Hein Lindgens geht: Eine rheinische Frohnatur nimmt Abschied

Von: Werner Czempas
Letzte Aktualisierung:
Zeitweilig hat er im Schatten
Zeitweilig hat er im Schatten von Kurt Malangré Aachen mitregiert: Nun verabschiedet sich Hein Lindgens, der „Jong va de Hörn” (der Junge von der Hörn), in den Ruhestand. Foto: Harald Krömer

Aachen. „Der Friede des dreieinigen Gottes sei mit Euch!” Solch frommes Wort hat der Hein Lindgens gelegentlich auf den Lippen, wenn er Freunde und Bekannte grüßt. Wenn die dennoch irritiert dreinschauen, fährt Lindgens unbekümmert fort: „Da müsst Ihr jetzt mit Amen antworten.”

Das passiert und so ist er, Hein Lindgens wie er leibt und lebt. Der Mann, der nach 46 Jahren in städtischen Diensten in diesen Tagen im Alter von 62 Jahren in den Ruhestand tritt, ist ein bekennender Katholik. Praktizierend mit sonntäglichem Kirchgang „und in der Woche auch schon mal”. Fern jeder heuchlerischen Frömmelei. Seit 33 Jahren nimmt er sich die Zeit für einwöchige Exerzitien - etwa im Kloster Maria Laach oder in der Abtei Kornelimünster. Da - und nicht nur dort - hat er gelernt, „sich oft zu hinterfragen - und dann leidest du”. So einer darf seufzen: „Schade, meine Mutter Kirche hat es schwer - und macht es sich schwer.”

Der aufrichtige Gottesmann vergibt, wenn wer ihn ein wenig frotzelt: „Hein, um alles in der Welt, welcher Teufel hat Dich geritten, Dir nach all den arbeitsreichen Jahren nun das Amt des stellvertretenden Aachener CDU-Vorsitzenden an den Hals zu hängen?” Der Pensionär in spe antwortet ohne langes Nachdenken: „Ab 5. Januar habe ich frei. Das ist ein Einschnitt. Wenn du dann gar nichts mehr hast, ist das schon komisch.” Also setzt er, der „nie Politiker, aber immer ein politischer Mensch war”, darauf, nun auch in der CDU „etwas Sinnvolles” leisten zu können. „Du siehst Menschen - deswegen”, fügt er hinzu.

Seinem Freund treu geblieben

Menschen sehen, mit Menschen reden - Schlüsselworte im Leben des Hein Lindgens. Zu den Christdemokraten fand er 1989. Das war das für ihn schlimme Wahljahr, als der Freund Kurt Malangré das Amt des Oberbürgermeisters an den Sozialdemokraten Jürgen Linden verlor. „In der Not muss man zusammenhalten”, ist er damals einem seiner Leitsprüche treu geblieben und ist auf der Stelle in die Partei des unterlegenen Freundes eingetreten.

Hein Lindgens spricht oft vom Glück, blickt er auf seinen Werdegang zurück. Vom ersten Glücksfall, überhaupt zur Stadt zu gehen. Vom Glück, das ihm hold war auf seinem langen Weg in der Stadtverwaltung vom kleinen Praktikanten über die vielen Stationen bis hinauf ins hohe Amt des Personaldezernenten, ins Amt eines Beigeordneten.

Klar, sein Handwerk müsse man verstehen, sagt er, aber auch das Glück gehöre dazu. Dann folgt einer der ihm eigenen, das Poetische streifenden Sätze, vorgetragen mit verschmitzter Miene: „Wenn der Mantel des Glücks vorbeirauscht, musst du den Saum packen.” Oder schlichter: „Glück ist, wenn du im richtigen Moment an der richtigen Stelle die richtigen Menschen triffst.” Menschen, „die dich sympathisch finden und du sie auch”.

Das Glück rauschte, die Momente kamen. Auch die richtigen Menschen in Person des damaligen Oberbürgermeisters Kurt Malangré und des Presseamtsdirektors Ottmar Braun, gute Freunde beide bis heutzutage. Von 1979 bis 1989 war Hein Lindgens Bürgerbeauftragter, der erste in der Stadt. Seine ganz große Zeit.

