Aachen - Haarener Bürgerfest zwischen Ritteradel und Riesentorte

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Haarener Bürgerfest zwischen Ritteradel und Riesentorte

Von: Werner Czempas
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Lehrreich gings zu, auf dem Bürgerfest in Haaren: Früh übt sich, wer andre gern zum Ritter schlägt. Dieser Recke hat Glück und genießt die Gunst des Burgfräuleins – hoffentlich. Derlei Audienzen boten sich beim ersten Haarener Bürgerfest an. Foto: Andreas Herrmann
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Riesen-Leckerei in der Seniorenresidenz Am Haarbach: Leiter Christoph Venedey und Koch Daniel Freisen vor einer Sieben-Quadratmeter-Torte. Foto: Andreas Herrmann
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Nicht nur Schlemmen, auch Bewegung steht auf dem Programm: Wer nur zusehen will, bitte: Die Sportdarbietungen (Verlautenheide) an der Schule. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. „Gigantisch!“ sagt Melanie Gather. Die Sprecherin der Stadtteilkonferenz Haaren-Verlautenheide findet das treffende Wort, das Spektakel zu beschreiben, das Aachens nord-östlicher Stadtteil am Wochenende bei seinem ersten Bürgerfest bietet.

An 20 Stellen in Straßen, auf Plätzen und Wiesen präsentieren sich rund 30 Vereine, Verbände und Institutionen dem Volk. Unter dem Motto „Haaren entdecken und erleben“ wurde der Ort zur Bühne.

Überall wird etwas geboten. Auf der Hangwiese neben der Welschen Mühle etwa, wo gleich drei Ritterschaften angeblich aus dem Limburgischen, aus Belgien und vom Rhein ihr Heerlager aufgeschlagen haben und mittelalterliches Leben aus der Mitte des 13. Jahrhunderts zelebrieren. Jedenfalls das, was sie sich darunter vorstellen, „wer weiß, wie das war“, gerät der Edle Lothar von Limburg ins Grübeln und kündigt Schwertkampf und Schreittanz der Recken und Reckinnen an. Wer will, kann in ein Kettenhemd schlüpfen, ist aber 20 Kilo schwer.

„Laura, die Seherin” ermöglicht“ mit Hilfe von Tarot-Karten einen Blick ins innerste Selbst“. Vis-à-vis schlägt Reichsritter von Eckbertstein Jungen zu Ritterkollegen und kürt Mädchen zu Burgfräuleins, so sie mit Pfeil und Bogen drei Prüfungen bestehen. Seherin und Ritter kassieren für ihre Mühewaltung „Silberlinge“, deren Wechselkurs frei konvertierbar erstaunlicherweise dem Euro gleichkommt.

Hammer-Obsttorte

An der Welschen Mühle starten Guido Hüllenkremer, Vorsitzender der IG Haarener Vereine, und Stellvertreter Reiner Bertrand Führungen durch den Ort, dicke Geschichtsmappe mit Fotos aus uralten Zeiten unterm Arm. Reiner Bertrand weist beim Abmarsch auf einen „echten Pit Lacroix“, eine von den Aachenern wenig beachtete Stahlplastik des Aachener Künstlers an einer Giebelseite der Mühle, noch aus Zeiten, als der legendäre frühere Bürgermeister Karl Pütz visionär aus seinem Ort ein Künstlerdorf machen wollte, ein zweites Worpswede.

Was auch erklärt, warum in Haaren an vielen Ecken Kunst anzutreffen ist. Haaren wurde erstmals 1152 urkundlich erwähnt, erzählt Bertrand und berichtet vom Gut Überhaaren, Haarens ältestem Gebäude, zeigt Bilder vom einstigen St.-Josephs-Kloster. Wer neugierig fragt, warum das Eck Bogenstraße-Haarener Gracht “Dr Prummehuck” heißt, erfährt die nicht ganz stubenreine Geschichte.

