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Hauptwache: Nach den Ratten kamen Mücken

Von: Heiner Hauermans
Letzte Aktualisierung:
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Branddirektor Joachim Schäfer deutet auf einen der vielen Misssstände im Altbau an der Stolberger Straße. Das Fenster im Altbau ist undicht, die Farbe blättert ab, Schimmel bildet sich. Foto: Ralf Roeger
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Improvisation ist alles: Hier handelt es sich um den selbstgezimmerten Medikamentenschrank für den Rettungsdienst.
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Uniformen neben den Lösch- oder Rettungsfahrzeugen – ein Unding, beides muss räulich gegtrennt sein. Die Abgas-Absauganlage ist defekt.

Aachen. Dass in vielen Gebäuden der Aachener Feuerwehr teilweise haarsträubende Zustände herrschen, ist spätestens seit dem „Nachrichten“-Artikel Anfang Oktober öffentlich geworden. Wie schlimm es aber um den Altbau der Hauptwache an der Stolberger Straße wirklich steht, zeigt ein kleiner Rundgang durch das marode 60er-Jahre-Gebäude, beginnend im Obergeschoss.

 „Das Flachdach ist nie richtig abgedichtet worden“, sagt stellvertretender Leiter Joachim Schäfer. Der westdeutsche Plattenbau setze sich, so dass die Spaltmaße der Betonteile nicht mehr stimmen.Im gesamten Gebäude kann man Fensterkonstruktionen der letzten 40 Jahre studieren, von der Einfachverglasung bis zu Holz- oder Alurahmen. Das Treppenhaus gilt intern als Feuchtgebiet: „Wenn der Regen draufsteht, stehen hier die Pfützen.“ In der Fahrzeughalle ist die vorgeschriebene Absauganlage defekt, auch dort stehen Wasserlachen, Schimmelpilze bilden sich, Uniformen hängen direkt neben den Fahrzeugen, obwohl beide getrennt in Schwarz-Weiß-Bereichen aufbewahrt werden müssten, die Ausrüstung für die Rettungswagen, die desinfiziert werden muss, steht mitten in der Halle und im Keller ist es auch nicht besser: „Die Rohre sind gebrochen. Bis vor kurzem waren Ratten da, dann haben wir Köder ausgelegt. Danach kamen die Mücken. Ich bin jetzt 26 Jahre hier, ich kenne es nicht anders.“ Irgendwer hat es so zusammengefasst: „Das Gebäude ist funktional ausgewalzt.“

Und das in einem Gebäude, in dem sich 24 Stunden am Tag Beamte aufhalten, um für die Sicherheit und Rettung der Aachener Bürger zu sorgen, 365 Tage im Jahr. 300 Männer und vier Frauen sind bei der Berufsfeuer tätig, sie fahren 140 Einsätze in 24 Stunden, 80 davon im Rettungsdienst. Die Küche unter dem undichten Flachdach haben sie in Eigenleistung eingerichtet. Bei den Freiwilligen mit ihren elf Löschzügen sind sogar 550 Ehrenamtliche im Einsatz, davon 22 Frauen und 370 Aktive (der Rest ist in den Ehren-, Jugend- oder Altenabteilungen). In deren Unterkünften und Gerätehäusern sieht es, wie berichtet, meist nicht viel besser aus.

Doch seit Anfang Oktober hat sich viel getan. Der zuständige Dezernent Dr. Lothar Barth hat – nach dem Erscheinen des „Nachrichten“Artikels und begleitet von Mitarbeitern des Geäudemanagements – alle Standorte in Aachen abgefahren und sich von den Kommandanten die Probleme schildern lassen. Das waren manchmal Kleinigkeiten, die schnell behoben werden können, etwa eine vergessene Fuge über einem Tor in Laurensberg, der entsprechende Auftrag wurde schon erteilt.

Nicht so einfach zu beseitigen sind die Schwierigkeiten in Haaren oder Richterich, wo neue Ausfahrten gefunden werden müsssen. In Sief gibt es multiple Schäden, dort und in Richterich sind möglicherweise Neubauten erforderlich. Die Grundproblematik: Viele Gebäude wurden zwischen 1930 und 1960 errichtet und sind entsprechend heruntergekommen. Die Fahrzeuge sind sowohl in der Breite als auch in der Höhe gewachsen, die Einsatzzahlen sind stark angestiegen, Frauen inzwischen gleichberechtigt im Einsatz. Bei der Berufswehr stehen 100 000 Euro im Jahr für die Unterhaltung der Gebäude zur Verfügung, bei den Freiwilligen 60 000 bis 70 000 Euro. Die reichen nicht.

Ralf Kaulen ist der Sprecher der Freiwilligen Feuerwehr in Aachen. Er ist ebenfalls bei dem Pressegespräch dabei und sagt einen wichtigen Satz: „Wir müssen den Investitionsstau der letzten 20 oder 30 Jahre abarbeiten.“ Woher dieser rührt, dazu will sich allerdings keiner der leitenden Herren so recht äußern, stattdessen wird betont, wie gut das Verhältnis zwischen Hauptberuflern und Ehrenamtlern ist („zwei wohlerzogene Kinder“) und dass die Aachener Bevölkerung stolz auf das Engagement aller sein kann.

Immerhin: Die Rundreise soll künftig öfter gemacht werden, offenbar hat es auch Informationsdefizite gegeben. Und ein Kümmerer soll künftig zwischen Gebeäudemanagement und den Wehren eingesetzt werden. Gemeinsam will man im Spannungsfeld zwischen baulichen Notwendigkeiten, knappen städtischen Finanzen und Zeitraster ein Gesamtkonzept erarbeiten und der Politik zur Entscheidung vorlegen. Beigeordneter Barth: „Wir wollen nicht nur einen Wunschzettel schreiben, sondern realistische Vorgaben machen.“ Dann solll auch festgelegt werden, in welche Reihenfolge die Missstände angepackt werden.

Am liebsten ein Neubau

Schwerpunkt der Aktivitäten wird die Hauptwache an der Stolberger Straße sein. Dezernent Barth und Branddirektor Schäfer sähen einen Neubau am liebsten. Das Landesdenkmalamt will das marode Gebäude nämlich unter Denkmalschutz stellen. Vor einer Sanierung im laufenden Betrieb jedoch graut den Verantwortlichen. Einmal weil das vier bis sechs Jahre dauern würde, das Risiko einer Kostenexplosion bestehe und „wir weiterhin ein suboptimales Gebäude haben würden“. Sechs bis acht Millionen Euro wird allein dieses Vorhaben kosten.

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