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Hexenverfolgung wird aufgearbeitet

Von: Werner Czempas
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Wo einst das Königstor stand,
Wo einst das Königstor stand, wurden früher als Hexen verurteilte Frauen zum Richtplatz auf dem Königshügel geführt. Mehrere Bürger machen sich nun für ein Mahnmal stark, das an die Opfer erinnern soll. Noch tut sich die Stadt schwer mit einer Entscheidung. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. „So jemand den Leuthen durch Zauberey Schaden oder Nachtheil zugefüget, soll man ihn stossen vom Leben zum Tod und man soll solche Straff mit dem Feur thun.” Bei unter Folterqualen festgestellter Zauberei und Hexerei kannte die „Peinliche Halsgerichtsordnung Karls V.” von 1532 kein Pardon. In Aachen kostete das Gesetz zwischen 1604 und 1649 sieben Frauen den Hals.

Die Stadtgeschichte überliefert ihre Verbrennungen als Hexen. Nach mehr als 400 Jahren will die Stadt das Geschehen wiedergutmachen.

Mehrere Bürger appellieren an die Stadt, die unschuldig hingerichteten sechs Frauen und ein Mädchen zu rehabilitieren. Als symbolische Wiedergutmachung könne ihrer durch Tafeln oder ein künstlerisch gestaltetes Denkmal gedacht werden.

Das Bürgerforum befasste sich jetzt mit den mittelalterlichen Vorgängen und Vorstellungen. Einstimmig bittet das Forum die Verwaltung, „die Aufarbeitung der Verfolgung und Hinrichtung von Frauen als angebliche Hexen durch die Heimat- und Geschichtsvereine und die Wissenschaft mit den hierfür in Frage kommenden Dienststellen (Stadtarchiv, Volkshochschule, RWTH und andere) zu unterstützen und im Rahmen der Darstellung der Stadtgeschichte angemessen zu berücksichtigen”.

Das Bürgerforum stützte sich bei seiner Entscheidung auf eine stadt- und strafrechtshistorisch brillante Darstellung durch den städtischen Rechtsdirektor Dietmar Kottmann. Der schon seit der Antike bekannte Vorwurf der Zauberei oder Hexerei und die Verankerung der Folter im Prozessrecht, so Kottmann, habe „eine menschlich wie quantitativ erschreckende Dimension” erst mit dem 16. Jahrhundert bekommen. Vorausgegangen sei eine Bulle von Papst Innozenz VIII., in der die im „Hexenhammer” zusammengefassten mittelalterlichen Vorstellungen über den „Leibhaftigen” und angebliche „Teufelsbuhlschaften” böser Frauen als Dogma verankert worden seien.

„Die Menschen des 17. Jahrhunderts fühlten sich angesichts der Zementierung der Kirchenspaltung, der fortbestehenden Türkengefahr, des 30-jährigen Krieges und der Pest zutiefst erschüttert und existenziell bedroht. Dafür konnte Gott doch nicht verantwortlich sein, sondern das Böse, das man im leibhaftigen Teufel verkörpert sah. Die von der verunsicherten Bevölkerung überwiegend akzeptierte Hexenverfolgung wuchs sich zu regelrechten Massenverfolgungen aus”, schildert Kottmann den historischen Hintergrund.

„Wer trug nun die Verantwortung für die Verfahren und wen könnte man heute als dessen Rechtsnachfolger ansehen?” stellt Kottmann in seiner Expertise die entscheidende Frage. In einer damals „extrem aufgespalteten Gerichtsverfassung” habe in Aachen bei mit der Todesstrafe bedrohten Verbrechen der „Reichsstädtische Rat” konkurriert mit dem „Königlichen Schöffenstuhl zu Aachen”. Nur diese beiden Gerichte konnten die Todesstrafe verhängen.

Kottmann kommt zum Ergebnis, der Antrag auf Rehabilitierung der sechs Frauen und des Mädchens müsste sich an den Rechtsnachfolger des damaligen Gerichts wenden. Das aber sei nicht der Rat der Stadt, sondern die Gerichtsbarkeit des Landes.

Zudem unterliege es nicht der Kompetenz des Rates der Stadt Aachen, darüber zu befinden, ob die in früheren Jahrhunderten ergangenen Urteile Unrecht und die Verurteilten zu rehabilitieren seien. Als Rechtsnachfolger des alten Reichs gebe es auf dessen historischem Territorium in Europa mehrere Nachfolgestaaten, darunter die Bundesrepublik Deutschland. Aachens Rechtsdirektor: „Will man heute die Opfer rehabilitieren, wäre für eine förmliche Kassation des Unrechtsartikels der Deutsche Bundestag zuständig.”

Gleichwohl kommt Kottmann zum Schluss: „Das Anliegen, der schrecklichen Fehl- und Unrechtsurteile gegenüber unschuldigen Frauen zu gedenken, ist durchaus berechtigt.”

Er empfiehlt etwa eine Aufarbeitung durch Heimat- und Geschichtsvereine, auch bei Stadtrundgängen, Führungen und Vorträgen könne das Thema aufgegriffen werden, Literatur und Grafik könne in der Stadtbibliothek ausgestellt werden, Denkmäler seien möglich oder Erinnerungstafeln, sofern es dafür Sponsoren gebe, etwa am „Hexenberg” auf dem Königshügel zur Erinnerung an das 13-jährige Mädchen, das dort bei lebendigem Leib verbrannt worden sei.

„Ein noch weitergehendes Bedürfnis an Rehabilitation besteht heute nicht mehr, da praktisch niemand mehr daran zweifelt, dass der damalige Strafvorwurf einer angeblichen Hexerei oder Zauberei naturwissenschaftlicher Unsinn und juristisch gesehen krasses Unrecht war”, schließt Kottmann.

Zur Demonstration, wie aktuell das Thema aber auch im 21. Jahrhundert noch sein kann, kam es passgenau, dass sich im Bürgerforum ein junger schwarzafrikanischer Mitbürger aus Kamerun zu Wort meldete. Er berichtete, dass in einem Dorf seiner Heimat vor kurzem erst eine Frau nach der Beschuldigung durch ein Kind wegen Hexerei und Zauberei verurteilt worden sei. „Europa ist vielen Ländern ein Vorbild beim Thema Menschenrecht. Eine Verurteilung der mittelalterlichen Hexenverbrennungen hier in Aachen hätte positive Auswirkungen auf viele Länder Afrikas.”
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