“Das ist ja ein Hammer!” Im Speisesaal des Seniorenzentrums in der Haarbachtalstraße hält eine ältere Dame die Luft an. Der Hammer, das Spektakulärste, der Wahnsinn: Dort steht die größte Obsttorte, die jemals in Haaren, ach was, in ganz Aachen gebacken worden ist. Die für ein Aachener Guinness-Buch der Rekorde vom Hocker hauenden Daten der Riesentorte: 7,5 Quadratmeter Fläche, vier Stufen hoch, 15 Kilo Mehl, 250 Eier, 10 Kilo Zucker, 60 Liter Vanillepudding, 20 Liter Sahne, 75 Kilo Obst (Melonen, Erdbeeren, Kiwi, Mandarinen und, und, und), 10 Liter Tortenguss, platziert auf 9 Tischen im Karree, wie ein Puzzle zusammengesetzt auf 60 nummerierten Tortenblechen, kreiert-geplant-vorgezeichnet von Küchenleiter Daniel Freisen, gebacken mit seinem Team in zehn Stunden, aufgebaut in sechs. Vielleicht 1000 Stücke sind draus zu schneiden, schätzt ein froher und stolzer Torten-König Daniel Freisen.

Technischer „Fortschritt“

Wer von Rittern, Geschichte und Tortenschmaus ermattet durchhängt, gönnt sich ein Päuschen und lässt sich mit einem grün-roten Bimmelbähnchen durch den Ort zockeln. Aussteigen aus dem ICE Haaren an der Germanusstraße. Hier stellen die Traktorenfreunde ihre umlagerten Oldies vor. Club-Vorsitzender Roger Soiran doziert über Transmissionsmaschinen, Kraftheber, Zapfwellen, Ackerschlepper. Hobby-Traktorist Gerd Nellessen aus Würselen steht neben einem seiner Schätzchen, einem „Fortschritt ZT 300“, ein blaues Ungetüm mit monströsen Reifen und lässt wissen: „Original DDR, aus dem Traktorenwerk Schönebeck, Weltklasse bis heute, 32 Schaltstufen, Anhängerlast 30 Tonnen, bei Vollgas 6,7 Liter die Stunde“.

Nach der Wende einem mit dem DDR-„Fortschritt” ins Süddeutsche „rüber gemachten“ LPG-Haupttraktoristen abgeluchst. Nellessen weiß seitdem fast alles über die Traktoren-Beschlüsse der DDR-Regenten seit 1962 und die - wegen Konkurrenz - Moskauer Störmanöver dagegen. Deutsche Geschichte, auf der Straße in Haaren, und der Traktor-Laie staunt: Nu gucke do, die Tätärä, Traktor-Weltklasse, immerhin.

Auch die Oldie-Freunde lassen einsteigen – in ein von einem kleinen Deutz gezogenes Gespann mit drei Mini-Bauernwagen, von St. Germanus runter in die Grünanlage Alter Friedhof. Hier grill- und sommerfesten die KG Hooreter Frönnde und Gäste bis spät in den Abend. Ob zu Fuß oder per Bähnchen: An den beiden Wochenendtagen entdecken die Besucher „die Vielfalt an Sport-, Kultur- und Freizeitangeboten sowie die schönen Facetten unseres liebenswerten Stadtteils“, wie sich das Bezirksbürgermeister Ferdinand Corsten gewünscht hat.

Ein Fest von Bürgern für Bürger” sollte es sein. Weshalb es keine übliche offizielle Begrüßung gab. Die Organisatoren hielten sich bescheiden zurück. Stellvertretend für sie alle sei dennoch einer genannt: Mit seinem Dienstfahrzeug, einem E-Bike, kurvte Bezirksamtsleiter Frank Prömpeler von Attraktion zu Attraktion und sah nach dem Rechten. Das fröhliche Lachen und die gute Laune verließen ihn nicht: „Ich bin richtig angetan, dass so viele Leute mitmachen. Alles ist wunderbar, für jeden ist etwas dabei.“

Wie sagte doch Mitorganisatorin Melanie Gather? Gigantisch!

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