf faire Produktionsbedingungen der Materialien zu achten. Foto: H. Krömer

Aachen. Seit bekannt wurde, dass am Templergraben Natursteine aus Vietnam und China verbaut werden, drängt nicht zuletzt das Bündnis „FAIRhandeln“ auf Aufklärung, unter welchen Bedingungen diese Steine produziert werden. Zufriedenstellende Antworten konnten bislang weder die Stadt Aachen noch das Bauunternehmen Tholen geben.

Lieferant der Steine ist die Berliner Firma Besco, die nähere Auskünfte an die „Nachrichten“ verweigert. Bürgermeisterin Hilde Scheidt (Grüne) gehört zu jenen, die über Jahre daran mitgearbeitet hat, dass die Stadt Aachen Mitglied der Kampagne „Fairtrade Town“ wird und damit ein Zeichen gegen die weltweite Ausbeutung von Bauern und Beschäftigten setzt. „Nachrichten“-Redakteur Gerald Eimer sprach mit ihr über die Schlussfolgerungen aus den Vorgängen am Templergraben.

Sie haben 2011 die Urkunde „Fairtrade Town“ entgegengenommen. Nun verbaut die Stadt am Templergraben Steine aus Vietnam mit ungeklärter Zertifizierung. Wie passt das zusammen?

Scheidt: Das Label „Fairtrade Town“ verpflichtet die Stadt Aachen, sich den Kriterien des fairen Handels zu stellen. Das ist ein Prozess, bei dem am Ende auch die Verwaltung nur noch fair gehandelte Produkte einkaufen und verwenden soll. Das schließt nicht aus, dass wir auch Produkte aus fernen Ländern kaufen. Es muss aber klar sein, dass die Menschen, die die Rohstoffe abbauen und die Produkte herstellen, fair bezahlt und behandelt werden. In der Natursteinproduktion gibt es den Verband Fair Stone, an den sich die Verwaltung wenden und die Zertifizierung der Steine prüfen lassen kann. Das ist hier offenbar nicht geschehen.

Es gibt namhafte Experten, die bezweifeln, dass es in Vietnam überhaupt unabhängige Kontrollen der Arbeitsbedingungen in den dortigen Steinbrüchen gibt.

Scheidt: Das ist in solchen Ländern wirklich ein großes Problem. Oft ist Korruption im Spiel. Oft werden auch die Zertifikate illegal benutzt. Die Verwaltung prüft derzeit, ob die Zertifizierung unseren Ansprüchen entspricht.

Merkwürdig ist aber doch, dass ausgerechnet ein städtischer Fachbereich unter grüner Führung das Motto „Global denken, lokal handeln“ außer Acht lässt und nicht auf Steine aus heimischer Produktion drängt.

Scheidt: Das hat nichts mit der politischen Farbe in dem Ressort zu tun. Wir haben in Aachen bislang den Schwerpunkt auf die Produktion von Lebensmittel gelegt. Nachhaltigkeitskriterien für Baustoffe haben wir noch gar nicht formuliert. Problematisch ist dies auch wegen des EU-weiten Vergaberechts, weil bei öffentlichen Ausschreibungen der preiswerteste Anbieter den Zuschlag kriegen muss. Allerdings hat der europäische Gerichtshof auch Bewegung in die Diskussion gebracht, weil für die Vergabe inzwischen auch soziale Kriterien berücksichtigt werden können. Wir müssen nun prüfen, inwieweit wir größere Spielräume erhalten und die Ausschreibungen künftig verändern und präzisieren können.

Hat sich denn im Vorfeld der Planungen überhaupt jemand für die Produktionsbedingungen in den Lieferländern interessiert?

Scheidt: Die Stadt hat den Umbau des Templergrabens ausgeschrieben, und die Planer haben dafür das Material festgelegt. Die Herkunft der Materialien wurde nicht beraten. Das ist ein Punkt, bei dem wir nachbessern müssen. Künftig wollen wir auch Planer und Architekten sensibilisieren, dass in Aachen bestimmte Kriterien bei Bauprojekten erfüllt werden sollen. Dazu gehört, dass die Steine nicht mit Kinderarbeit produziert werden dürfen und dass menschenwürdige Arbeitsbedingungen erfüllt werden.

Welche Lehre ziehen Sie aus der jetzigen Diskussion?

Scheidt: Wenn Fehler passiert sind, müssen wir die korrigieren. Sicher ist, dass Politik und Verwaltung bei der Vergabe solcher Projekte künftig aufmerksamer sein müssen.

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