„Das war phantastisch, das war unglaublich”, schwärmt er über jene Ära, in der das Trio das Rathaus beherrschte, den Markt regierte und alles drumrum. Am Ende moserten selbst hartgesottene Parteifreunde, das Triumvirat Malangré-Braun-Lindgens regele die städtischen Dinge quasi im Alleingang.

Lange vorbei die Zeiten, als Politik noch im Kaffeehaus verhackstückt werden konnte. Oder an den Theken, wo die damals an Zahl noch überschaubare Aachener Presse die städtischen Dinge unter viel gemeinsamem Gelächter begierig aufpickte. Die Malangré-Jahre waren prägend für ihn, bekennt Hein Lindgens heute.

Nie habe er vergessen, wo er herkam. 1949 auf der Hörn geboren, der Vater Schreiner, die Mutter Schuhverkäuferin, karge Wochenlöhne und arme Zeiten, der Hein und seine Schwester begriffen „damals schon, dass das Geld ja irgendwo herkommen muss”. Und dann saß dieser „Jong va de Hörn” Jahrzehnte später im Rathaus beim Karlspreis plötzlich als OB-Referent „neben all den prominenten Leuten, die ich nur aus dem Fernsehen kannte”.

Ausgleichen, motivieren und zuhören - so beschreibt Lindgens selbst seine Stärken. Ähnlich wie einst der Bruder im Geiste von der anderen christlichen Fakultät, Johannes Rau, ein Versöhner statt Spalter. „Und immer bei den Menschen”, egal in welcher der vielen Funktionen. Im Ordnungsamt unvergessen „die vier Jahre bei den Obdachlosen”, ganz nah bei „de ärm Lü”. Stellvertretender Leiter im Fuhrpark, elf Jahre Bezirksstellenleiter Haaren, aufgebaut und geleitet den Zweckverband Straßenverkehrsamt für die Städteregion, 25 Jahre Personalrat.

Immer bei den Menschen, vermitteln und zuhören - wobei, „jevv ich zou, ich mull ouch jeär”, gibt er zu, erzählen tut er selbst für sein Leben gern. Bei keinem Rückblick vergisst er und er bittet ausdrücklich darum, das ja auch zu schreiben: „Ich möchte mich bei all denen bedanken, die mich in den 46 Jahren begleitet und mir geholfen haben.”

Noch immer wohnt der Hein Lindgens dort, wo er geboren worden ist , „en et Hüüsje va de Opa” auf der Hörn. „Mein Gemüt”, sagt er, „ist das größte Geschenk des Himmels.” Zornig kann man sich denn auch den meist verschmitzt dreinblickenden netten Menschen Hein Lindgens, diese in der Tat maas-rheinische Frohnatur, überhaupt nicht vorstellen.

Sommers startet er gelegentlich mit seiner 800-Kubik-BMW, im Fachjargon die „Gummikuh” R 80, Baujahr 1987, zur „Lügenmauer” nach Rurberg. Lügenmauer, weil dort die Motorradfans aus nah und fern mit ihren heißen Öfen prahlen und gewaltig aufschneiden. Wenn er so gemächlich durch die Eifel fährt, staunt er immer wieder: „Was hat der liebe Gott ne schöne Welt gemacht.”

Entspannter Lebenskünstler

Der baldige Beigeordnete a.D. Hein Lindgens ruht heiter und entspannt in sich selbst. Philosoph und Lebenskünstler. Der nicht nur das Leben, sondern auch einen guten Roten liebt, einen italienischen Barolo. Und Krimis liest, bevorzugt alle Simenons mit dem - ihm ähnlichen? - unnachahmlichen Kommissar Maigret.

Dem Hein Lindgens wäre wahrscheinlich jeder Job geglückt. Volkstümlicher Bischof. Präsident der Alemannia. Schuldirektor. Chef des Öcher Schängche. Und, und, und. Wenn er nicht die „schönn Karriere im Apparat” (Lindgens) der Stadt gemacht hätte, was dann? Die Antwort verblüfft dann doch: „Ich hätte immer gern Autos verkauft. Und ne Kneipe hätte ich gern gehabt.” Aber jetzt hat er ja die CDU.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert