Aachen - Hausbesitzer ohne eigenes Kapital

Hausbesitzer ohne eigenes Kapital

Von: Martina Feldhaus
Letzte Aktualisierung:
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Sind stolz auf das, was sie mit anderen im Jakobsviertel verwirklicht haben: Heide Pittelkow und Frank Renkewitz im Innenhof des Projekts vor dem Neubau im hinteren Bereich. Foto: Andreas Herrmann
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Macht ordentlich was her: die stattliche Fassade des Projekts „Wohnsinn“ zur Stepahnstraße hin. Foto: Herrmann

Aachen. Frank Renkewitz und Heide Pittelkow leben die Utopie. Sie wohnen selbstverwaltet und selbstbestimmt, in der Gemeinschaft, mit Jung und Alt und obendrein zu kleinen Mieten mitten in der Stadt – und das alles ohne je selbst Kapital besessen zu haben. Das klingt ziemlich nach einer Art Hausbesetzung im Alt-68er-Stil.

Aber wir schreiben das Jahr 2014 – und Renkewitz und Pittelkow sind keine linken Anarchisten, sondern einfach nur Menschen, die es satt waren, Miete zu zahlen, von Erhöhungen für Sanierungen abhängig zu sein und sich diktieren zu lassen, ob sie eine Pflanze in den Hausflur stellen oder einen Hund in der Wohnung haben dürfen.

Seit ein paar Jahren leben sie deshalb mit rund 30 anderen Menschen in zwei Alt- und einem Neubau in der Stephanstraße im Jakobsviertel – im Eigentum. Das Besondere: Sie besaßen selbst nie so viel Geld, um eins oder sogar mehrere Häuser kaufen oder bauen zu können. Trotzdem sind sie heute Hauseigentümer, zusammen mit einer ganzen Reihe weiterer Mieterinnen und Mieter.

Renkewitz und Pittelkow sind Teil des Aachener Wohnprojekts „Wohnsinn“. Es ist das einzige Projekt in NRW, das zum sogenannten Freiburger Miethaussyndikat gehört. „Das hat nichts mit der Mafia zutun“, klärt Frank Renkewitz schnell auf und lacht. Gerade steht er im beschaulichen Innenhof des Drei-Häuser-Komplexes, hinter ihm erhebt sich der Neubau, den der „Wohnsinn“-Verein bis 2010 in Eigenregie neu hochgezogen hat. Vielmehr sei das Syndikat ein deutschlandweit agierender Wohnverbund, dem mittlerweile 85 Projekte angehören.

Sie alle verbindet eins: Die Projekte funktionieren als GmbH. Das Freiburger Syndikat und – im Aachener Fall – der „Wohnsinn“-Verein sind die Gesellschafter dieses Unternehmens. Pittelkow: „Der Vorteil gegenüber einer Genossenschaft ist folgender: Wenn sich alle Genossen einig sind, könnten sie den Verkauf ihres Projektes beschließen. Das kann uns nicht passieren. Und das darf es auch gar nicht. Sonst würde das Syndikat sein Veto einlegen.“ Denn das ist die politische Idee hinter den Projekten: mit Gemeineigentum bezahlbaren Wohnraum schaffen, der auch dann erhalten bleibt, wenn neue Bewohner ans Ruder kommen. Ein Verkauf ist absolut tabu, die Mieten legen die Bewohner im Plenum selbst fest.

Nicht nur das Organisations-Modell, sondern auch die Finanzierung von „Wohnsinn“ ist – in Aachen – einzigartig, sie funktioniert nämlich im Kollektiv. „Wir haben und hatten alle kein eigenes Kapital“, erklärt Renkewitz. „Ich hab zum Beispiel Philosophie studiert“, fügt er lachend an.

Was also tun? Menschen finden, die den Aufbau eines autonomen Wohnprojekts auch für Menschen mit sehr kleinem Geldbeutel (es gibt bei „Wohnsinn“ einige Wohnungen mit Wohnberechtigungsschein) unterstützen wollen. Und das taten die „Wohnsinn“-Macher. Direktkredite lautet das Zauberwort für Renkewitz, Pittelkow und ihre Mitstreiter. Die bekommen sie, von Freunden und Förderern, die sich über einen Zinssatz von drei Prozent auf ihr verliehenes Geld freuen dürfen.

„In Spitzenzeiten liefen 180 solcher Kleinstkredite für unser Projekt, die lagen zwischen 50 und 10 000 Euro“, erklärt Pittelkow. Auch die Mieter selbst können, neben ihrer gezahlten Miete, „Wohnsinn“ mit Krediten unterstützen. So kam nach und nach das Geld zusammen, was man braucht, um bei großen Banken einen großen Kredit zu bekommen – für Häuserkauf und Hausbau in der Stephanstraße.

Das heißt aber nicht, dass Renkewitz, Pittelkow und Co. jetzt einfach zu den Bankern marschierten und flugs mit Begeisterung empfangen wurden. Weit gefehlt. Stattdessen ernteten sie Absagen. Zu unsicher, zu ungewöhnlich, vielleicht auch ein bisschen zu alternativ schien das Modell in dieser Finanzwelt, die davon lebt, Geld zu vermehren, um dann damit noch mehr Geld zu machen. Am Ende gelang es mit Hilfe des städtischen Wohnungsamtes, den wichtigen Kredit zu bekommen. „Mehrmals ist Johann Körfer mit uns zur NRW-Bank nach Düsseldorf gefahren. Dort musste dann alles auf den Tisch“, berichtet Renkewitz. „Die Fragestunde dort war härter als meine mündliche Magisterprüfung.“

Der Grund: Es galt, die Bank davon zu überzeugen, dass die „Wohnsinn“-GmbH wirtschaftlich arbeiten kann, trotz sozialem Wohnungsbau im komplett barrierefreien Ultra-Niedrigenergiehaus. Und dass der Kredit somit auch zuverlässig abgestottert werden kann. Pittelkow: „Die trauten uns erst nicht.“ Am Ende aber konnten wir sie und die anderen überzeugen, auch die kritische NRW-Bank. Durch ihr Modell? Vielleicht. Vielleicht aber auch durch ihre Art – und ihr unermüdliches Engagement. Denn das war und ist nötig, um so ein Projekt aufzubauen, um es tatsächlich in die Tat umzusetzen, um es am Leben zu halten.

Großes Know-how angeeignet

„Die Verantwortung liegt komplett bei uns“, sagt Renkewitz. „Das ist anstrengend, nicht für jeden was. Aber man hat alles selbst in der Hand.“ Ob die Beauftragung von Architekt und Handwerkern, die GmbH-Bilanzen, die Wohnungsverwaltung, Stromablese, Nebenkostenerstellung oder Versicherungen und Steuerwesen: Alles organisiert der Verein selbst, da muss jeder ran und eine Aufgabe übernehmen. Sei es „nur“ die Gartenarbeit oder die Pflege der Internetseite. Ein großes Know-how haben sich alle von „Wohnsinn“ über die Jahre angeeignet. Das geben sie weiter an andere Projekte aus dem Umfeld des Freiburger Syndikats.

Und mit der Tilgung des Kredits geht es gut voran. Mittlerweile steht „Wohnsinn“ auf sehr sicheren Füßen, nach fünf Jahren harter Arbeit, zwischen Zittern und Hoffen. Renkewitz: „Die Leute sind heute skeptischer gegenüber klassischen Banken. Sie wollen in Projekte investieren, die sie kennen. Wir spekulieren nicht mit Wohnraum, und jeder kann bei uns vorbeischauen. Das kommt an.“ Die Botschaft von ihm und Heide Pittelkow: Man muss sich nur trauen.

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